(„To Be Or Not To Be“, directed by Ernst Lubitsch, 1942)

“They named a brandy after Napoleon, they made a herring out of Bismarck, and the Fuhrer is going to end up as a piece of cheese!”

Pearl Harbor wurde angegriffen, Deutschland war seit langer Zeit auf dem Wege (größtenteils zu diesem Zeitpunkt noch erfolgreich) Länder Europas einzunehmen und Carole Lombard, der weibliche Star des Films, der eben jene Kriegsmaschinerie lächerlich machen sollte, wurde kurz vor Kinostart bei einem Flugzeugabsturz getötet. Den Zuschauern war nicht zum Lachen zumute, die Kritiker waren über die Respektlosigkeit des Streifens empört und straften ihn mit Verrissen. Jahrzehnte später hat sich Ernst Lubitschs gewagter Film zu einem zeitlosen Klassiker entwickelt, der zu den besten Komödien der Filmgeschichte gehört, und das nicht nur aufgrund der Tatsache, dass er einen äußerst sensiblen und dramatischen Subtext behandelt. Hauptfiguren der Geschichte sind die Schauspieler Maria (Carole Lombard) und Joseph (Jack Benny) Tura, ein Ehepaar, das momentan in einer Aufführung von Shakespeares „Hamlet“ auf einer Theaterbühne in Warschau zu sehen ist.

Bald beginnt Joseph jedoch, an seinen Talenten als Schauspieler zu zweifeln, denn es ist ihm bereits zweimal passiert, dass er miterleben musste, wie ein junger Mann aus der zweiten Reihe aufstand und den Saal verließ, als der Protagonist zu seinem berühmten Monolog „Sein oder Nichtsein“ ansetzte. Dieser Flüchtling heißt Sobinski (Robert Stack) und ist ein Bomberpilot, der sich unsterblich in die Frau Josephs verliebt hat. Maria lässt ihn heimlich zu sich kommen, während ihr Mann auf der Bühne steht, doch sie erweist sich stets loyal ihrem Gatten gegenüber und lässt Sobinski abblitzen. Bald muss sie erkennen, dass diese neue Bekanntschaft ihr sowohl zum Verhängnis, als auch zur Rettung und einzigen Chance wird, denn wenig später bricht eines Abends der Zweite Weltkrieg aus und Sobinski wird nach England berufen. Dort befindet sich auch Professor Siletsky (Stanley Ridges), ein Pole und Freund der Flieger, der zurück nach Warschau berufen wird. Die Piloten mögen ihren Freund und wissen, dass sie auf ihn zählen können, sodass sie ihn bitten, vor Ort nach ihren Verwandten zu sehen. Siletsky lässt sich deren Adressen geben und verschwindet daraufhin, doch wenig später stellt sich heraus, dass dieser Professor ein Spion ist, der mit den Nazis kooperiert und nach Warschau berufen wurde, um dort eine polnische Untergrundorganisation hochgehen zu lassen.

Sobald Leutnant Sobinski dies herausbekommt, fliegt er auf schnellstem Wege nach Warschau, um Maria Tura zu warnen, da diese Mitglied der Untergrundbewegung ist. In letzter Sekunde kann er sein Idol informieren, doch damit beginnt der größte Ärger erst, denn Siletsky ist schon lange in Warschau und wird bald seine Listen mit den Namen der Mitglieder der besagten Organisation an die Nazis aushändigen, die dann die nächsten Schritte gegen die Leute einleiten werden. Nun gilt es, Siletsky diese gefährliche Liste abzujagen, bevor es zu spät ist und hunderte Menschen sterben müssen. Zusammen mit der gesamten Theatergruppe hecken die Turas einen Plan aus, um die Nazis an der Nase herumzuführen. Sie wissen dabei, dass der gesamte Plan nur allzu leicht schief gehen kann und so beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, der keine Schmierenkomödianten erlaubt…

