Kritik

The Other Lamb

„The Other Lamb“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Für Selah (Raffey Cassidy) ist ein Leben ohne Shepherd (Michiel Huisman) kaum denkbar. Er war schon da, als sie auf die Welt kam, sie ist eine von vielen Frauen, die mit dem charismatischen Anführer in einer eigenen Kommune leben, weitab von allen anderen Menschen. Doch etwas ist dabei sich zu verändern, in Selah, in ihrem Körper. Und das bedeutet auch, dass ihr Verhältnis zu dem einzigen Mann, den sie kennt, sich wandelt. Aber will sie das? Und wie soll sie damit umgehen? Während die Gruppe nach einer neuen Heimat sucht, stellt die Jugendliche fest, dass ihr einst so unerschütterlicher Glaube langsam Risse bekommt und vieles nicht mehr so eindeutig ist, wie sie immer dachte …

Der Übergang vom Kind zum Erwachsenen ist die vermutlich spannendste Zeit in einem Leben – aber auch die komplizierteste. In diesen Jahren heißt es, sich von den Eltern zu lösen, alte Gewohnheiten und Überzeugungen zu hinterfragen und sich selbst in einer Welt zu finden, die sehr viel größer und komplexer ist, als man immer dachte. Das kann durchaus mit schrecklichen Erfahrungen einhergehen, gerade auch wenn der eigene Körper sich verändert und man nicht mehr versteht, was in einem selbst vor sich geht. Kein Wunder also, dass es immer wieder Filmemacher*innen gibt, die diesen Coming-of-Age-Aspekt mit Horrorelementen versehen, wenn etwa in When Animals Dream oder Blue My Mind die körperliche Veränderung monströse Folgen hat.

Der Horror des Unbekannten
The Other Lamb geht grundsätzlich in eine ähnliche Richtung, wenngleich der Horror hier weniger direkt ist. Vielmehr schwankt der Film ein wenig zwischen den verschiedenen Genres, ist einerseits psychologisches Drama, aber auch Mystery-Thriller, versehen mit alptraumhaften Momenten, wie sie eben in einem übernatürlichen Horrorfilm Platz finden würden. Die polnische Regisseurin Malgorzata Szumowska (Body, Die Maske) spielt hier gleich doppelt mit dem Schrecken vor dem Unbekannten: Wenn das Publikum angesichts diverser surreale Elemente ein wenig zurückschreckt, dann spiegelt das auch den Schrecken von Selah wider, für die ihre Welt gerade fremd wird.

Während die eindrucksvoll von Raffey Cassidy (Vox Lux) gespielte Protagonistin die Identifikationsfigur darstellt, hat The Other Lamb aber auch einiges über den Kult und die darin verankerten Hierarchien zu sagen. Der nur Shepherd, also Schäfer, bezeichnete Anführer thront über allem, der Welt und vor allem den Frauen ihm Untertan sind. Bei den weiblichen Mitgliedern des Kultes gibt es zwei hauptsächliche Gruppierungen, welche auch anhand der Kleidung unterschieden werden: Ehefrauen und Töchter. Konkurrenzkampf herrscht dabei nicht nur zwischen den Gruppierungen, sondern auch innerhalb. Jede möchte die Auserwählte sein, lechzt nach der Aufmerksamkeit des Shepherds.

Die täglichen Spannungen
Das erinnert einerseits natürlich an den Sektenführer Charles Manson, der auch Jahrzehnte später immer noch als Vorlage für zahlreiche Filme genutzt wird. Anders als dort gibt es hier jedoch keinen Kampf mit der Welt da draußen, keine blutigen Mord-Fantasien. In The Other Lamb ist man genug mit sich selbst beschäftigt und nutzt die internen Spannungen, um Reibung zu erzeugen. Das klappt ganz gut, sofern man eben nicht zu viel Genreausführungen erwartet. Der Film ist stärker an der psychologischen Komponente interessiert als an Taten. Die Handlung ist eher etwas sparsam, auch zum Ende hin mag man es ruhiger und nicht wirklich spektakulär.

Das Drama, welches auf dem Toronto International Film Festival 2019 Premiere hatte, ist deshalb für ein Publikum interessanter, das sich an der dichten Atmosphäre erfreuen kann, an grundsätzlichen Überlegungen zum Erwachsenwerden und dem Verhältnis zwischen Mann und Frau. Welche Auswirkungen hat es auf einen jungen Menschen, wenn es keine Außenwelt gibt, mit der man interagieren kann? Welche Rollen können Frauen übernehmen, die nicht Tochter oder Ehefrau sind? Es fehlen bei The Other Lamb ein wenig die Höhepunkte sowie ein klar erkennbares Ziel, weshalb der Film für einige letztendlich zu langweilig sein wird. Doch die wundervollen Landschaftsaufnahmen, mal ursprünglich, dann wieder mystisch, helfen dabei, in den ruhigeren Passagen dennoch dranzubleiben und dem unheimlichen Treiben zuzusehen.

Credits

OT: „The Other Lamb“
Land: Irland
Jahr: 2019
Regie: Malgorzata Szumowska
Drehbuch: Catherine S. McMullen
Musik: Rafaël Leloup, Pawel Mykietyn
Kamera: Michal Englert
Besetzung: Raffey Cassidy, Michiel Huisman, Denise Gough

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The Other Lamb
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The Other Lamb
„The Other Lamb“ erzählt von einer Jugendlichen, die in einer abgelegenen Sekte aufwächst und beginnt alles zu hinterfragen. Das ist grundsätzlich ein Coming-of-Age-Drama, jedoch verbunden mit Elementen des Mystery-Thrillers und des Horrorfilms. Der insgesamt recht ruhige Mix richtet sich dabei an ein Publikum, das sich an der dichten Atmosphäre und den tollen Bildern erfreuen kann, dabei weniger Wert auf die Handlung legt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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