Jojo Rabbit

„Jojo Rabbit“ // Deutschland-Start: 23. Januar 2020 (Kino)

Es gibt einen Menschen, der im Leben von Jojo Betzler (Roman Griffin) wichtiger ist als alle anderen. Nein, nicht seine Mutter Rosie (Scarlett Johansson), mit der er alleine lebt, während sein Vater im Zweiten Weltkrieg für das deutsche Vaterland kämpft. Vielmehr ist es Adolf Hitler (Taika Waititi) selbst, zu dem er aufblickt und den er ständig um Rat fragt. Genauer ist es seine Vorstellung von Hitler, aber immerhin. Und Rat braucht er jede Menge. Erst versagt Jojo kräftig im Nazi-Sommercamp, weshalb er jetzt entstellt niedere Arbeiten vollrichten muss. Vor allem aber Elsa (Thomasin McKenzie) bringt ihn total durcheinander, ein jüdisches Mädchen, das in seinem Haus in der Wand lebt …

Man kann sich richtig die Sorgenfalten der Disney-Bosse vorstellen, wie sie so dasitzen und sich das Gehirn zermartern, wie mit dem frisch eingekauften Fox-Erbe verfahren werden soll. Vor allem Jojo Rabbit soll die Verantwortlichen mindestens verwirrt, wenn nicht gar überfordert haben. Ausgerechnet das Unternehmen, das für streng genormte Familienunterhaltung im Blockbusterformat steht, muss sich nun mit einer Hitler-Satire herumplagen. Sollen sie das Werk leise verschwinden lassen, trotz der prominenten Besetzung, und den Zorn von Regisseur Taika Waititi provozieren? Ungünstig, den man braucht man nach dem großen Erfolg von Thor: Tag der Entscheidung ja noch für die Marvel-Geschichten. Also lieber volle Fahrt voraus, vielleicht sogar auf ein paar Oscars hoffen? Damit riskiert man wiederum, Teile der Bevölkerung gegen sich aufzubringen, die ganz grundsätzlich dagegen sind, Hitler irgendwie komisch zu finden.

Hitler war auch nur ein Idiot …
Darüber kann man sich bei Jojo Rabbit gleich doppelt streiten. Nicht nur die Grundsatzfrage spaltet das Publikum, der Humor selbst ist es, über den sich die Kritiker bislang nicht einig werden konnten. Zunächst einmal ist das neueste Werk des Neuseeländers, der mit 5 Zimmer Küche Sarg erstmals auch hierzulande Aufmerksamkeit erhielt, nicht wirklich die Satire, als die der Film verkauft wird. Richtig bissig wird es hier so gut wie nie, viele Witze sind eher alberner Natur und beschränken sich darauf, alle Beteiligten wie überzeichnete Idioten dastehen zu lassen. Waititi ist da einem Mel Brooks deutlich näher, als man es im Vorfeld wohl vermutet hätte. Das gilt insbesondere für seine eigene Darstellung von Hitler, der als imaginärer Freund nur wenig mit dem Schrecken gemeinsam hat, der vor über 70 Jahren Europa heimsuchte.

Das ist alles blöd, aber doch irgendwie unterhaltsam. Vor allem das spielfreudige Ensemble trägt dazu bei, dass mancher Kalauer witziger ist, als er es eigentlich sein sollte. Sam Rockwell (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri) als frustrierter Hauptmann mit geheimen Sehnsüchten ist ebenso komisch wie Rebel Wilson (Isn’t It Romantic) als gebärfreudiges Nazi-Fräulein. Während deren Leistungen bereits mehr oder weniger in der Unterhaltungserwartung einkalkuliert waren, sorgen gerade die diversen Jungdarsteller*innen für Begeisterung. Das betrifft aber nicht nur die zahlreichen komischen Szenen, sondern auch solche, wenn es doch mal ernster wird, wenn Jojo Rabbit größere Ambitionen hat, als einfach nur eine Adolf-Hitler-Klamotte zu sein.

Der ganz normale Wahnsinn
Am ehesten würde wohl die Bezeichnung Coming of Age zutreffen, wenn ein kleiner Junge seinen Platz in der Welt sucht und viele liebgewonnene Überzeugungen in Frage stellt. Das Drumherum des Zweiten Weltkriegs und der Naziherrschaft mag ungewöhnlich sein. Und doch ist vieles an Jojo Rabbit von einer sehr universellen Natur. Die verwirrenden Gefühle, die er dem Eindringling in der Wand entgegenbringt, die Konflikte mit der Mutter, das Ringen um eine eigene Persönlichkeit – das kommt einem überaus bekannt vor. Dass sich Waititi auf solche ungewöhnlichen Jugendgeschichten versteht, das hat er bereit in Wo die wilden Menschen jagen bewiesen, das ebenfalls skurrile Komik mit gefühlvollen Momenten verband.

Ganz an den obigen Titel kann es die Komödie, die auf dem Toronto International Film Festival 2019 Premiere feierte, nicht anschließen. Dafür ist die Adaption eines Romans von Christine Leunens nicht stimmig genug, balanciert zwischen zu unterschiedlichen Bestandteilen hin und her. Und doch ist Taika Waititi ein schöner Film gelungen, der teilweise zu Herzen geht und sich auf eine ganz eigene Weise gegen Hass wendet. Jojo Rabbit zeigt durch die Augen eines Kindes die Absurdität des Lebens und des Kriegs, stellt Helden und Monster gleichermaßen in Frage. Findet zwischen den Trümmern ein Lächeln, das so ansteckend ist, dass es einem bis weit in den Alltag noch folgt.



(Anzeige)

Jojo Rabbit
3.57 (71.43%) 7 Artikel bewerten

Jojo Rabbit
„Jojo Rabbit“ ist ein ausgesprochen eigenwilliger Film, der alberne Nazi-Späße mit einer universellen Geschichte über das Erwachsenwerden verbindet. Es fehlt dabei der erwartete Biss, so richtig passt das alles auch nicht zusammen. Und doch ist dieser Sonderling schön, unterhält und ist dabei doch auch rührend geworden.
7von 10

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.