Kritik

Die Müßiggänger I vitelloni

„Die Müßiggänger“ / Deutschland-Start: 15. Juni 1956 (Kino)

In ihrer Heimat, einem kleinen Küstendorf an der Adria, sind die Freunde Fausto (Franco Fabrizi), Leopoldo (Leopoldo Trieste), Alberto (Alberto Sordi), Moraldo (Franco Interlenghi) und Riccardo (Riccardo Fellini) unzertrennlich. Alle träumen sie davon irgendwann einmal in die große, weite Welt zu gehen und ihre Heimat zumindest zeitweise zu verlassen, doch bisher ist es bei diesen Träumen geblieben, die sich die jungen Herren bei ihren gemeinsamen Abenden in der Billardhalle der Stadt immer wieder erzählen. Eigentlich leben sie alle ein sehr entspanntes Leben, jedoch hat es damit für Fausto, den Frauenhelden und heimlichen Anführer ihrer Gruppe, ein jähes Ende, denn nachdem herausgekommen ist, dass er seine Freundin Sandra (Leonora Ruffa) geschwängert hat, wird er gezwungen, sie zu heiraten. Nach der Hochzeitsreise erscheint Fausto seinen Freunden wie ein verwandelter Mann, der nun gelobt, für seine Familie zu sorgen. Doch von seinen alten Gewohnheiten kann Fausto einfach nicht lassen und flirtet immer wieder mit Frauen, geht diesen nach und wird sogar bei der Frau des Antiquitätenhändlers, der ihn als seinen Gehilfen angestellt hat, zudringlich. Gerade diese Tat wird Fausto zum Verhängnis und er muss zum ersten Mal nicht nur Verantwortung für sein Handeln übernehmen, sondern auch einsehen, dass es zu seinem alten Leben kein Zurück gibt.

Über Dorf- und Frauenhelden
Nach seinem ersten Film Die bittere Liebe waren es vor allem die Erinnerungen an seine Heimatstadt Rimini an der adriatischen Küste, seine Jugend und Kindheit dort, die den italienischen Regisseur Federico Fellini inspirierten. In seinen zahlreichen Gesprächen mit Costanzo Costantini, veröffentlicht im Sammelband mit dem Titel Ich bin Fellinesk, beschreibt der Filmemacher, dass ihn insbesondere das Bild jener jungen Männer begleitet hätte, die mit „ritueller Langsamkeit“ dem Billardspiel nachkamen und in den Augen der Kinder wie Helden wirkten. Es waren Männer, die angeregt über die Vorzüge von Sportwagen diskutierten und scheinbar ein sorgloses Leben zu haben schienen. In Die Müßiggänger beschreibt Fellini diesen Menschenschlag und darüber hinaus einen Übergangsprozess ins Erwachsenwerden, eine Übernahme von Verantwortung für sich und andere sowie das kleinbürgerliche Milieu, aus welchem die Figuren des Films ihren Aussagen nach entkommen wollen.

Folgerichtig wirft der Film einen sehr nostalgischen Blick auf seine Figuren, allen voran natürlich die jungen Männer oder die im Titel angepriesenen Müßiggänger. Ein Entkommen aus der Provinz ist für alle von ihnen das große Ziel, welches entweder über die Literatur wie bei Leopolda oder die Ambition wie bei Fausto und Alberto erreicht werden wird, so zumindest die Sicherheit, der sich die Figuren hingeben. Andererseits zeigt sie der Film und damit das Drehbuch Fellini und Tullio Pinelli als einen Teil dieser Dorfgemeinschaft, beispielsweise in den Szenen am Schönheitswettbewerb ganz zu Anfang oder denen während der Karnevalsfeierlichkeiten. Immer noch vor allem finanziell abhängig von den eigenen Eltern, hat sich auch der strenge, katholisch geprägte Wertekatalog der älteren Generation an sie in gewissen Sinne vermittelt, gegen den eine Form der Auflehnung schwierig zu sein scheint.

Dennoch versuchen diese Figuren den Aufstand. Während Leopolda beharrlich an seinem Theaterstück arbeitet, kann jemand wie Fausto die Finger nicht von anderen Frauen lassen, unbeirrt von der wartenden Ehefrau daheim. Fellini stellt diese Verhaltensweise in den Kontext des Versuchs zu entkommen, nicht nur der Dorfgemeinschaft, sondern vor allem der Werte der Elterngeneration. Diese bisweilen unreifen Versuche des Entkommens erscheinen aber nur als temporäre Verwirrungen, die vorbeiziehen wie der Gewittersturm ganz zu Anfang des Films, nach welchem alles wieder seinen gewohnten Gang geht. Einzig der introvertierte Moraldo verfolgt den Versuch der Emanzipation etwas konsequenter als seine Freunde.

Den Ausbruch wagen
Ein essenzieller Teil der täglichen Routine der jungen Männer besteht im Gang zum Strand, genauer gesagt zu einem Steg, von wo sie gedankenverloren auf die Adria hinausschauen. Das Meer, wie in vielen weiteren Filmen Fellinis, wird zum Sehnsuchtsort für die Figuren, einem Symbol für die Zukunft, die sich die jungen Männer ausmalen und sich damit von der Dorfgemeinschaft absondern, auch wenn dies in der Realität nur in Gedanken geschieht. Die melancholische Musik Nino Rotas begleitet diese Bilder und Sequenzen im Film und zeigt diese jungen Männer mit so etwas wie Wehmut darüber, dass ihre Träume zwar groß sind, aber die Fesseln des Kleinbürgertums doch sehr eng gezurrt sind.

Credits

OT: „I vitelloni“
Land: Italien, Frankreich
Jahr: 1953
Regie: Federico Fellini
Drehbuch: Federico Fellini, Tullio Pinelli
Musik: Nino Rota
Kamera: Carlo Carlini, Otello Martelli, Luciano Trasatti
Besetzung: Franco Fabrizi, Franco Interlenghi, Alberto Sordi, Leonora Ruffo, Leopoldo Trieste, Riccardo Fellini

Trailer

Filmpreise

Preis Jahr Kategorie Ergebnis
Academy Awards 1958 Bestes Original-Drehbuch Nominierung
Venedig 1953 Goldener Löwe Sieg
Silberner Löwe Nominierung

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Die Müßiggänger
"Die Müßiggänger" ist ein Film über das Erwachsenwerden und dem Bruch mit den Träumen, die man für sein Leben hatte. Vor allem durch die wunderschöne Musik Nino Rotas gelingt Fellini ein sehr wehmütiger sowie unterhaltsamer Film darüber, warum es schwierig ist nicht nur den Werten einer Gemeinschaft zu entkommen, sondern auch sich selbst zu ändern.
8von 10

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