Kritik

Antoine und AntoinetteAntoine (Roger Pigaut) arbeitet in einer Buchdruckerei und seine Frau Antoine (Claire Mafféi) in einem Kaufhaus, wo sie für die dortige Fotokabine und die Entwicklung der Filme zuständig ist. Sie sind nicht reich und kommen gerade so über die Runden mit ihren beiden Gehältern, können sich die Miete für ihre kleine Wohnung im Dachgeschoss noch leisten und hin und wieder eine kleine Aufmerksamkeit füreinander. Jedoch hat der Lebensmittelhändler Monsieur Rolland (Noël Roquevert) ein Auge auf die schöne Antoinette geworfen und lässt keine Gelegenheit aus, sie mit diversen Waren, die er ihr zusteckt, zu umgarnen. Als einer seiner Fahrer das Fahrrad Antoines überfährt, ist dies für Rolland eine mehr als willkommene Gelegenheit, sich zwecks der Entschuldigung Antoinette zu nähern und sie, während ihr Mann auf der Arbeit ist, aufzusuchen. Antoinette wehrt jedoch alle Annäherungsversuche des Händlers ab. Nach einem Streit über die Besuche Rollands findet Antoine als erster ein Lotterielos, vergessen in der Tasche seiner Frau. Als er die Nummer überprüft, erkennen er und Antoinette, dass sie die stolze Summe von 800.000 Francs gewonnen haben. Doch als Antoine losgeht, um das Los einzulösen, verliert er dieses und sucht in Straßen Paris verzweifelt nach dem Los und einem Weg, seiner Frau wieder vor die Augen zu treten.

Eine Geschichte über Glück
Das Werk eines Jacques Becker ist für heute noch und trotz der vielen Klassiker, die Becker während seiner Karriere drehte, immer noch eines, dass irgendwie übersehen wird. Bezeichnend ist da eine Szene von den Filmfestspielen in Cannes 1947, bei denen Antoine und Antoinette im Wettbewerb lief, als die Journalisten einen französischen Kritiker fotografierten, weil sie ihn für Becker hielten. Ironischerweise nutzen die Zeitungen dennoch dieses Foto, als sie über den Erfolg des Filmemachers beim Festival berichteten. Vielleicht ist diese Szene auch sinnbildlich für die Figuren, die Becker in Antoine und Antoinette beschreibt, sind diese doch in ihrer Normalität eher unauffällig. Doch gerade dieses private Glück interessiert Becker und durch was es in der Welt immer wieder bedroht wird.

Fast enttäuscht ist man als Zuschauer bei der schieren Konfliktlosigkeit, die Beckers Film in der ersten halben Stunde seines Films zeigt. Auch wenn das Milieu wenig gemein hat mit den blitzsauberen Vorstadtsiedlungen, in denen das Hollywood-Kino seine Heile-Welt-Geschichten anlegt, so nähert sich die Harmonie dieses Zusammenlebens und dieser Bilder diesen Geschichten an. Die Annäherungsversuche des Lebensmittelhändlers sind zwar etwas seltsam und sehr dreist, doch sieht man, wie auch Antoinette, über diese Avancen hinweg, kommt das Pärchen gerade wegen dieser an gute Lebensmittel heran.

Essenziell innerhalb dieser Geschichte ist, wie viel Zeit Becker in die Darstellung der Beziehung Antoines und Antoinettes investiert. Durch ihre glaubhafte Chemie spielen Pigaut und Mafféi das fast perfekte Eheglück, welches sich durch Emotionalität und Treue definiert, nicht aber über Wohlstand und Geld. Bezeichnend für ihre Beziehung ist Antoines Absicht, von dem Losgewinn ein Motorrad mit Beiwagen zu erwerben, damit er und Antoinette gemeinsam Ausflüge machen können.

Die Versuchung des Geldes
Mit dem Geld oder, um genau zu sein, dem Versprechen von Geld ziehen sich auch die ersten dunklen Wolken im privaten Glück und damit in der Welt der beiden Protagonisten zusammen. Das Los und der damit verbundene Wert stellt das Glück zur Disposition, macht es von anderen Faktoren abhängig, sodass selbst die anfangs noch kauzig wirkenden Annäherungsversuche Rollands eine gewisse Niederträchtigkeit und Boshaftigkeit erhalten. In dieser Figur zeigt sich die Bedrohung in der Welt, die jedes Zeichen von Schwäche ausbeutet und die Harmonie des Privaten versucht zu zerstören. Entsprechend betont Pierre Montazels die durch das Geld ausgelösten Gefühle und Dilemmata der Figuren, insbesondere durch die häufige Verwendung von Nahaufnahmen.

Abschließend sei noch die Musik Jean-Jacques Grunenwalds zu erwähnen, die bisweilen an die musikalische Begleitung eines Stummfilms erinnert, sodass Beckers Film und seine Figuren auch ohne Worte auskommen. Letztlich sind die Konflikte wie auch das Glück Aspekte, die jedem Zuschauer geläufig sind oder die auf eben jenes Idealbild des Glücks anspielen, die man im Kopf hat. Jene Vorstellung, die sich irgendwo zwischen Kitsch und Authentizität bewegt.

Credits

OT: „Antoine et Antoinette“
AT: „Zwei in Paris“
Land: Frankreich
Jahr: 1947
Regie: Jacques Becker
Drehbuch: Jacques Becker, Maurice Griffe, Françoise Giroud
Musik: Jean-Jacques Grunenwald
Kamera: Pierre Montazel
Besetzung: Roger Pigaut, Claire Mafféi, Noël Roquevert, Pierre Trabaud, Made Siamé, Gaston Modot

Filmfeste

Cannes 1947
Locarno 1972
Locarno 1991

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Antoine und Antoinette
4.15 (83%) 20 Artikel bewerten

Antoine und Antoinette
"Antoine und Antoinette" ist eine rührige Komödie Jacques Beckers, die besonders durch das Spiel der beiden Hauptdarsteller überzeugt. Auf der einen Seite etwas kitschig und melodramatisch, dann wieder sehr liebevoll, schwankt der Film zwischen diesen beiden Extremen, wird aber immer wieder angenehm geerdet durch die Darstellung seiner Akteure und den Blick Beckers auf ein bestimmtes Milieu, das in vielen seiner weiteren Filme einen bedeutenden Aspekt bildet.
7von 10

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