Kritik

Sarita

„Sarita“ // Deutschland-Start: 20. Juni 2020 (Kino)

Seit sie denken kann, spielt sich das Leben der dreizehnjährigen Sarita in Khudunabari ab, einem nepalesischen Flüchtlingslager. Ihre Eltern wurden 1990 wie viele andere Bewohner Bhutans in Exil getrieben, weil sie gegen die Politik ihres Landes demonstrierten und mehr Demokratie forderten. Der Alltag im Camp ist geprägt von einer Vielzahl von Pflichten und Gängen, die Sarita machen muss, beispielsweise um Wasser zu holen oder in die Schule zu gehen, in der sie zusammen mit vielen Gleichaltrigen die Sprache und die Kultur Bhutans lernt. Mit der Zeit hinterfragt Sarita immer mehr, nicht nur, was der Lehrer sagt und ihr beibringt, sondern auch das Leben im Lager. Auf ihrer Suche nach Antworten betet sie im Tempel zu Shiva, der schließlich zu ihr spricht und ihr als Gegenleistung für die Besserung ihrer Lage Amnesie auferlegt.

Während Sarita also ihre Eltern, Freunde und andere Bewohner des Camps nach ihren Ursprüngen und ihren Geschichten fragt, viele geprägt von Heimweh, Wut und dem Trauma der Verhaftung bevor sie ins Camp kamen, zeichnet sich eine weitere wichtige Veränderung im Leben Saritas wie vieler anderer Campbewohner ab. Der Plan, sie in andere Länder umzusiedeln, stößt nicht nur bei Sarita, sondern auch bei vielen anderen auf geteiltes Echo, wobei viele sich fragen, warum die internationale Gemeinschaft nicht mehr Druck auf ihre alte Heimat ausüben kann, sodass sie alle zurückkehren können. Auf ihrer Suche nach Antworten zu diesen Fragen, stellt sich Sarita nicht nur gegen ihre Eltern, sondern stellt den Oberen des Camps sehr unangenehme Fragen.

Fragen, Singen und Tanzen
Dem 89-minütigen Sarita, einer Mischung aus Musical und Dokumentation, geht eine zehnjährige Recherche und Produktion seitens des italienischen Regisseurs Sergio Basso voraus. Neben den Bewohnern des Camps sprach er auch mit vielen Organisationen und Politikern über die Flüchtlinge und die Beziehungen zu Bhutan, insgesamt einer Thematik, die von der breiten Öffentlichkeit schon lange nicht mehr beachtet wird. Als er bei einem seiner vielen Besuche im Camp eine Gruppe Jugendlicher bei der Probe zu einem Tanz beobachtete, war die Idee zu der Verbindung von dokumentarischen Elementen mit denen des Musicals geboren. So ist ein Film entstanden, der gerade durch die letzteren Elemente sowie seine jugendliche Protagonistin sehr dynamisch und angenehm frech daherkommt, wobei der Grundton in den übrigen Szenen bisweilen etwas sehr didaktisch wirkt.

Mittlerweile ist man durch die Presse und beispielsweise die Dokumentation eines Ai Wei Wei zu der Lage der Flüchtlinge in Europa etwas geprägt durch die Bilder und die Geschichten von Flucht, Vertreibung wie auch den bürokratischen oder sozialen Hürden der Immigration. Dem Anschein nach bedient Bassos Film jenes Narrativ, wenn auch in einem anderen Kontext, weicht aber gerade durch die zunächst befremdlich wirkenden Tanz- und Gesangseinlagen von diesem Grundton ab. Jedoch gewinnt der Film durch diese Szenen, durch die jugendlichen Darsteller an Vitalität und Dynamik sowie an Scharfzüngigkeit, wenn speziell die Songtexte die für die Bewohner schon als normal akzeptierten katastrophalen Bedingungen thematisiert. Auf kreative Weise setzt man sich so mit Dingen auseinander wie der mangelnden Versorgung mit Trinkwasser und Lebensmitteln, mit denen man sich arrangiert und zwischen denen man sich so etwas wie ein normales Leben aufgebaut hat.

Bisweilen betont Bassos Film aber jene Fremdartigkeit dieser Elemente und den bizarren Charakter mancher Umstände. Wenn ein Beamter der Einwanderungsbehörde in einer Broadway-reifen Darstellung von den Vorzügen der vielen Länder singt, in denen die Flüchtlinge umgesiedelt werden, erreicht der Film schon satirische Züge.

Die schmerzliche Erinnerung an Träume
Neben diesen Szenen begleitet der Film die jugendliche Protagonistin bei ihrer Suche nach Antworten, wobei ihre Amnesie vornehmlich dazu dient, nicht zuletzt die geschichtlichen und politischen Hintergründe der Flucht der Lhotsampa, der Bevölkerungsgruppe, der Sarita und ihre Familie angehören, zu rekapitulieren. Ungeduldig und genervt reagieren manche Erwachsene auf die bohrenden, frechen Nachfragen, haben sie doch zum einen ihre Situation akzeptiert oder wollen aufgrund persönlicher Motive nicht an die Vergangenheit erinnert werden. „Ich kann mich noch nicht einmal mehr an meine Träume erinnern“, heißt es an einer Stelle, ein Satz unter vielen, in denen mehr als nur eine Wahrheit steht. Emotional packt dies den Zuschauer bisweilen, erschöpft sich aber auch in einem sehr didaktischen, lehrerhaften Ton, der Gott sei dank von der jugendlichen Protagonistin nicht akzeptiert wird.

Credits

OT: „Dimmi Chi Sono – Tell Me Who I Am“
AT: „Sag mir wer ich bin“
Land: Italien, Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Sergio Basso
Drehbuch: Sergio Basso
Musik: Pivio, Also De Scalzi
Kamera: Rabin Acharya

Bilder

Trailer

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Sarita
„Sarita“ ist eine interessante Mischung aus Musical und Dokumentation. Sergio Basso erzählt eine Geschichte über ein junges Mädchen, das sich nicht länger mit dem Stillstand im Lager zufriedengibt, nach Antworten sucht und das Narrativ der Erwachsenen hinterfragt.
7von 10

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