Kritik

„Eselshaut“ // Deutschland-Start: 7. Mai 2020 (DVD)

Als die Königin im Sterben liegt, gibt ihr der König (Jean Marais) das Versprechen, nach ihrem Tod nur erneut jemanden zur Frau zu nehmen, die ebenso schön ist wie sie. Nach einer langen vergeblichen Suche, die lediglich minderwertige Ergebnisse mit sich brachte, fällt sein Blick auf seine eigene Tochter (Catherine Deneuve). Die ist in Anmut ihrer Mutter tatsächlich ebenbürtig und ihrem Vater auch durchaus zugetan. Heiraten möchte sie ihn jedoch nicht. Um ihr zu helfen, schlägt ihr die gute Fee (Delphine Seyrig) vor, als Zeichen ihrer Liebe ein Kleid für sich einzufordern, das dem Wetter gleicht. Zu ihrem Entsetzen schafft der König das vermeintlich Unmögliche, auch die späteren Kleider lässt er ihrem Wunsch gemäß anfertigen. Als letzte Maßnahme bleibt ihr daher nur die Flucht: Als Esel verkleidet findet die Prinzessin in einem kleinen Dorf eine neue Heimat – bis ihr dort ein charmanter Prinz (Jacques Perrin) über den Weg läuft …

Jacques Demy und Catherine Deneuve, das war damals ein echtes Traumteam Mehrere Male haben der Regisseur und die Schauspielerin zusammen Filme gedreht. Am bekanntesten waren sicherlich Die Regenschirme von Cherbourg (1964) und Die Mädchen von Rochefort (1967), schwungwolle Musicals voller Farben und mit ganz viel Liebe. Während die beiden Filme heute als große Klassiker gelten, dem beispielsweise auch La La Land an einer Stelle huldigte, sind die anderen Kooperationen eher etwas in Vergessenheit geraten. Das ist bei Eselshaut einerseits etwas überraschend, war der 1970 veröffentlichte Film in Frankreich mit mehr als zwei Millionen Besuchern doch der erfolgreichste der diversen gemeinsam gedrehten Wege. Andererseits ist das durchaus verständlich, ist der Film sicherlich auch der eigenartigste.

Märchen einmal anders
Märchenadaptionen gab es natürlich immer mal wieder. Disney dominierte mit den bekannten Geschichten erst den Zeichentrickmarkt, heute stehen die Live-Action-Remakes an der Spitze der Kinocharts. Doch mit denen ist Eselshaut kaum vergleichbar. Es ist sogar völlig unvorstellbar, dass sich der Mäusekonzern je an ein solches Werk gewagt hätte. Bereits die Vorstellung, dass ein König seine eigene Tochter heiratet, die auch noch von derselben Frau gespielt wird – Catherine Deneuve –, dürfte die meisten entsetzen. Befremdlich ist auch das Konzept, Kleider nach dem Wetter, dem Mond und der Sonne zu fertigen: Was im 17. Jahrhundert noch von Charles Perrault aufgeschrieben werden konnte und in Schriftform durchging, das war knapp drei Jahrhunderte später kaum mehr vorstellbar. Nicht nur die Figuren in dem Film reagieren oft mit der Frage, was das überhaupt bedeuten soll, dem Publikum daheim erging es ebenso.

Doch Jacques Demy war sich dieser Seltsamkeiten nicht nur bewusst, er förderte sie sogar noch. So baut er in Eselshaut immer wieder kleinere Irritationen ein, von Türen, die zu klein sind, bis zu Fortbewegungsmitteln, die es im 17. Jahrhundert eindeutig nicht gab – von der in den Märchen dargestellten Zeit ganz zu schweigen. Tatsächlich hat der Film immer wieder surreale Anmutungen, die eher an ein Alice im Wunderland erinnern als an ein herkömmliches Märchen, wenn man nie genau weiß, was der nächste Schritt mit sich bringt. Selbst für einen von Haus aus fantasievollen Stoff ist das hier ausgesprochen unwirklich, man weiß nie so recht, ob Demy hier überhaupt versucht, eine Geschichte zu erzählen oder ob er sich über das Ganze lustig machen will.

Eine humorvolle Interpretation
Tatsächlich ist Eselshaut ein sehr humorvoller Film, der für alles eine heitere Bildsprache findet, egal ob es nun bedrohlich, abenteuerlich oder tragisch sein soll. Farben werden ausgiebig und lustvoll auf die Leinwand gebracht, jedoch in den düsteren, satten Varianten, wie man sie sonst in Märchen findet. Demy setzt vielmehr seinen bonbonfarbenen Stil der 60er fort: Trotz des Fantasysettings ist das hier seinen anderen berühmten Musicals recht ähnlich. Er kann sich hier sogar noch ein bisschen mehr austoben, gerade mit den ausladenden Kostümen und den skurrilen Kulissen, die immer ein bisschen den Eindruck erwecken, einer Theateraufführung zuzusehen.

Der Nachteil: Die emotionale Komponente hält sich natürlich ziemlich in Grenzen. Wer also die vorangegangenen Musicals Demys schaute, um auch ein bisschen von der großen Liebe zu träumen, der braucht das mit Eselshaut nicht zu versuchen. In der zweiten Hälfte wird die Liebesgeschichte zwar das Geschehen dominieren, doch die Figuren werden nie real und menschlich genug, als dass das irgendwas Nennenswertes mit dem Herz auslösen würde. Und auch bei den Choreografien hat die Märchenvariante das Nachsehen, in den riesigen Kleidern lässt sich nun einmal schlecht tanzen, die Gesangseinlagen sind insgesamt ohnehin seltener. Dafür ist der Film aber ein visuelles Wunderwerk, das auch seines sonderbaren Humors wegen heute noch Spaß macht, ein Fantasytrip der etwas anderen Art, das man jedoch vielleicht nicht unbedingt Kindern zeigen sollte.

Credits

OT: „Peau d’âne“
IT: „Donkey Skin“
Land: Frankreich
Jahr: 1970
Regie: Jacques Demy
Drehbuch: Jacques Demy
Musik: Michel Legrand
Kamera: Ghislain Cloquet
Besetzung: Catherine Deneuve, Jean Marais, Jacques Perrin, Delphine Seyrig

Bilder

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Eselshaut
4.06 (81.11%) 18 Artikel bewerten

Eselshaut
„Eselshaut“ steht heute im Schatten der früheren Musicals von Jacques Demy mit Catherine Deneuve, hat dabei durchaus eigene Qualitäten. Die Choreografien sind einfacher, die Gesangseinlagen seltener, der emotionale Faktor wenig ausgeprägt. Aber die bonbonfarbene, humorvolle, teils ausgesprochen surreale Märchenadaption macht Spaß, gerade auch wegen der visuellen Gestaltung.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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