Kritik

Für eine Nacht und immer?

„Für eine Nacht … und immer?“ // Deutschland-Start: 27. November 2015 (TV) // 29. Januar 2016 (DVD)

Es war reiner Zufall, der die Wissenschaftlerin Eva (Juliane Köhler) und den Pokerspieler Tom (Marc Benjamin) in dem Zugabteil zusammenführte. Und es wird nicht bei dem einen Mal bleiben: Kurze Zeit später laufen sie sich wieder über den Weg, dieses Mal in einem Hotel. Tom fackelt nicht lange, flirtet ungeniert mit seiner neuen Bekanntschaft. Die ist zwar liiert, lässt sich aber darauf ein, mit ihm die Nacht zu verbringen, in der Ansicht ihn nie wieder zu sehen. Doch dabei hat sie die Rechnung ohne ihren unnachgiebigen Liebhaber gemacht, der tatsächlich Gefühle für sie entwickelt hat. Eva fühlt sich durchaus geschmeichelt durch diese Avancen, mag sich aber nicht so recht darauf einlassen. Schließlich ist sie bereits Mitte 40 und Tom 21 Jahre jünger als sie …

In Filmen ist das alles immer ganz einfach. Ob zwei Menschen füreinander bestimmt ist, das hängt vom Drehbuch ab. Faktoren wie Klassenunterschiede oder das Aussehen, die spielen dort keine Rolle, ebenso wenig die Hautfarbe oder Kultur oder Religion. Das Publikum soll im Anschluss daran glauben können, dass Liebe keine willkürlichen Grenzen kennt, nur auf die Gefühle kommt es an. Das ist natürlich schön, in der Theorie würde dem sicher auch fast jeder zustimmen. Nur leben wir nicht in einer Theorie, sondern in der Wirklichkeit. Und die ist nach wie vor von Erwartungen und Normen geprägt, gegen die man als Individuum nur schwer ankommt.

Eine Liebe wie jede andere
Das führt auch Für eine Nacht … und immer? schön vor Augen. Denn eigentlich – sieht man einmal davon ab, dass Eva vergeben ist – sollte nichts dagegen sprechen, wenn sie und Tom ein Paar sind. Beide sind erwachsen und im vollen Besitz ihrer geistigen Kräfte. Weder nutzt Eva ihren neuen Liebhaber aus oder muss mit einer Midlife-Crisis klarkommen, noch versucht der irgendwie an ihr Geld zu kommen – was immer die erste Vermutung ist. Schließlich muss es einen anderen Grund geben, warum ein attraktiver junger Mann eine fast doppelt so alte Frau begehrt. Irgendwas kann da nicht stimmen, so wird impliziert. Da grenzt es fast schon an ein Wunder, dass nicht noch irgendeine psychische Erkrankung als mögliche Alternative aufgebracht wird.

Dabei wird es Sibylle Tafel, die hier Regie führte und das Drehbuch mitschrieb, nicht müde, diese willkürlichen Erwartungen anzusprechen. Es ist eigentlich egal, wer sich hier zu Wort meldet, ob nun Kollegen aus der Arbeit oder die eigene Familie, immer überwiegt die Skepsis. Kaum einer gibt der Beziehung eine Chance. Ist nur so eine Spinnerei oder Phase, heißt es. Etwas, das vorübergeht. Das Publikum hat es da natürlich einfacher, da es das Paar immer wieder in Momenten der Zweisamkeit erlebt, losgelöst von eben diesen Erwartungen. Süße Momente des Glücks, in denen es nur die beiden gibt, in denen sie einfach sein dürfen, das Leben genießen dürfen.

Gleiches Recht für alle (Männer)
Um diese Willkürlichkeit noch weiter zu verdeutlichen, lässt es sich Für eine Nacht … und immer? nicht nehmen, den unterschiedlichen Umgang mit Mann und Frau aufzuzeigen. Während die Beziehung einer Frau zu einem deutlichen jüngeren Mann unerhört ist, geht gleichzeitig Evas Chef und Ex Hajo Koller (Dominic Raacke) eine Beziehung zu einer deutlich jüngeren Frau ein. Das wird nicht beanstandet oder geahndet. Es wird nicht einmal thematisiert: Tafel stellt die beiden Paare gegenüber und lässt das Publikum selbst darauf kommen, wie ungerecht die Situation ist.

Ansonsten ist Subtilität nicht unbedingt eine Stärke des deutschen TV-Films. Die Punkte und Themen werden anderthalb Stunden lang ohne große Variation wiederholt. Eine Entwicklung findet in der Geschichte nur in Bezug auf die Randfiguren statt, deren Leben weitergeht, während Eva und Tom auf der Stelle treten. Das war dem Drehbuchteam offensichtlich selbst aufgefallen, weshalb zum Ende hin unbedingt noch diverse dramatische Wendungen reinmüssen, wie es sie klischeehafter nicht hätte geben können. Das ist schon schade, dass man sich nicht anderweitig zu helfen wusste, um hier den Inhalt voranzutreiben. Statt ruhiger Beobachtung gibt es dann doch nur Vorschlaghammer, da müssen Gefühle mit Gewalt erzwungen werden. Wer sich mit der Unart arrangieren kann, es vielleicht sogar selbst etwas direkter mag, findet hier aber ein gut gemeintes und gut gespieltes Plädoyer dafür, anderen ihre Freiheit zu lassen und weniger auf Erwartungen zu geben.

Credits

OT: „Für eine Nacht … und immer?“
Land: Deutschland
Jahr: 2015
Regie: Sibylle Tafel
Drehbuch: Brigitte Blobel, Robert Krause, Sibylle Tafel
Musik: Martin Tingvall
Kamera: Thomas Etzold
Besetzung: Juliane Köhler, Marc Benjamin, Dominic Raacke, Alice Dwyer, Anastasia Papadopoulou

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Für eine Nacht … und immer?
„Für eine Nacht … und immer?“ erzählt von einer Frau, die sich in einen knapp halb so alten Mann verliebt – was in ihrem Umfeld Unverständnis und böse Kommentare provoziert. Das Drama ist ein gut gemeintes und gut gespieltes Plädoyer, sich von Erwartungen und Normen zu lösen. Als Thema ist das wichtig, bei der Ausführung hapert es jedoch: Erst verpasst es das Drehbuch, die Entwicklung voranzutreiben, zum Ende wird es unnötig übertrieben und klischeehaft.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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