Kritik

Babenco Tell Me When I DIe

„Babenco: Tell Me When I Die“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Wenn Dokumentarfilme über große Künstler gedreht werden, dann bedeutet das leider oft, dass ein offensichtlicher Fan einen persönlichen Helden ehren will. Da werden dann Bilder aus ruhmreichen Zeiten hervorgekramt, sich ein bisschen im Glanz des Genies gesonnt. Das ist dann für andere Fans vielleicht schön, informativ oder erhellend jedoch weniger, manchmal sogar eine regelrechte Zeitverschwendung. Die Gefahr war deswegen durchaus groß, dass auch Babenco: Tell Me When I Die nicht wirklich etwas zu sagen hat. Eine Dokumentation über den brasilianischen Filmemacher Hector Babenco, gedreht von seiner Frau Bárbara Paz, die bislang nur wenig Regieerfahrung hat? Nein, das hört sich nicht unbedingt vielversprechend an.

Zwischen Leben und Tod
Glücklicherweise hatte Paz aber gar nicht vor, einen Hochglanzimagefilm über ihren Mann zu drehen. Genauer ist Babenco: Tell Me When I Die noch nicht einmal wirklich eine dieser biografischen Dokumentationen, in denen streng chronologisch das Leben nachgezeichnet wird. Ein Grund dafür: Das Werk stand unter dem Zeichen des Todes. Genauer begleitet die Brasilianerin, die sonst eigentlich als Schauspielerin vor der Kamera steht, ihren Partner während seiner letzten Jahre begleitet, als er bereits alt und krank war, der Tod bereits in Sichtweite gerückt war. Das erinnert ein wenig an Celebration, dort war es der Modedesigner Yves Saint Laurent, der schwer von seinen Krankheiten gezeichnet noch ein letztes Mal an einer Kollektion arbeitet.

In Babenco: Tell Me When I Die wiederum ist es der Film, an dem der unter anderem für Der Kuss der Spinnenfrau bekannte Regisseur werkelte, der eingebaut wird. Genauer wechselt die Dokumentation ständig zwischen Werken Babencos und Aufnahmen von Paz hin und her, ohne dabei streng voneinander zu trennen oder auch Kontexte zu geben. Einige wird man sich später ergooglen können, anhand der prominenten Gesichter wie Meryl Streep, Jack Nicholson oder Willem Dafoe, die alle mit ihm drehten. Andere Stellen sind weniger einfach zu erschließen. Wer sich Informationen im herkömmlichen Sinne erhofft, der geht hier tendenziell leer aus.

Die Kunst als Lebenselixir
Das wiederum soll nicht bedeuten, dass das alles nichtssagend wäre. Vielmehr hebt der Dokumentarfilm, der hierzulande auf dem DOK.fest München 2020 zu sehen ist, die Grenzen zwischen Kunst und Leben auf. Was zuerst da war, das Filmen oder das Lebendig sein, fragt Babenco an einer Stelle. Paz nimmt diesen Gedanken auf und führt ihn fort, indem sie beides miteinander in Beziehung setzt, das eine zum Spiegel des anderen macht. So zeigt sie Szenen aus den Filmen ihres Mannes, die sich mit dem Tod befassen, stellt sie neben Szenen der Sterblichkeit aus dem eigenen Leben, stellt auf diese Weise Querverbindungen her, die schlüssig sind, ohne aufdringlich zu werden.

Das Ergebnis wirkt manchmal morbide und selbstbezogen, dann aber auch wieder poetisch bis zärtlich. Immer wieder rückt die Verbindung zwischen dem Regisseur und der Schauspielerin in den Vordergrund, etwa wenn der Altmeister seiner deutlich jüngeren Frau die Arbeit an der Kamera zeigt, sie über Fokus und Schärfe unterrichtet. Und auch hier verschwimmen Grenzen, zwischen dem Beobachten und dem Beobachtetwerden, zwischen Objekt und Subjekt, zwischen Film und Leben. Das ist sehr sehenswert als persönliche und zugleich leicht esoterische Annäherung an einen Menschen und die Kunst, die nie voneinander getrennt werden können – oder auch sollen.

Credits

OT: „Babenco: Alguém Tem que Ouvir o Coração e Dizer Parou“
Land: Brasilien
Jahr: 2019
Regie: Bárbara Paz
Musik: Los Shajatos
Kamera: Stefan Ciupek
Beteiligte: Hector Babenco

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Babenco: Tell Me When I Die
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Babenco: Tell Me When I Die
In „Babenco: Tell Me When I Die“ fängt die Schauspielerin Bárbara Paz das Werk und das Leben ihres Mannes Hector Babenco ein, der als Regisseur zu Ruhm kam. Die Dokumentation wechselt ständig zwischen dem Fiktiven und dem realen Leben, hebt dabei die Grenzen auf. Das ist als rein informativer Film weniger zu gebrauchen, dafür aber eine kunstvolle und zugleich persönliche Annäherung an einen Menschen und seine Kunst.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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