Kritik

Ophelia

„Ophelia“ // Deutschland-Start: 30. April 2020 (DVD/Blu-ray)

Eine große Ehre wurde Ophelia (Daisy Ridley) zuteil, als sie von Königin Gertrude (Naomi Watts) aufgenommen und zur Zofe gemacht wird. Doch diese neue Position bringt viel Ärger mit sich. Nicht allein, dass die anderen Zofen jede Möglichkeit nutzen, um sich über die junge Frau aus einfachen Verhältnissen lustig zu machen. Auch der Hof selbst ist in Aufruhr, Gertrude selbst pflegt schon länger eine Affäre mit ihrem Schwager Claudius (Clive Owen). Als sich Ophelia auch noch in den Kronprinzen Hamlet (George MacKay) verliebt und der König unter mysteriösen Umständen stirbt, droht ihr Leben vollends aus den Fugen zu geraten …

Unter den vielen berühmten Stücken, die William Shakespeare uns hinterlassen hat, ist Hamlet sicher eines der größten. Die Geschichte um einen dänischen Prinzen, an dessen Hof Mord, Verrat und Intrigen herrschen, ist selbst weniger theateraffinen Menschen bekannt, allen voran durch unsterblich gewordene Zitate wie „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“ oder „Etwas ist faul im Staate Dänemark“. Gleichzeitig ist das Stück, wie die meisten des Barden, bis ins Kleinste interpretiert und analysiert worden, jedes einzelne Wort wurde von allen möglichen Seiten beleuchtet und diskutiert. Und doch, einigen ist das nicht genug. Sie versuchen eigene Werke zu erstellen, um dem bekannten Stoff etwas Neues abzuringen. So erzählte Tom Stoppard 1966 die Geschichte in seinem Stück Rosencrantz & Guildenstern Are Dead aus der Sicht zweier Nebenfiguren noch einmal neu, zeigt die großen Ereignisse durch die Augen von zwei unbedeutenden Menschen, die gar nicht so recht verstehen, was da eigentlich los ist.

Altbekanntes aus neuer Perspektive
Eine ähnliche Strategie nutzt Ophelia, die Verfilmung eines Romans von Lisa Klein. Auch hier wird eine Nebenfigur in den Mittelpunkt gerückt, um das Altbekannte noch einmal aus einer neuen Perspektive zu zeigen. Im Gegensatz zum obigen Stück, welches von viel Humor und einer Vorliebe fürs Absurde geprägt war, da bleibt man hier bei der dramatischen Ausrichtung. Erneut geht es um die großen Themen Verrat, Liebe und Wahnsinn, um Machtkämpfe, die mal offen, mal hinter den Kulissen ausgetragen werden. Der Unterschied ist jedoch, dass diesmal die Frauen tatsächlich etwas zu sagen haben, Teil des Geschehens sind, anstatt nur als liebliche Dekoration in den Strudel hineingezogen zu werden.

Der Film beginnt mit der bekanntesten Szene rund um die Titelfigur: Ophelia im Fluss. Meistens wird sie in der Wahrnehmung auch eben darauf reduziert, wie sie, längst wahnsinnig geworden, mit wallender Mähne ins Wasser stürzt und dort ertrinkt. Es ist ein schönes Bild, poetisch, liebreizend – und doch nicht sehr schmeichelhaft, wenn die Frau sich nur durch vergebliche Liebe und eine Unfähigkeit zum Leben hervortut. Klein wollte daraus etwas anderes machen, ändert in ihrem Jugendroman nicht nur diese Szene ab, sondern gibt der Figur deutlich mehr zu tun. Während Ophelia bei Shakespeare nur im Zusammenhang mit der Liebe zu Hamlet Erwähnung findet, da macht der Film aus ihr einen eigenständigen Charakter mit einer eigenen Geschichte und Vorgeschichte.

Frauen als komplexe Figuren
Zugegeben, die spannendste ist diese nicht. Ophelia, das beim Sundance Film Festival 2018 Premiere hatte, nutzt den Perspektivenwechsel in erster Linie, um Unterschiede in Bezug auf den Stand wie auch das Geschlecht aufzuzeigen. So darf Ophelia als Kind nicht zusammen mit den Jungen lernen, später werden ihre Lesekenntnisse mit Argwohn gestraft – Frauen sollen schließlich heiraten, nicht denken. Zudem hat sie darunter zu leiden, aus dem Volk zu kommen, weshalb sie – trotz vergleichbarer Position am Hof – von den anderen verspottet wird. Immerhin geschieht das durch die anderen jungen Frauen, der Film versucht also zumindest, die Gut-Böse-Linie nicht am Geschlecht allein festzumachen. Zumal auch Gertrude eine höchst ambivalente Figur ist, getrieben von dem Verlangen, jung und begehrenswert zu sein. Etwas plakativ ist hingegen die neu hinzugefügte Figur der Mechtild, ebenfalls gespielt von Watts, Schwester der Königin, die als verstoßene Hexe das übliche Opfer männlicher Selbstsucht und Überheblichkeit sein darf.

Gespielt sind diese Figuren dafür gut: Regisseurin Claire McCarthy konnte für ihr Projekt zahlreiche große Namen gewinnen, allen voran natürlich Daisy Ridley (Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht), die als selbstbewusste, intelligente Ophelia tatsächlich Anteil am Geschehen hat. Und George MacKay hat kürzlich auch in True History of the Kelly Gang bewiesen, dass er sein freundlich-harmloses Äußeres mit Spuren von Wahnsinn zersetzen kann. Zusammen mit der schönen Ausstattung ist Ophelia daher durchaus einen Blick wert, als Ergänzung und Kontrast der bekannten Geschichte. Zum Schluss wird es ähnlich over the top wie das Original, mit leichten Abänderungen: Das muss man dann schon in den historischen Kontext setzen, um nicht lauthals zu lachen. Der Film will zwar neue Perspektiven aufzeigen, sich etwas moderner geben, ohne aber alles komplett umzuwerfen.

Credits

OT: „Ophelia“
Land: UK, USA
Jahr: 2018
Regie: Claire McCarthy
Drehbuch: Semi Chellas
Vorlage: William Shakespeare, Lisa Klein
Musik: Steven Price
Kamera: Denson Baker
Besetzung: Daisy Ridley, Naomi Watts, Clive Owen, George MacKay, Tom Felton, Devon Terrell

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Ophelia
4 (80%) 18 Artikel bewerten

Ophelia
„Ophelia“ nimmt das bekannte Stück Shakespeares, erzählt es jedoch aus einer weiblichen Perspektive und gibt damit vor allem der Titelfigur mehr Hintergrund und Tiefe. Das ist schön ausgestattet und erstklassig besetzt, selbst wenn nicht jeder neue Einfall tatsächlich gut ist, das Drama nach wie vor zu Übertreibungen neigt.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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