Ist es ein Krimi? Ein Mystery-Thriller? Vielleicht sogar Horror? Oder doch ein Familiendrama? In seinem dritten Spielfilm I See You verwischt Adam Randall bewusst die Grenzen und erzählt eine wendungsreiche Geschichte um ein entführtes Kind, eine kaputte Familie sowie eigenartige Vorkommnisse in deren Haus. Nachdem der Film 2019 beim Fantasy Filmfest seine Deutschland-Premiere feierte, ist er seit dem 12. Juni 2020 auch regulär auf DVD und Blu-ray erhältlich. Wir haben das zum Anlass genommen, uns ein wenig mit dem britischen Regisseur über die Herausforderungen des Drehs und seine persönlichen Ängste unterhalten.

Adam, könntest du dich zum Auftakt ein bisschen vorstellen? Wolltest du schon immer Filmemacher werden?
Nicht ganz. Bis ich ein Teenager war, habe ich tatsächlich davon geträumt, Musiker zu werden. Filme habe ich aber natürlich schon immer geliebt. Das Kino der 80er oder das der 90er, mit dem ich aufgewachsen bin. Also dachte ich, ich mache Musik, bis ich etwa dreißig bin, und drehe danach Filme. Dann habe ich aber eines Tages Einer flog über das Kuckucksnest gesehen und wusste: Das will ich machen! Also habe ich mich für eine Filmschule beworben, einen Kurs belegt und bin ständig mit einer Kamera durch die Gegend gerannt, um auf diese Weise mein Portfolio aufzubauen. Aber es ist ein langer Prozess, bis du wirklich Filme machen kannst. Als ich mit der Filmschule fertig war, dachte ich: So, jetzt bin ich Regisseur. Doch dann merkst du, dass du wirklich erst am Anfang stehst. Zum Glück hat mir das im Vorfeld keiner gesagt.

Nun bist du schon ein wenig weiter und hast mit I See You deinen dritten Spielfilm gedreht. Wann und wie bist du zu dem Projekt dazugestoßen?
Mir wurde im April 2017 das Drehbuch zugeschickt. Ich habe es beim Lesen auf Anhieb geliebt, was ziemlich selten bei mir der Fall ist. Dann habe ich nachts noch lange gegrübelt, über die Figuren und die Geschichte, darüber, dass meine Erwartungen am Anfang sich als falsch erwiesen haben. Am nächsten Morgen habe ich es noch ein zweites Mal gelesen und direkt danach beim Produzenten angerufen, um ihm zu sagen, wie begeistert ich bin. Der Teil des Prozesses war also einfach.

Was war denn nicht einfach?
Die Finanzierung zum Beispiel. I See You ist ein Independent-Film. Deswegen war es sehr schwierig, das nötige Geld zusammenzubekommen. Vielleicht wäre es einfacher gewesen, wenn wir einen geradlinigen Horrorfilm gemacht hätten. Aber die Geschichte hat so viele Wendungen, dass sie nicht so leicht zu verkaufen ist. Denn hier wird erst relativ spät verraten, was für ein Film das überhaupt ist. Außerdem hat sich etwa eine Woche vor Drehbeginn rausgestellt, dass wir aus Budget-Gründen nur 20 Tage drehen können anstatt der eingeplanten 25. Deswegen mussten wir kurzfristig einiges am Drehbuch ändern, damit wir den Zeitplan einhalten können. Gleichzeitig wollten wir aber natürlich nicht den Stil ändern. Das war schon eine größere Herausforderung.

Und was hat sich beim Dreh selbst dadurch verändert?
Wir hatten beispielsweise ein zweites Kamerateam, das parallel Aufnahmen gemacht hat, von denen ich wusste, dass ich sie für den Film haben will, zum Beispiel die Nahaufnahmen von Glühbirnen. Es kam also vor, dass das eine Team im Wohnzimmer tatsächliche Szenen mit den Schauspielern drehte, während das andere in der Küche mit solchen Nahaufnahmen beschäftigt war, damit wir am Ende alles haben, was wir brauchten. Wir mussten aber auch auf Sachen verzichten, auf ganze Nebenhandlungen. Beispielsweise hatten wir Szenen mit Conor in der Schule geplant oder solche, die sein Verhältnis zu dem verschwundenen Jungen zeigen. Dafür hatten wir aber nicht mehr die Zeit.

Du hast gesagt, dass du das Drehbuch von Anfang an geliebt hast. Was genau daran hat dir so gefallen?
Beispielsweise mochte ich sehr, wie die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird und vieles von dem, was wir annehmen, dadurch auf den Kopf gestellt wird. Sogar das Genre wandelt sich mittendrin. Das fand ich sehr aufregend. Und es zeigt auch, wie schnell wir manchmal über etwas oder jemanden urteilen, nur um dann später festzustellen, dass das völlig falsch von uns war. Das ist etwas, das wir auch tagtäglich in den sozialen Medien beobachten können. Und zu guter Letzt hat mich die Geschichte auch bewegt.

Wenn du diese Erwartungen, die das Publikum an den Film und die Figuren hat, nicht erfüllst, riskierst du damit nicht, dass sich manche betrogen fühlen?
Das ist tatsächlich ein Risiko, vielleicht sogar das größte. Wir haben versucht es zu minimieren, indem wir uns ziemlich zurückgehalten haben und bei den Figuren auf Distanz geblieben sind. Das Publikum sollte die Möglichkeit bekommen, eigene Schlüsse zu ziehen und Entscheidungen zu treffen. Wir wollten es aber nicht so manipulieren, wie es in anderen Filmen oft üblich ist, bei denen ganz bestimmte Reaktionen provoziert werden sollen.

