Kritik

Der Geburtstag

„Der Geburtstag“ // Deutschland-Start: 25. Juni 2020 (Kino) // 18. Dezember 2020 (DVD)

Das Verhältnis von Matthias (Mark Waschke) und Anna (Anne Ratte-Polle) ist schon seit Längerem ziemlich gestört, daran hat auch die Trennung und der Auszug von Matthias nichts geändert. Wäre da nicht der gemeinsame siebenjährige Sohn Lukas (Kasimir Brause), vermutlich hätten sie überhaupt keinen Kontakt mehr. So aber sind sie gezwungen, sich immer wieder mal zusammenraufen, etwa für die Geburtstagsfeier des Jungen. Die beginnt natürlich mit jeder Menge Zoff. Die eigentliche Herausforderung kommt aber erst später, als Julius (Finnlay Jan Berger), einer der Gäste, nicht von seiner Mutter abgeholt wird. Eigentlich will Matthias den Jungen daraufhin nur möglichst schnell bei dessen Eltern abliefern, weil er noch andere Pläne hat. Aber es kommt anders …

Erwartungen können etwas Schönes sein, wenn man sie erfüllt. Doch manchmal ist es noch schöner, wenn sie nicht erfüllt werden, wenn man etwas oder jemandem begegnet, der nicht nach den bekannten Regeln spielt. Der Geburtstag ist ein solches Beispiel. Das anfängliche Szenario ist nun wirklich nichts, was für übermäßig erstaunte Gesichter sorgen dürfte. Ein Vater, der sich mit seiner inzwischen getrennt lebenden Frau zofft und dabei das Kind vernachlässigt? Klar, kennt man, das kommt in den besten Familien vor. In den weniger guten sowieso. Und zumindest in den ersten Minuten meint man hier auch ziemlich genau zu wissen, was gespielt wird.

Ein Drama im Film-Noir-Gewand
Wären da nicht die Bilder. Sicher, dann und wann gibt es sie noch, die Filme, welche in Schwarzweiß gedreht wurden, sei es der Ästhetik willen oder um Vergangenheit zu symbolisieren. Aber bei einem an und für sich alltäglichen Drama, was in der Gegenwart spielt? Das ist eigenartig. Carlos A. Morelli, der hier Regie geführt hat und auch das Drehbuch verfasst, macht an der Stelle jedoch nicht Schluss. Vielmehr tut er alles, um eine Film-Noir-Atmosphäre zu kreieren, nächtliche Aufnahmen, lange Schatten und melancholische Jazzmusik inklusive. Und dann wäre da ja auch noch das Geheimnis, warum Julius nicht abgeholt wurde und warum niemand seine Mutter kennt.

Tatsächlich haben sich die Erwartungen bald an die Umgebung angepasst. Die anfänglichen Probleme zwischen Matthias und Anna – vergessen. Sohn Lukas – unwichtig. Stattdessen dominieren Fragen um die mysteriöse Frau und weshalb sie das Kind bei der Geburtstagsfeier gelassen hat. Eine Weile meint man dann auch tatsächlich, dass Der Geburtstag ein Krimi ist. Während der Mann und der Junge durch die Nacht taumeln, auf der Suche nach der Mutter, Anhaltspunkten oder wenigstens einer Toilette, ist die Neugierde hoch, worauf das alles hinauslaufen wird. Zumal die beiden immer wieder in schwierige, irgendwie absurde Situationen geraten, die Assoziationen mit Kafka wecken und nicht ohne Komik sind.

Ich suche, also bin ich
Aber auch das ist nicht die Antwort. Die Geschichte selbst handelt nicht von der Mutter, nicht einmal wirklich von dem Jungen, dessen hervorstechendste Eigenschaft noch diverse Lebensmittelunverträglichkeiten sind. Vielmehr ist die Reise durch die Nacht eine Art Erkenntnistrip für Matthias, auf dem er sich selbst ein besser kennenlernt und sich auf das Wesentliche konzentrieren darf. Dass da einiges nicht so ganz stimmt in seinem Leben, er da vieles, zu vieles, nicht im Griff hat, das ist ihm irgendwo schon bewusst. Nur braucht es da eine kleine Starthilfe, um endlich einmal die Bahn zu wechseln und sich neu auszurichten.

Als Mischung ist das schon gewagt: Ein Familiendrama, in dem die Familie kaum zu sehen ist, gemischt mit Mystery und Noir, das gibt es selten – vor allem bei einer deutschen Produktion. Künstlerisch zahlt sich der Mut aber aus: Das Drama, welches unter anderem beim Max Ophüls Preis 2019 gezeigt wurde, ist einer der interessanteren deutschen Filme der letzten Zeit. Und vielleicht hilft ihm auch das Veröffentlichungsdatum unmittelbar nach der Wiedereröffnung deutscher Kinos, wenn die Konkurrenz noch kleiner ist, damit sich der eine oder andere in der cineastischen Nachtsuche verirrt. Zu wünschen wäre es dem etwas anderen Genremix.

Credits

OT: „Der Geburtstag“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Carlos A. Morelli
Drehbuch: Carlos A. Morelli
Musik: Florian Sievers
Kamera: Friede Clausz
Besetzung: Mark Waschke, Anne Ratte-Polle, Finnlay Jan Berger, Kasimir Brause

Bilder

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Der Geburtstag
„Der Geburtstag“ will eine gewöhnliche Feier sein, ist am Ende aber was ganz anderes: Die Mischung aus Familiendrama und Film Noir geht ungewöhnliche Wege, wird zwischenzeitlich mysteriös bis absurd, wenn ein Mann einen vergessenen Geburtstagsgast des Sohnes nach Hause bringen will, und ist doch vor allem die Geschichte eines Erwachsenen, der sich auf den Irrwegen wiederfindet.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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