Kritik

Wie geht man angemessen mit einem schwierigen Thema um? Diese Frage dürften wir uns alle irgendwann mal gestellt haben. Darf man darüber sprechen? Will man darüber sprechen? Sollte man es? Und wenn ja, welche Worte wähle ich? Das gilt natürlich besonders für das Thema des Holocausts bzw. des Dritten Reiches, für das man auch 75 Jahre später noch schwer die richtigen Worte findet angesichts der unaussprechlichen Gräueltaten. Ein Thema, bei dem in künstlerischer Sicht nach wie vor Vorbehalte existieren, wie weit man gehen darf. Taika Waititi machte sich beispielsweise nicht nur Freunde, als er mit Jojo Rabbit eine Komödie drehte, in der der beste Freund eines Jungen ein imaginärer Hitler ist. Natürlich hat es zuvor schon eine Reihe solcher Komödien gegeben, mit Der große Diktator und Sein oder Nichtsein entstanden bereits in den 1940ern Klassiker. Und trotzdem: Die Vorstellung, bei dem Thema Spaß zu haben und sich zu unterhalten, die ist oft noch unangenehm.

Im Fall von Endlich Tacheles geht es nun um ein anderes Unterhaltungsmedium, das noch einmal ein bisschen heikler ist: Videospiele. Während Filme als passive Form noch einen kleine Distanz automatisch eingebaut haben, fällt diese beim direkten Spielen weg. Bei Spielen heißt es eingreifen, dabei sein, die Geschichte ändern. Wenn Nazis in Spielen vorkommen, dann sind die in erster Linie da, um vom Helden – sprich dem Spieler – weggeballert zu werden. Nur ein toter Nazi ist schließlich ein guter Nazi. Yaar war das jedoch zu wenig. Zusammen mit Sarah und Marcel will er ein Spiel entwickeln, in dem ein jüdisches Mädchen und ein SS-Offizier die Hauptfiguren sind und in dem die üblichen Rollenmuster von Opfern und Tätern hinterfragt werden.

Lass uns persönlich werden
Das ist sicher ein spannendes Thema. Immer wieder kommt es im Laufe von Endlich Tacheles zu Diskussionen, was in einem Spiel erlaubt ist und was nicht. Wäre eine stärkere Differenzierung der Figuren eine Beschönigung? Oder umgekehrt: Wem ist geholfen, wenn am Ende des Spiels keine Hoffnung mehr da ist? Solche ganz grundsätzlichen Überlegungen werden jedoch nach und nach von persönlicheren Gedanken überlagert. Yaar, der in Israel geboren wurde, jedoch nur wenig Verbindung zum Judentum verspürt, begibt sich im Laufe des Films auf eine persönliche Spurensuche. Von vornherein sollte das Spiel von den Erfahrungen seiner Großmutter inspiriert sein. Doch die Vorstellung, wie das damals so war, die war doch eher diffus – auch weil nie jemand darüber reden wollte.

In Endlich Tacheles geschieht das nun endlich, äußerst ausführlich sogar. Yaar spricht mit der besagten Großmutter, spricht vor allem viel mit seinem Vater. Der wurde zwar erst nach dem Ende des Holocaust geboren, hat jedoch über seine Eltern das Trauma geerbt. Das ist dann der sogar spannendere Teil der Dokumentation, die auf dem DOK.fest München 2020 Premiere feierte: Während die Grundsatzdiskussionen immer weniger werden, dürfen wir hier hautnah erleben, wie die Erfahrungen dieser Schreckenszeit andauern, über mehrere Generationen hinweg. Die Beschäftigung mit dem Spiel wird so zu einer Beschäftigung mit der Vergangenheit – der eigenen wie der der Vorfahren.

Zwischen Schmerz und Heilung
Das ist als Zuschauer manchmal etwas unangenehm: Endlich Tacheles lässt einen derart nah an den Schmerzen der Familie teilhaben, dass man sich da schon als Voyeur fühlen kann. Gleichzeitig hat die sehr persönliche Note des Films auch etwas Heilsames, indem er diesem Schmerz endlich den Raum zugesteht, den er von Anfang an gebraucht hätte. Das Werk von Jana Matthes und Andrea Schramm erinnert daran, wie wichtig es ist, sich Abgründen und schrecklichen Erinnerungen zu stellen, seien sie nun auf den Holocaust oder ein anderes Ereignis bezogen.

Die Balance ist natürlich schwierig. Eine gesunde Mitte zwischen der Verdrängung und der Obsession zu finden, sich mit etwas auseinanderzusetzen, ohne sich gleich zu einem Gefangenen der Vergangenheit zu machen. Und es ist auch nicht so, als hätte man am Ende des Films alle Antworten beisammen. Die persönliche Natur von Endlich Tacheles lässt es gar nicht zu, dass man hier zu sehr verallgemeinern kann. Zumindest aber haben es Yaar und die anderen geschafft, sich anzunähern und gleichzeitig sich von dem zu lösen, was einmal war. Der Blick ist hier gleichzeitig in die Vergangenheit wie auch in die Zukunft gerichtet, während es nun darum geht herauszufinden, wer man selbst ist, als Teil einer Geschichte, die noch in Jahrzehnten erzählt wird, aber eben auch als Individuum, das seine eigene Geschichte schreiben darf.

Credits

OT: „Endlich Tacheles“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Jana Matthes, Andrea Schramm
Musik: The Notwist, Bernd Jestram
Kamera: Lars Barthel, Andrej Johannes Thieme

Bilder

Trailer

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Endlich Tacheles
„Endlich Tacheles“ beginnt als Grundsatzfrage, ob und wie man den Holocaust in ein Computerspiel packen kann, und wird bald zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Der Dokumentarfilm ist dabei schon schmerzlich persönlich, gleichzeitig aber auch heilsam, wenn nach einem eigenen Weg gesucht wird, der sowohl der Vergangenheit wie auch der Zukunft gerecht wird.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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