Kritik

Die Frau in Gold DVD

„Die Frau in Gold“ // Deutschland-Start: 4. Juni 2015 (Kino) // 12. November 2015 (DVD/Blu-ray)

Als die Nationalsozialisten 1938 in Österreich einmarschieren, beginnt auch für die dortige jüdische Bevölkerung ein unbarmherziger Albtraum. Wer kann, verlässt das Land, so wie das Ehepaar Maria (Tatiana Maslany) und Fredrick Altmann (Max Irons), das in die USA flieht. Doch dabei müssen sie viele von ihrer Familie zurücklassen, zudem zahlreiche Besitztümer, welche von den Nazis konfisziert wurden. Mehr als 50 Jahre später hat Maria (Helen Mirren) ein glückliches Leben aufgebaut, will mit der Vergangenheit auch nichts weiter zu tun haben. Doch dann stößt sie nach dem Tod ihrer Schwester auf Briefe, welche sie veranlassen, die alten geraubten Kunstwerke für sich zurückzufordern. Gemeinsam mit dem befreundeten Anwalt Randol Schoenberg (Ryan Reynolds) reist sie daher in ihre alte Heimat, um ihr Recht geltend zu machen, stößt dabei aber auf erbitterten Widerstand. Schließlich wollen die Österreicher ihre Schätze nicht so ohne weiteres wieder aufgeben …

75 Jahre ist der Zweite Weltkrieg nun vorbei. Und auch wenn diese Zeit bzw. das Dritte Reich seither ausgiebig besprochen, untersucht und aufgearbeitet wurde, so gibt es nach wie vor unzählige Geschichten und Themen, die vergessen sind, die vergessen werden sollten. Die Frau in Gold spricht gleich zwei solcher eher heiklen Themen an. Das eine ist der Raub von Kunstschätzen durch die Nazis, welche selbst Jahrzehnte später nicht an die rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben werden sollen. Das andere betrifft weit verbreitete Strömungen in Österreich, die sich nachträglich gerne als Opfer der Nationalsozialisten inszenieren und die eigene Mitschuld an den Ereignissen unter den Teppich kehren möchten.

Kampf gegen das Vergessen
Die Frau in Gold nimmt sich beider Themen an, indem es die wahre Geschichte von Maria Altmann erzählt, die Ende der 90er darum kämpfte, den Familienbesitz zurückzubekommen. Der Film versucht dabei daran, einerseits sehr persönlich zu sein, indem das Schicksal von Maria und ihren Angehörigen in den Mittelpunkt rückt – auch mit zahlreichen Flashbacks rund um die Flucht. Gleichzeitig soll ihr Kampf stellvertretend für andere wieder für Gerechtigkeit sorgen. Ebenso dafür, dass nichts in Vergessenheit gerät. Die Menschen wieder eine Stimme erhalten, die ungehört geblieben sind oder gar unterdrückt wurden, durch Terror, mal durch Ignoranz.

Das Anliegen ist wichtig, ohne jeden Zweifel. Marias Kampf für ihr Erbe und gegen die Enteignung ist so offensichtlich richtig und gerechtfertigt, dass man als Zuschauer praktisch gar nicht anders kann, als sie anzufeuern. Zumal Regisseur Simon Curtis (Goodbye Christopher Robin, Enzo und die wundersame Welt der Menschen) die Sympathien sehr eindeutig verteilt hat. Während Maria als scharfzüngige Seniorin das Publikum schnell für sich einnimmt, ist die Gegenseite sehr schematisch dargestellt: arrogant, korrupt, ein bisschen schleimig. Um eine tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Thema und den vielen Schattierungen geht es deshalb gar nicht, Die Frau in Gold ist braves Konsenskino, das den kleinsten gemeinsamen Nenner sucht.

Das ist einfacher so!
Dass es beispielsweise der ausdrückliche Wunsch der Tante war, ihre wertvollen Porträts mögen nach ihrem Tod der Österreichischen Galerie Belvedere überlassen werden, wird zwar pflichtbewusst erwähnt, bleibt aber ohne Konsequenz. Da der Wunsch rechtlich nicht bindend war, setzten sich Altmann und Schoenberg darüber hinweg. Auch die Frage, ob der Verkauf der Kunstwerke ans Ausland nicht zu der weiteren Entwurzelung beiträgt, wird nur kurz gestreift, dann aber gleich fallengelassen. In dem Film ist nur Platz für gut und böse, Zwischentöne sind unerwünscht. Einzelne Bestrebungen innerhalb Österreichs, für mehr Gerechtigkeit in der Hinsicht zu sorgen, werden ignoriert, die Rolle des von Daniel Brühl gespielten Journalisten Hubertus Czernin verringert, damit der Kampf besser ins Wohlfühlschema passt.

Natürlich hat der Film seine Stärken, seien es die schönen Aufnahmen oder auch Helen Mirren, die als willensstarke Gerechtigkeitskämpferin die meisten Szenen dominiert. Doch trotz ihres starken Auftritts, am Ende enttäuscht Die Frau in Gold. Das wichtige Thema wird durch eine allzu konventionelle Inszenierung verschenkt. Der Film neigt auch dazu, gerne ein bisschen dicker aufzutragen und tatsächliche Emotionalität durch billige Manipulationen zu ersetzen. Selbst an und für sich packende Momente wie die Flucht verlieren auf diese Weise ihre Kraft. Als Erinnerung an vergangene Verbrechen und die anschließende Verdrängung ist das Drama wichtig. Das Ergebnis wird den Absichten aber kaum gerecht.

Credits

OT: „Woman in Gold“
Land: USA, UK
Jahr: 2015
Regie: Simon Curtis
Drehbuch: Alexi Kaye Campbell
Musik: Martin Phipps, Hans Zimmer
Kamera: Ross Emery
Besetzung: Helen Mirren, Ryan Reynolds, Daniel Brühl, Katie Holmes, Tatiana Maslany, Max Irons, Justus von Dohnányi

Bilder

Trailer

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Die Frau in Gold
4.07 (81.33%) 15 Artikel bewerten

Die Frau in Gold
„Die Frau in Gold“ erzählt die wahre Geschichte einer aus Österreich geflohenen Jüdin, die Jahrzehnte später die von den Nazis geraubten Kunstwerke zurückwill. Das ist als Thema wichtig, zudem mit Helen Mirren sehr gut besetzt. Der Film wird seinem eigenen Anspruch aber kaum gerecht, da er zu manipulativ und oberflächlich ist, sich selbst zugunsten von bravem Konsenskino vor Auseinandersetzungen drückt.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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