Kritik

Lemony Snicket Rätselhafte Ereignisse

„Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse“ // Deutschland-Start: 27. Januar 2005 (Kino) // 3. Juli 2006 (DVD/Blu-ray)

Es ist ein schwerer Schicksalsschlag für die drei Beaudelaire-Geschwister Violet (Emily Browning), Klaus (Liam Aiken) und Sunny (Kara und Shelby Hoffman): Ihre Eltern sind tot, bei einem furchtbaren Brand ums Leben gekommen, der das Familienanwesen völlig zerstörte. Wer soll sich denn nun um sie kümmern? Die Wahl fällt auf Count Olaf (Jim Carrey). Zwar kennt keiner der drei den exzentrischen Schauspieler, doch soll es sich bei ihm um den nächsten Verwandten handeln. Und so versuchen die drei, das Beste aus der Situation zu machen, müssen aber feststellen, dass der ebenso egozentrische wie selbstsüchtige Olaf nur auf das Familienvermögen aus ist. Ein neuer Vormund muss her, ganz klar – was wiederum neue Abenteuer mit sich bringt …

Die Idee war naheliegend: Die ganze Welt war im Harry Potter Fieber, die Bücher dominierten die Bestseller-Listen, auch im Kino standen die diversen Teile oben an der Spitze. Da schaute sich die Konkurrenz natürlich nach anderen Werken um, in der Hoffnung, mit diesen Kasse machen zu können. Die Wahl fiel früh auf die Reihe Eine Reihe betrüblicher Ereignisse von Lemony Snicket, Künstlername des Autors Daniel Handler. Tatsächlich wurden die Filmrechte schon zu einem Zeitpunkt eingekauft, als die erste Adaption um den Zauberlehrling Harry noch gar nicht draußen war. Doch bevor Snickets Welt die Leinwand betrat, sollte es noch mehr als vier Jahre dauern, die mit finanziellen Problemen einhergingen, auch der Regisseur musste mittendrin ausgewechselt werden.

Figuren aus einer anderen Welt
Gelohnt hat sich das Abenteuer für die Beteiligten nicht, zumindest nicht in Hinblick auf die Einspielergebnisse. Die fielen so enttäuschend aus, dass eine eigentlich angedachte Fortsetzung nie kam, erst 13 Jahre später folgte eine alternative Serienadaption auf Netflix. Dass dem Film kein größeres Glück beschieden war, das war schon schade. Denn auch wenn Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse ein paar Probleme mitbringt und deswegen nicht das herausragende Werk ist, das es hätte sein können, die Stärken überwiegen doch bei weitem. So sehr, dass der Film bis heute durchaus sehenswert ist und etwas zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

Beispielsweise hebt sich Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse von anderen Kinderbuch-Adaptionen durch ein erhöhtes Maß an Skurrilität hervor. So gibt es im gesamten Film praktisch keine Figur, die man als normal bezeichnen wollte. Schon die Kinder selbst heben sich sehr von ihren Altersgenossen ab: Violet zeichnet sich durch einen erhöhten Erfindungsreichtum aus, der sie immer wieder à la MacGyver irgendwelche Sachen zusammenbauen lässt, Klaus greift auf sein in unzähligen Büchern zu den kuriosesten Themen gesammeltes Wissen zurück, Sunny auf ihre starken Beißerchen, wenn sie sich nicht gerade in einer stets untertitelten Babysprache unterhält.

Aus Lust zur Übertreibung
Im Mittelpunkt steht jedoch der von Jim Carrey verkörperte Olaf, der sich an seiner eigenen Bosheit labt. Die Karriere des Kanadiers basiert bekanntlich maßgeblich auf dessen sehr expressiver Mimik, sein Talent zum Grimassenschneiden machte ihn gerade in den 90ern zu einem gefragten Komödianten. Dieses Talent demonstriert er auch hier, mit einer Lust zum Overacting, die ihn zum perfekten Schurken eines Kinderfilms macht. Wobei das Publikum hier nicht zu jung sein sollte, denn einige Passagen von Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse sind doch ziemlich düster, teils auch bizarr. Der Film ist den Werken von Tim Burton deutlich näher als das, was man sich von diesem Segment normalerweise erwartet. Dass vieles an dem Film sehr künstlich aussieht, stört deshalb auch nicht, ist vielmehr bewusst so angelegt. Regisseur Brad Silberling hat hier eine ganz eigene Welt erschaffen, die auch zeitlich nicht wirklich klar zu fassen ist.

Während die düster-schillernde Optik und die Auftritte der Stars, zu denen auch Timothy Spall und Meryl Streep zählen, viel Spaß machen, bleibt die Geschichte selbst ein wenig unbefriedigend. Zum einen merkt man dem Film an, dass er gleich drei Bücher auf einmal adaptiert, was den sehr episodenhaften Aufbau und die Hektik erklärt. Zum anderen bleiben zum Schluss sehr viele Fragen offen, nachdem zuvor immer wieder mit Mystery-Elementen gespielt wurde, die aufgrund der mangelnden Zeit jedoch nicht wirklich Raum bekommen. Aber diese Mankos lassen sich verschmerzen: Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse ist ein vergnüglicher, leicht grotesker Jahrmarkt, in dem die Kinder über böse Erwachsene triumphieren und der dazu ermuntert, die Welt als ein großes Abenteuer aufzufassen, wenn man nur genauer hinschaut.

Credits

OT: „Lemony Snicket’s A Series of Unfortunate Events“
Land: USA
Jahr: 2004
Regie: Brad Silberling
Drehbuch: Robert Gordon
Vorlage: Daniel Handler
Musik: Thomas Newman
Kamera: Emmanuel Lubezki
Besetzung: Jim Carrey, Liam Aiken, Emily Browning, Timothy Spall, Billy Connolly, Meryl Streep, Jude Law

Bilder

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 2005 Beste Musik Thomas Newman Nominierung
Bestes Make-up Valli O’Reilly, Bill Corso Sieg
Bestes Szenenbild Rick Heinrichs, Cheryl Carasik Nominierung
Beste Kostüme Colleen Atwood Nominierung
Saturn Awards 2005 Bester Fantasy Film Nominierung
Bestes Make-up Valli O’Reilly, Bill Corso Nominierung

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Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse
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Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse
An den Kinokassen war „Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse“ eine Enttäuschung, der Film selbst macht dafür Spaß. Zwar leidet die Adaption einer Kinderbuchreihe daran, dass zu viel in die Geschichte gepackt werden sollte, weshalb nicht alles wirklich befriedigend ist. Die betont künstliche Optik, das spielfreudige Ensemble und zahlreiche skurrile Einfälle sorgen aber dafür, dass sich das überraschend düstere Abenteuer Jahre später noch immer lohnt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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