Kritik

Rollerball 1975

„Rollerball“ // Deutschland-Start: 5. September 1975 (Kino) // 17. April 2020 (DVD/Blu-ray)

In einer fernen Zukunft existieren Nationen nicht mehr, stattdessen teile globale Konzerne die Welt unter sich auf. Um die Menschen ruhig zu halten, wurde das Spiel Rollerball erfunden, eine brutale Mischung aus Hockey, Motorradrennen und Roller Derby. Immer wieder kommt es dabei zu schweren Unfällen, auch Todesfälle sind keine Seltenheit. Aber die Massen erfreuen sich an dem Spektakel. Jonathan E. (James Caan) ist einer der Stars bei diesem Sport, ist weit über die Anhänger seines Vereins bekannt. Das wiederum ist dem Vorstand des Konzerns ein Dorn im Auge, läuft es doch dem Prinzip zuwider, jegliche Form von Individualität zu unterdrücken. Doch Jonathan lehnt es ab wie von ihm gefordert den Rücktritt zu erklären, es kommt zu einem Machtkampf mit fatalen Folgen …

Dass man die Massen nur gut unterhalten muss, um sie von blöden Gedanken abzuhalten, das hatte man schon im alten Rom erkannt. Und auch, dass die Zuschauer und Zuschauerinnen sich von brutalen Kämpfen unterhalten fühlen, weshalb man kräftige Gladiatoren aufeinander hetzte. In modernen Zivilisationen gibt es Kämpfe auf Leben und Tod natürlich nicht mehr, eine gewisse Faszination geht von brutalen Spielen aber wohl noch immer aus, sei es American Football oder Eishockey. Das beobachtete auch Norman Jewison (In der Hitze der Nacht) und entschied sich daher, eine Kurzgeschichte von William Harrison verfilmen zu wollen, die 1973 in einem Magazin erschienen war und den prägnanten Titel Roller Ball Murder trug.

Zwischen Blutdurst und Unterdrückung
Rollerball hält allerdings nur zum Teil dem Publikum den Spiegel vor. Entsprechende Szenen gibt es natürlich schon, etwa wenn im Stadion lautstark gejubelt wird, weil gerade mal wieder ein Spieler krankenhausreif geprügelt wurde. Ein anderer verstörender Moment spielt sich ab, weit entfernt vom Ort des Verbrechens, wenn sich die Oberschicht daran erfreut, ein paar Bäume abzufackeln, ohne jeglichen Sinn. Die Lust an der Zerstörung, sie ist also vereinzeltes Phänomen, sondern Teil der menschlichen Natur. So zumindest impliziert der Film, in dem es erstaunlich wenig Gegenstimmen gibt, welche die Brutalität verurteilen. Nicht einmal Jonathan selbst. Sie dient vielmehr als sinnstiftendes Element.

Gleichzeitig ist der Film eine Anklage gegen die Tendenz, Individualität und Selbstbestimmung zu unterdrücken. Eine Anklage gegen einen Faschismus, der sich in der Zukunft nicht mehr politisch äußert, sondern Teil einer Wirtschaftselite geworden ist, die das öffentliche Leben bestimmt. Die heutige Befürchtung vor der wachsenden Macht der Konzerne, vor denen selbst die Politik kuscht, sie findet hier einen Vorläufer. Wobei Harrison, der auch das Drehbuch schrieb, sich nicht zu sehr mit den Hintergründen aufhält. Es reicht ihm, anfangs in groben Skizzen seine düstere Zukunftsvision zu entwerfen. Der Rest des Films befasst sich in erster Linie mit dem Kampf zwischen Jonathan und der anonymen Spitze, die sein Ende festgelegt hat, ohne ihm eine Erklärung bieten zu wollen.

Der unpersönliche Kampf um Individualität
So richtig in die Tiefe geht Rollerball deshalb nicht, weder auf die Geschichte, noch auf die Figuren bezogen. Jonathan beispielsweise zeichnet sich in erster Linie durch seine Dickköpfigkeit aus, viel mehr erfahren wir nicht. Das Plädoyer für mehr Selbstentfaltung schließt die eigenen Figuren also offensichtlich nicht ein. Auch der futuristische Aspekt hält sich eher in Grenzen, rein visuell lässt nur wenig darauf schließen, dass wir es hier mit einer fernen Zukunft zu tun haben. Atmosphärisch überzeugt der Kultfilm hingegen bis heute, gerade auch während der packenden, zunehmend eskalierenden Kämpfe. Der Horror vor dem Spiel und den grölenden Massen, der Ekel vor den Entscheidungsträgern im Hintergrund, die über Leichen gehen, das funktioniert 45 Jahre nach Erscheinen noch immer. Trotz der David-gegen-Goliath-Situation, Mut macht der Film nicht gerade für die Menschheit.

Umso schöner ist es, dass der Klassiker kürzlich noch einmal runderneuert nach längerer Restaurationsarbeit wieder in den Handel gekommen ist. Zusätzlich zu den regulären Fassungen erschien eine besonders dicke Ultimate Edition, die neben der 4K-Version noch viel zusätzliche Infos zum Film und der Restauration enthält, Sammelkarten sowie ein Exemplar der Neuauflage aus dem Jahr 2002. Die hat dann zwar nur den Namen mit dem Original gemeinsam, konzentriert sich vollends auf den Action-Teil, macht damit aber noch mal die Qualitäten der ersten Adaption deutlich, bei der Gewalt ähnlich zum späteren Nachkommen Die Tribute von Panem tatsächlich noch einen Zweck verfolgte – so fürchterlich dieser auch war.

Credits

OT: „Rollerball“
Land: UK
Jahr: 1975
Regie: Norman Jewison
Drehbuch: William Harrison
Vorlage: William Harrison
Musik: André Previn
Kamera: Douglas Slocombe
Besetzung: James Caan, John Houseman, Maud Adams, John Beck, Moses Gunn, Ralph Richardson

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Rollerball (1975)
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Rollerball (1975)
„Rollerball“ entwarf eine düstere Vision der Zukunft, in der Konzerne das Sagen haben und die Menschen durch ein brutales Spiel bei Laune gehalten werden. Die Adaption einer Kurzgeschichte lässt die Themen jedoch eher im Hintergrund, während das Hauptaugenmerk auf den eskalierenden Kämpfen liegen, die in Kombination mit den begeisterten Massen noch immer Horror auslösen.
8von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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