Kritik

Beautiful Goodbye

„Beautiful, Goodbye“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Es hat schon einfachere, normalere Tage im Leben von Shinoda (Yusuke Takebayashi) gegeben. Schnell musste es gehen, weit weg von hier. Und so schnappt sich der Blogger einen Wagen, um mit diesem durchs Land zu fahren. Dabei trifft er jedoch auf Natsuko (Bi Yo), wortwörtlich, als er diese versehentlich anfährt. Eigentlich müsste sie durch den Aufprall tot sein. Und irgendwie ist sie das auch, gleichzeitig wieder nicht, was für beide nicht wirklich Sinn ergibt. Während die beiden nun gemeinsam im gestohlenen Auto die Landstraßen entlangfahren, heftet sich nicht nur die Polizei an ihre Fersen. Auch Natsukos Exfreund (Koki Nakajima) ist den beiden längst auf der Spur …

Normalerweise sind die Rollen in einem Zombiefilm klar verteilt: Die Zombies sind die Monster, die Menschen das Opfer. Sicher, angesichts der Bedrohung stellt sich bei so manchem Menschen heraus, dass er ein mindestens ebenso großes Monster ist wie die fleischfressenden Untoten. Doch selbst dann herrscht normalerweise Einigkeit darüber, dass Mensch und Zombie nicht zusammenpassen, man beide unbedingt voneinander getrennt haben sollte. Hin und wieder versucht sich ein Film aber daran, diese strenge Trennung aufzuheben. Im Fall von Fido – Gute Tote sind schwer zu finden wurden aus den Zombies Hausangestellte, eine Art Accessoire. Bei Warm Bodies durften sogar Gefühle für die Untoten entwickelt werden.

Auf Tuchfühlung mit einer Untoten
Beautiful, Goodbye scheint zumindest streckenweise in eine ähnliche Richtung zu gehen wie die US-amerikanische Liebeskomödie. Ein weiblicher Zombie und ein männlicher Mensch, die beide zusammen auf der Flucht sind und zu einer Schicksalsgemeinschaft werden, das schreit geradezu nach Amore – wenn auch einer etwas morbiden. Regisseur und Drehbuchautor Eiichi Imamura lässt seine nicht mehr ganz frische Protagonistin sogar überraschend lasziv auftreten, was angesichts ihrer eingeschränkten motorischen Fähigkeiten gleichzeitig komisch und ein bisschen verstörend ist. Doch der Film entwickelt sich anders weiter, bemüht darum, jegliche Erwartungen zu unterwandern.

Schon der Einstieg gestaltet sich ein wenig verwirrend, wenn in schneller Schnittfolge die Vorgeschichte der beiden Hauptfiguren gezeigt wird. Denn auch wenn wir wissen, dass da etwas Schlimmes vorgefallen ist, eine tatsächliche Erklärung bleibt aus. Die folgt erst später, im Lauf der rund 110 Minuten: Die gemeinsame Fahrt von Shinoda und Natsuko gibt ihnen die Möglichkeit, sich nach und nach besser kennenzulernen und gemeinsam mit dem Publikum die jeweiligen Vorgeschichten zu erfahren. Das hat Elemente des Thrillers, zumal beide auf der Flucht sind, nimmt mit dem Zombie einen Dauergast des Horrorgenres, verbindet dies mit einem Drama und einem Roadmovie. Selbst Humor findet sich in dem Beitrag der Nippon Connection 2020 immer mal wieder.

Ein Zombiefilm wie kein anderer
Das Ergebnis ist sicher eine der ungewöhnlichsten Genremischungen, die man im Bereich des Zombiefilms zuletzt hat sehen dürfen. Und das will was heißen bei einem Segment, das geradezu notorisch die eigenen Grenzen austestet. Der Mut zahlt sich für Imamura aber aus: Sein Langfilmdebüt schafft es, die verschiedensten Bestandteile zu einem Gesamtpaket zusammenzubauen, das etwas eigenartig, aber doch in sich stimmig ist. Es ist zudem spannend, in mehrfacher Hinsicht. Der turbulente Einstieg macht neugierig, was genau da eigentlich vorgefallen ist, die Verfolgung durch Polizei und Exfreund sorgt immer für eine gewisse Dringlichkeit. Außerdem will man natürlich wissen, was mit den beiden Hauptfiguren geschieht, für die es auf dieser Welt keinen Platz mehr zu geben scheint.

Allerdings braucht es schon ein wenig Geduld, um der ungleichen Schicksalsgemeinschaft Gesellschaft leisten zu wollen. Ist erst einmal der Hintergrund etabliert und die Figurenkonstellation eingerichtet, bewegt sich die Geschichte nur noch wenig voran. Das ist in Roadmovies nicht selten, wird meistens aber durch die ständig wechselnden Schauplätze oder Zufallsbegegnungen kaschiert. An beidem hatte Imamura kein Interesse, hatte vielleicht auch nicht das notwendige Budget. Man muss sich daher schon auf leise, eher langsame Filme einlassen können, um hier auf seine Kosten zu kommen. Vor allem Fans klassischer Zombiefilme werden kaum glücklich werden, da die zu erwartenden Actionszenen sehr sparsam ausfallen. Doch das macht Beautiful, Goodbye eben auch zu einem kleinen Geheimtipp, der mal skurril, mal poetisch ist, von einer Suche und Sehnsucht erzählt, die nicht einmal vor dem Tod Halt macht.

Credits

OT: „Beautiful, Goodbye“
Land: Japan
Jahr: 2019
Regie: Eiichi Imamura
Drehbuch: Eiichi Imamura
Musik: Tomoya Omura
Kamera: Kosuke Haruki
Besetzung: Yusuke Takebayashi, Bi Yo, Koki Nakajima

Bilder

Trailer



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4/5 - (15 votes)
Beautiful, Goodbye
Ein weiblicher Zombie und ein Mann auf der Flucht beschließen, gemeinsam durchs Land zu fahren. „Beautiful, Goodbye“ wartet nicht nur mit einem originellen Szenario auf, sondern verbindet auf ebenso ungewöhnliche Weise Elemente von Drama, Komödie, Horror und Roadmovie. Zwischenzeitlich zieht sich der Film ein wenig, der es lieber leise und langsam mag. Insgesamt geht der Mix aber auf, ist in sich stimmig und teilweise spannend.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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