Welche Herausforderungen gab es ansonsten bei der Umsetzung des Drehbuchs, abgesehen vom finanziellen Faktor?
Das Drehbuch war an einigen Stellen schon sehr spezifisch, wie sich etwas abspielen sollte. Es gibt da beispielsweise eine Szene, in der Greg sich rasiert und in einem Wutanfall den Rasierer aus dem Fenster wirft, der die Scheibe zerschlägt und auf dem Dach landet, das mit dem Gästezimmer verbunden ist. Als wir dann bei dem Haus waren, wo wir drehen wollten, stellten wir fest, dass das dort gar nicht ging, weil die Zimmeranordnung anders war. Es ging also viel Zeit dafür drauf, das Drehbuch an das konkrete Haus anzupassen. Außerdem war das ursprüngliche Skript noch stärker nach klassischen Horrormustern geschrieben, mit vielen Jump Scares, und zuschlagenden Fenstern. Davon habe ich einiges rausgenommen. Dafür wollten wir lieber ein ominöses Gefühl der Bedrohung erzeugen.

Es finden sich aber nach wie vor eine Reihe von typischen Elementen des Haunted-House-Horrors in dem Film. Warum erfreuen sich solche Filme deiner Meinung nach immer noch solcher Beliebtheit?
Ich denke, dass es einfach eine furchterregende Vorstellung ist, dass sich dein eigenes Zuhause gegen dich erhebt. Ausgerechnet der Ort, der für dich ein Schutzraum sein soll, wird nun zu einer Gefahr – das ist schon erschreckend. Denn wo sollst du dich dann noch sicher fühlen? Außerdem ist es natürlich spannend und faszinierend zu sehen, was sich hinter verschlossenen Türen abspielt.

Bist du je in einer Situation gewesen, in der du dich nicht sicher gefühlt hast, egal ob zu Hause oder woanders?
Definitiv, ich bin ja in London aufgewachsen (lacht). Nachts mit der U-Bahn unterwegs zu sein und allein nach Hause zu laufen, da kannst du dich schon sehr unsicher fühlen, gerade als Teenager. In meinem eigenen Zuhause ist glücklicherweise bislang aber nichts passiert.

Was gibt es ganz allgemein, das dir Angst einjagt?
Ich hatte immer das Gefühl, dass die Welt um uns herum sehr zerbrechlich ist. Und heute mehr denn je fühlt es sich so an, dass viele der Systeme, die uns beschützen, in sich zusammenfallen können, ohne dass es viel dafür braucht. Meine Angst wäre also, dass die Gesellschaft auseinanderbricht. Das ist jetzt natürlich eine ehe diffuse Angst. Eine konkrete Angst, zum Beispiel vor Spinnen oder der Dunkelheit, hatte ich nie.

Meine nächste Frage betrifft auch die Gesellschaft. I See You basiert zumindest teilweise darauf, dass wir Angst haben, unbemerkt von anderen beobachtet zu werden. Aber ist das heute nicht gang und gäbe in einer Welt, in der öffentliche Plätze überwacht werden und unser Privatleben in sozialen Medien ausgebreitet wird?
Das stimmt natürlich. Ich komme wie gesagt aus London und wir haben glaube ich die meisten Überwachungskameras in der Welt. Nicht dass die viel bringen würden, denn wenn dann doch mal ein Verbrechen geschieht, funktionieren die nie. Aber unser Verhältnis hat sich wirklich in den letzten Jahren sehr verändert. Die Menschen filmen sich selbst, in den unglaublichsten Momenten, oder filmen andere. Ich bin einmal an einem Unfallort vorbeigekommen, an dem ein Auto einen Fahrradfahrer angefahren hatte. Und da standen viele Leute herum und filmten den Mann, der auf dem Boden lag. Das war ein verstörender Anblick. In I See You geht es dann auch tatsächlich sehr darum, andere zu sehen oder gesehen zu werden.

Und was können wir von dir als nächstes sehen? Was steht als nächstes an?
Ich will nicht zu viel verraten, weil es auch hier einen Twist gibt. Es ist eine Art Jugend-Neo-Noir über einen Typen aus einer ärmeren Gegend im Osten von L.A., der sich mit Mädels trifft und durch die Stadt fährt. Der Film ist ganz anders als I See You mit vielen Farben und Musik. Aber auch hier wird einiges richtig schief gehen. Der derzeitige Titel ist Night Teeth und der Film kommt hoffentlich Ende des Jahres über Netflix.

Zur Person
Adam Randall wurde 3. Oktober 1980 in London geboren. Nach dem Besuch einer Filmschule drehte er zunächst mehrere Kurzfilme. Sein Langfilmdebüt gab er mit dem Action-Thriller Level up (2016) über einen Mann, der einiges auf sich nimmt, um seine Freundin zu retten. 2017 erschien Film Nummer zwei, der Science-Fiction-Krimi iBoy. 2019 folgte sein dritter Film I See You. Der Mystery-Thriller um eigenartige Vorkommnisse in einem Familienhaus feierte auf dem South by Southwest Festival Premiere und lief anschließend auf einer Reihe von Genre-Festivals.



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Adam Randall [Interview]
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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