Kritik

The Boat DVD

„The Boat“ // Deutschland-Start: 27. September 2019 (DVD/Blu-ray)

Für den namenlosen Fischer (Joe Azzopardi) sah es nach einem Tag wie jedem anderen aus. Die Sonne scheint, das Meer ist ruhig, beste Voraussetzungen also, um seiner Arbeit nachzugehen. Bald jedoch bereut er es, hinaus auf die hohe See gefahren zu sein. Ein Nebel kommt auf, so dicht, dass er kaum mehr etwas sehen kann und bald die Orientierung verliert. Schlimmer noch ist aber, als er gegen ein Segelboot stößt, das scheinbar herrenlos auf dem Wasser treibt. Denn als er dort nach dem Rechten sehen will, ist er in dem Boot gefangen, so als ob es jemand auf sein Leben abgesehen hätte …

Zuletzt hat es wieder eine ganze Reihe von Filmen gegeben, in denen die Protagonisten und Protagonistinnen auf hoher See ums Überleben kämpfen. Das ging mal mit schwarzem Humor einher (Harpoon), mal mit unfreiwilligem (Dead Water), wenn umgeben von Meilen um Meilen an Wasser die anderen Menschen deine schlimmsten Feinde werden. Im Fall von The Ship – Das Böse lauert unter der Oberfläche konnte es aber auch das Schiff an sich sein, das zum Gegner wird, denn das war nicht nur alt, sondern auch mächtig verflucht. So unterschiedlich die Filme auch waren, inhaltlich wie qualitativ, sie einte doch das Setting, das immer mit einer gewissen Grundspannung einhergeht: Auf hoher See, mitten im Nirgendwo, ohne Hilfe, oft ohne Fortbewegungsmöglichkeit – das ist ein echter Albtraum.

Gefangen auf einem herrenlosen Segelboot
Zu einem Teil machen sich das auch Winston Azzopardi und sein Sohn Joe zunutze, die hier zusammen einen ungewöhnlichen Genrevertreter auf die Beine gestellt haben. Winston übernahm die Regie, Joe stand vor der Kamera, zusammen schrieben sie das Drehbuch. Wobei man gleich vorneweg sagen muss, dass das Drehbuch sicherlich nicht die größte Herausforderung des Films war. Dialoge gibt es praktisch keine, abgesehen von den vergeblichen Versuchen des Fischers, Hilfe herbeizurufen, kommt in den anderthalb Stunden keine Sprache vor. Außerdem ist es nicht so, dass The Boat mit wahnsinnig viel Abwechslung glänzen würde: Es gibt nur den namenlosen Protagonisten und seine vergeblichen Versuche, vom Boot runterzukommen und wieder ans Land zurückzufinden.

Das hört sich langweilig an, für manche vielleicht sogar komisch. Tatsächlich dürfte The Boat das Publikum ziemlich spalten. Die einen dürfte das Geschehen weniger zufriedenstellen, zumal die Azzopardis auf helfende Erklärungen komplett verzichten: Wir erfahren nicht, wem das Boot gehörte, wieso alle verschwunden sind. Auch lassen sie offen, ob es sich hier wie in The Ship wirklich um ein verfluchtes Boot handelt oder ob der Protagonist einfach nur Pech hat bzw. sich in seinem allmählich intensivierenden Überlebenskampf einiges einbildet. Waren das nicht eben gerade Schritte an Deck? Hat da jemand an der Tür geklopft?

Der Reiz des Rätsels
Andererseits verleiht diese Ungewissheit dem Film eben auch einen ganz eigenen Reiz. Im Gegensatz zu vielen Horrortiteln der letzten Zeit, die dem Publikum so gar nichts zutrauen und deshalb alles zu Tode erklären, wollen Joe und Winston alles so offen wie möglich lassen. The Boat ist sowas wie die alten Legenden, die man sich in Seemannsspelunken hinter vorgehaltener Hand erzählte. Eine Mischung aus realistischem Survivaltrip à la All Is Lost mit Spielbergs Thriller Duell, wo ein Truck den Protagonisten verfolgte und nach dem Leben trachtete, ohne dass man je erfahren hätte, wer am Steuer saß oder warum das alles überhaupt geschieht.

Wer sich damit abfinden kann, dass The Boat eben kein herkömmlicher Horrorfilm ist und sich sehr minimalistisch gibt, der kann sich hier aber durchaus gut unterhalten lassen. Die Kombination aus traumhaften Aufnahmen und imminenter Lebensgefahr war schon bei den obigen Kollegen ein Pluspunkt. Die Atmosphäre ist hier noch stärker klaustrophobisch, wenn selbst reguläre Gegenstände wie Türen zu einer Falle werden können. Und auch das Sounddesign des Thrillers, das auf dem Fantastic Fest 2018 Premiere hatte, kann sich hören lassen. Ein paar Punkte sind sicherlich weniger geglückt, darunter das nicht immer nachvollziehbare Verhalten des Helden oder dass der Film das Setting des Meeres relativ wenig einbezieht. Doch trotz dieser Mängel ist das hier eins stimmungsvoller Geheimtipp, der deutlich mehr bietet, als es der einfache Titel verspricht.

Credits

OT: „The Boat“
Land: UK, Malta
Jahr: 2018
Regie: Winston Azzopardi
Drehbuch: Joe Azzopardi, Winston Azzopardi
Musik: Lachlan Anderson
Kamera: Marek Traskowski
Besetzung: Joe Azzopardi

Bilder

Trailer

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The Boat
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The Boat
Ein namenloser Mann stößt auf hoher See auf ein herrenloses Segelboot und ist bald in diesem gefangen. Das hört sich vielleicht etwas seltsam an, ist aber ein stimmungsvoller Survival Trip, der immer wieder mit einer übernatürlichen Note arbeitet, das Publikum aber im Unklaren lässt. Richtig viel Abwechslung hat „The Boat“ dabei sicher nicht zu bieten, aber doch eine gute Atmosphäre und tolle Bilder.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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