Kritik

Montparnasse 19

„Montparnasse 19“ // Deutschland-Start: 12. August 2016 (DVD)

Im Jahr 1919 verbringt der talentierte, aber bislang erfolglose Maler Amedeo Modigliani (Gérard Philippe) seine Tage damit, für ein paar Francs Porträts von Passanten und Touristen im Pariser Viertel Montparnasse zu malen. Wenn er nicht gerade von der britischen Schriftstellerin Beatrice Hastings (Lilli Palmer) oder seinem Gönner Leopold Zborowski (Gérard Séty) versorgt wird, ist dies sein einziger Lebensunterhalt. Das Geld gibt er so gut wie nur für Alkohol und Tabak aus, sodass seine ohnehin schon angeschlagene Gesundheit noch weiter leidet. Auch die Begegnung mit der Kunststudentin Jeanne Hébuterne (Anouk Aimée) und deren Liebe kann seinen Zusammenbruch nicht verhindern. Nach einem längeren Aufenthalt in Nizza, wo er viel zeichnete und mit Jeanne viele gemeinsame Stunden verbrachte, kehrt er nach Paris zurück und es gelingt ihm sogar, eine Galeristin zu überzeugen, seine Werke auszustellen. Doch trotz des vielen Lobs, das er erfährt, kauft niemand etwas und erneut versinkt Amedeo in einem Tief, aus dem noch nicht einmal mehr seine große Liebe Jeanne ihn retten kann.

Trinken um alleine zu sein
Eigentlich hätte Die Verliebten von Montparnasse – oder Montparnasse 19 – der letzte Film des großen Max Ophüls werden sollen, der schon eifrig mit der Produktion beschäftigt war, bis ihn seine angeschlagene Gesundheit zwang, die Geschichte über die letzten Lebensjahre Modiglianis in die Hände seine Kollegen und guten Freundes Jacques Becker (Antoine und Antoinette) zu übergeben. Auch wenn es ursprünglich nicht sein Projekt war, so reiht sich Die Verliebten von Montparnasse nahtlos in das Werk Beckers ein, an seine Studien der Arbeiter- und Künstlerklasse sowie seiner melancholisch-traurigen Paris-Bilder seiner Filme. Entstanden ist ein niederschmetternder Film über die Tragik eines Künstlers, der während seiner Lebenszeit wenig Aufmerksamkeit bekam und in Armut lebte, doch auch ein Werk von einnehmender Schönheit.

Als Zuschauer tut man gut daran, den Hinweis am Anfang des Films zu beachten, welcher darauf hindeutet, dass dies keinesfalls ein historischer Film ist. Zwar sind die Figuren durchaus verbirgt und spielten in Modiglianis Leben eine Rolle, doch nehmen sich Becker und Drehbuchautor Michael-Georges Michel viele erzählerische Freiheiten. Diese Freiheit resultiert in einer Geschichte über die Person des Künstlers an sich und einer nachdenklichen Studie darüber, wie der Kunstmarkt teilweise bis heute funktioniert.

Im Zentrum steht dabei eindeutig die Darstellung Gérard Philippes als Modigliani, die letzte Rolle seines Lebens bevor er an Krebs verstarb. Er trinkt, um alleine zu sein, wie er an einer Stelle sagt, um keine Menschen um sich zu haben, die er eh nur enttäuschen oder verletzen würde. Mit einem ironischen Unterton pflichtet ihm die von Lilli Palmer gespielte Beatrice bei, hat seine Launenhaftigkeit bereits akzeptiert und betont sogar, dass seine Kunst wesentlich tiefsinniger sei, wenn er nur viel getrunken hat. In den zahlreichen Nahaufnahmen zeichnet sich diese lange Reihe von Enttäuschungen und Fehlschlägen in Philippes Mimik deutlich ab und zeigt einen Menschen, der dies als den natürlichen Verlauf seines Lebens akzeptiert hat. Einzig und allein, andere mit in dieses Loch zu ziehen, ist für ihn das einzige Tabu, was er aber wegen seiner Liebe zu Jeanne auch überwindet. Auch der Zuschauer ahnt um die Dunkelheit in diese Beziehung, dieser Liebe, doch hofft man doch, auf einen anderen, versöhnlichen Ausgang.

Das Geschäft mit der Kunst
Während in vielen Künstlerbiografien das Auge der Kamera bisweilen auch eine moralische Instanz darstellt, die mit dem Zuschauer auf die Verwandlung des Künstlers wartet (oder hofft), findet man eine solche Wertung in den Bildern von Die Verliebten von Montparnasse nicht. Selbst der skrupellose, von Lino Ventura gespielte Kunsthändler wird durch Christian Matras’ Kamera nicht bewertet, sondern ist Teil eines Systems, in dem die Kunst nicht mehr länger nur ein kreativer, einzigartiger Akt ist, sondern vor allem eine Investition.

Nur mit dem Tod des Künstlers, so der Händler, lohne sich der Kauf, denn erst dann habe das Werk eine gewisse Tiefe, eine Tragik und wird damit aus wirtschaftlicher Sicht interessant. Indem sich ein Künstler wie Modigliani im Film dieser Auffassung verweigert, akzeptiert er auch eine Erfolgslosigkeit als naturgegeben oder als Aspekt des Marktes.

Credits

OT: „Les amants de Montparnasse“
Land: Frankreich, Italien
Jahr: 1958
Regie: Jacques Becker
Drehbuch: Michel-Georges Michel
Musik: Paul Misraki
Kamera: Christian Matras
Besetzung: Gérard Philippe, Anouk Aimée, Lilli Palmer, Lino Ventura, Gérard Séty

Bilder

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Montparnasse 19
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Montparnasse 19
"Montparnasse 19" ist ein trauriges Porträt über den Künstler Amedeo Modigliani, mit viel Emotionalität gespielt von Gérard Philippe. Jacques Becker ist ein Film gelungen, der die beiden Gegensätze innerhalb der Kunstwelt – Leidenschaft und Kommerz – aufzeigt als unvereinbar und den Künstler damit als gesellschaftlichen Einzelgänger.
9von 10

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