Kritik

Das große Fressen La grande bouffe

„Das große Fressen“ // Deutschland-Start: 27. September 1973 (Kino) // 21. Juli 2016 (DVD/Blu-ray)

An einem lange geplanten Wochenende wollen sich die vier Freunde Marcello (Marcello Mastroianni), Ugo (Ugo Tognazzi), Michel (Michel Piccoli) und Philippe (Philippe Noiret) in einem großen Haus mitten in Paris treffen. Vor allem kulinarisch wollen es sich die Herren gut gehen lassen und haben zu diesem Zweck ganze Ladungen Gemüse, Fleisch und Konserven sowie vieles mehr gekauft, sodass sie quasi pausenlos essen können. Da dem Playboy Marcello das ständige Essen schon nach kurzer Zeit nicht mehr genug ist, laden die vier Männer sich eine Schar Prostituierte ins Haus sowie die Lehrerin Andréa (Andréa Ferréol), auf die besonders Philippe ein Auge geworfen hat. So feiern die Herren eine Orgie aus Essen und Sex, von der sich einige der Damen bald schon angewidert abwenden. Während Andréa schon bald zur Gespielin der vier Herren wird und bisweilen gar ihre sexuellen Dienste anbietet, zeichnet sich die eigentliche Absicht der vier ab, die aus reinem Lebensüberdruss heraus vorhaben, sich zu Tode zu essen. Als dann Marcellos Lagerkoller Überhand nimmt und es Michel, der unter seiner Verdauung leidet, immer schlechter geht, zeichnet sich das dunkle Ende der Orgie ab.

Die große Leere
Zumindest durch seinen Ruf als Skandalfilm darf man den Film des Italieners Marco Ferreri getrost als seinen wohl größten Erfolg verbuchen. In Ländern wie Irland gar mit einem Aufführungsverbot belegt, waren es die expliziten Sex- und Fressszenen, die viele Zuschauer und Kritiker gegen den Film aufbrachte sowie natürlich die Darstellung der Folgen des übermäßigen Essens, insbesondere die übertrieben lauten Blähungen Michels oder die verstopfe Toilette. Zwar hat sich die Diskussion um den Film mit der Zeit versachlicht und man kann die Heiterkeit dieser Satire bewundern, die ein komisches, wenn auch wenig subtiles Porträt des großen Appetits der wohlhabenden Schicht darstellt.

Bereits nach wenigen Minuten, wenn der Film seine vier Hauptfiguren vorgestellt hat, wird man die offensichtliche Leere im Leben der Herren bemerken sowie ihren sehr ausgeprägten Hang zum Selbstmitleid. Durch ihre Professionen zu Reichtum und Ruhm gekommen, beklagen alle vier den Zustand der spirituellen Leere um sich, doch sind sie Teil des Problems, da sie immerzu neue Leere produzieren und keinerlei Ambitionen mehr haben außer der Akkumulation von noch mehr Dingen oder eben des maßlosen, sinnlosen Essens. So ist beispielsweise Michel erfolgreicher darin, eine Beziehung zu einem Produkt aufzubauen, welches er in seiner von ihm moderierten TV-Sendung bewirbt, als zu seiner eigenen Tochter, die ihn mit offenen Desinteresse betrachtet. Ugos Affektion zu Essen, zur Zubereitung von Speisen, hat einen ähnlichen Charakter angenommen wie die Verbindung Marcellos zu Frauen, der diese schon gar nicht mehr wahrnimmt und der sich in die Quantität der sexuellen Eskapaden flüchtet.

Interessant in diesem Ensemble ist nicht zuletzt der von Philippe Noiret gespielte Philippe, der als Richter eine ähnliche unpersönliche Beziehung zu seinen Fällen pflegt wie Ugo zum Essen oder Marcello zu den Frauen. Einzig die üppigen Rundungen seiner Amme oder die Andréas scheinen in ihm noch so etwas wie eine Reaktion zu bewirken, eine Art Eifersucht und Liebe. Jedoch ist der Drang nach mehr Essen auch ihn ihm übermächtig und übertrumpft letztlich scheinbar alles.

Tanz mit der Vergänglichkeit
Zusammen mit seinem Kameramann Mario Vulpani konstruiert Ferreri Bildkompositionen, welche die an sich schon stark an die Themen des Barocks angelegten Dialoge betonen. Gerade die opulenten, in ihrer Dimension bizarren Fressorgien erinnern stark an jene Stillleben aus der Zeit des Barock, welche an jene allumfassende Vergänglichkeit mahnen, denen alles Irdische letztliche unterliegt. Doch mit dem Wissen über diese unausweichliche Sterblichkeit, der spirituellen Wertlosigkeit des ewigen Essens, der Anhäufung von Dingen und Bettgeschichten, entsteht keine tiefe Weisheit, sondern nur eine wirre Flucht in als wichtig erachtete Aktivitäten wie der Reparatur eines alten Bugatti oder in als narzisstisch empfundene Gymnastikübungen.

Das stetig wiederkehrende Thema aus der Feder Philippe Sardes fängt mehr als deutlich diesen Prozess ein, in welchem angehäufter Konsum oder eben das ständige Essen irgendwann keinerlei Befriedigung mehr bringen kann. War es anfänglich noch gekoppelt an eine stark sexuell konnotierte Note, ist es schlussendlich nur noch eine disharmonische Tonabfolge, die passenderweise noch übertönt wird durch die lauten Fürze Michels.

Credits

OT: „La grande bouffe“
Land: Frankreich, Italien
Jahr: 1973
Regie: Marco Ferreri
Drehbuch: Rafael Azcona, Francis Blanche
Musik: Philippe Sarde
Kamera: Mario Vulpani
Besetzung: Philippe Noiret, Ugo Tognazzi, Michel Piccoli, Marcello Mastroianni, Andréa Ferréol

Bilder

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Cannes 1973

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Das große Fressen
"Das große Fressen" ist eine derbe Satire auf die Maßlosigkeit der Reichen und deren spirituelle Leere. Mit großer körperlicher Komik gespielt ist Ferreris Film nicht unbedingt der subtilste Vertreter dieser Thematik, aber wegen seines ätzenden Tons deswegen nicht weniger unterhaltsam, auch wenn man schon einen starken Magen haben muss, um manche der Bilder zu ertragen.
7von 10

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