Ernst Lubitsch, selber Jude, der nach Hollywood emigrierte, macht sich mit spöttischem Wortwitz unverhohlen über die Nazi-Maschinerie lustig. Die spitzen Dialoge sind dabei das, was die Lubitsch Filme insgesamt so zeitlos machen, sodass ein jegliches Remake überflüssig erscheint – daher wurde auch Mel BrooksNeuverfilmung 1983 nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Denn anders als bei der erwähnten Neuverfilmung geht es hier nicht lediglich um platte Lacher, für die man Kalauer über Konzentrationslager in Kauf nimmt, sondern Sein oder Nichtsein entpuppt sich dabei als raffiniertes und doppelbödiges Kunststück, das in der Filmgeschichte seinesgleichen sucht. Dabei beginnt die Geschichte als harmlose Satire auf Attitüden divenhafter Schauspieler, wenn Maria Tura ohne einen Anflug von Ironie verlangt, als jüdische Figur in einem Theaterstück in einem der feinsten Abendkleider ins Konzentrationslager geschickt zu werden und der Darsteller, der Adolf Hitler porträtieren soll, Sätze improvisiert, die ihm Lacher und Sympathie der Zuschauer bringen sollen.

Das Blatt soll sich bald wenden und Lubitsch ist sich des Ernstes, das ihm ein solcher Stoff abverlangt, durchaus bewusst, daher nutzt er den Raum so gut wie möglich aus, um Szenen zu kreieren, die bezüglich der Spannung einem jeden Hitchcock Ehre machen würde. Hier sind es Szenen gepaart mit Humor, der die Maschinerie der Nationalsozialisten unverhohlen als Figuren eines absurden Theaters, als lächerlich und blind darstellen soll. Am eindrucksvollsten diesbezüglich ist nicht nur die legendäre Szene mit „Konzentrationslager Ehrhardt“, sondern vor allem eine der letzten Szenen, in denen „Hitler“ zwei Piloten befiehlt, ohne Fallschirm abzuspringen. Diese tun es in Sekundenbruchteilen, ohne nachzudenken mit einem „Heil Hitler“-Gruß. Auf dieser Basis entwickelt sich ein perfide konstruiertes und höchst komplexes Verwirrspiel mit erstklassigen Schauspielern, die diesem Lustspiel die Frische und Vitalität geben, die es heute beliebter denn je macht.

Was dieser Film berücksichtigt und was den meisten modernen Komödien abgeht und sie daher oft recht platt erscheinen lässt, ist ein emotionaler, psychologischer Aspekt, der hier nicht einmal besonders tief gehend ist, es aber auch nicht sein muss, denn er liefert die perfekte Balance zwischen feinsinniger Komik und einem tragischen Unterton, der mit Sarkasmus gefüttert wird. Das Erste, worüber die Theatergruppe spricht, nachdem sie sich in den Keller gekauert hat und die Bomben auf die polnische Hauptstadt prasseln hört, ist das neue Stück, in dem Adolf Hitler porträtiert werden soll und was ihnen vom Spielplan gestrichen wurde. Es wirkt grotesk, in einem solchen Moment des Bombenhagels über derlei vergleichsweise unwichtige Dinge zu reden, doch ist es nicht das, was alle Menschen intuitiv tun, indem sie in Momenten der größten Katastrophen ihre Ziele anvisieren und über sie und ihre Zukunft nachsinnen? Sein oder Nichtsein ist Lustspiel, bissige Farce und ätzende Satire, amüsante Romanze und Kriegsdrama, ein Thriller um einen Wettlauf gegen die Zeit mit originellen Einfällen, die die Nazischergen als alberne Witzfiguren abfertigt.

Sein oder Nichtsein (1942)
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Sein oder Nichtsein (1942)
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2 Responses

  1. Ijon Tichy

    Ich erinnere mich leider nur noch dunkel an den Film, weiß aber noch genau, dass er mir sehr gut gefallen hat, aus genau den Gründen, die du beschrieben hast („raffiniertes und doppelbödiges Kunststück“). Absolutes Muss!

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  2. Bob

    „Heil Hitler!“ „Heil Hitler!“ „Heil Hitler!“ „Heil Hitler!“ „Heil Hitler!“ …. „Ich heil mich selbst“ 🙂

    Ich liebe diesen Film. In Erinnerung bleibt mir die komplette Einleitung („…man merkt man ist in Polen… Wie kam Hitler hierher? … Das Befragen des Hitlerjungen… Ich heil mich selbst), das Wortduell zwischen Maria und Joseph („Wenn ich Diäte mache, nimmst du ab“…), die „Sein-oder-nichtsein“-Szene, das Reprise („in Polen“) nach der Invasion und die Bart-Szene bzw. das ganze Tohuwabohu im Gestapo-Hauptquartier. Ich glaub ich muss den demnächst auch mal wieder schauen.

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