Kritik

„Unterleuten – Das zerrissene Dorf“ // Deutschland-Start: 9. März 2020 (TV) // 12. März 2020 (DVD/Blu-ray)

Schön ist es in Unterleuten, idyllisch, mit viel Natur. Zumindest ist das der erste Eindruck, den das Dorf in Brandenburg vermittelt. Doch schon länger sind sich die Einwohner und Einwohnerinnen nicht besonders grün. Rudolf Gombrowski (Thomas Thieme) ist sogar verhasst, obwohl seine Firma der mit Abstand größte Arbeitgeber ist. Da aber selbst dieser nicht mehr ausreicht und das Dorf vor der Pleite steht, sollen Windräder für neuen Schwung sorgen – vor allem für dringend benötigtes Geld. Während Bürgermeister Arne Seidel (Jörg Schüttauf) und Gombrowski diese Chance nutzen wollen, um den Ort zu retten, formiert sich auf der anderen Seite großer Widerstand – beispielsweise durch den Vogelschützer Dr. Gerhard Fließ (Ulrich Noethen) und den Altkommunisten Kron (Hermann Beyer). Dazwischen steht Linda Franzen (Miriam Stein), die mit ihrem Freund Frederick (Jacob Matschenz) nach Unterleuten gezogen ist, um einen Reiterhof aufzumachen und nun von der Situation profitieren will …

Wenn es in Filmen einen Stadtmensch in ein Dorf verschlägt, dann meistens mit dem Ziel, das einfache, natürliche Leben auf dem Land zu propagieren. Dort ist die Welt noch in Ordnung, man achtet aufeinander, weiß das zu schätzen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Das geht dann oft mit einem Lernprozess einher, wenn der schnöselige Stadtmensch seine Arroganz ablegt, gerne auch in Verbindung mit einer Liebesgeschichte. Ein Lernprozess wartet auch auf Linda, als sie nach Unterleuten zieht. Allerdings handelt es sich dabei um einen Lernprozess, den man nicht unbedingt anderen empfehlen würde, der sogar dem entgegenläuft, was solche Geschichten normalerweise bedeuten.

Ein Dorf, viele Geschichten
Es handelt sich bei ihr aber auch gar nicht um die Hauptfigur der Geschichte. Genauer gibt es in Unterleuten – Das zerrissene Dorf überhaupt keine Hauptfigur. Stattdessen erzählt die Adaption von Juli Zehs gleichnamigen Roman von einem kompletten Dorf, diversen Einwohnern und Einwohnerinnen und ihren zum Teil sehr schwierigen Verhältnissen untereinander. Warum die so schwierig sind, das erfährt man nicht sofort. Man gab sich bei der Umsetzung glücklicherweise genügend Zeit, spendierte ihr einen Dreiteiler im Fernsehen mit insgesamt viereinhalb Stunden. Die Zeit braucht es auch, um die diversen Leichen auszubuddeln, die dort jeder im Keller vergraben hat. Und an anderen Stellen.

Tatsächlich ist es anfangs durchaus eine Herausforderung, in diesem Wust aus Geschichten, Konflikten und Figuren nicht den Überblick zu verlieren – was auch mit dem mangelnden Kommunikationswillen der Bevölkerung zusammenhängt. Abschätzige Kommentare gibt es so manche, dazu böse Blicke, die man sich gegenseitig zuwirft, Unterleuten – Das zerrissene Dorf ist eine Demonstration, wie man ein passiv-aggressives Verhalten perfektionieren kann. Und das ist nicht der einzige charakterliche Mangel, den die vielen Charaktere hier haben. Praktisch jeder hat hier irgendwelche Macken, traumatische Erfahrungen, teils auch richtig hässliche Züge, die so gar keine Werbung für das Landleben machen.

Abgründe, so weit das Auge reicht
Teilweise verkommt das zu einem reinen Selbstzweck, man hat den Eindruck, Zeh wäre es weniger um eine Geschichte gegangen als vielmehr den Versuch, all die Abgründe menschlichen Zusammenseins auf engstem Raum zu konzentrieren. Das ist dann nicht frei von Klischees, etwa bei der Investor-Heuschrecke Meiler (Alexander Held), der in dem Windpark die Möglichkeit sieht, richtig abzuräumen. Auch andere Figuren werden gern mal auf eine einzige Charaktereigenschaft oder einen Konflikt reduziert, der sie so stark verzehrt, dass drumherum nichts mehr übrig bleibt. Gerade gegen Ende hin eskaliert das ziemlich, was Erinnerungen an den kollektiven Wahnsinn des Animes Higurashi – When They Cry weckt, wo irgendwann jeder jeden ermordet.

Anders als beim knallbunten Kollegen aus Fernost dominieren hier jedoch gedeckte Töne aus dem bräunlichen Bereich, ein bisschen in den Sepia-Bereich wandernd, so als würde man hier ein altes Fotoalbum auspacken. Hin und wieder hat Unterleuten – Das zerrissene Dorf auch tatsächlich schöne Bilder im Angebot. Sehenswert ist die Miniserie aber eher wegen der düsteren, verlorenen Atmosphäre, wenn auf engstem und doch weitläufigen Raum lauter gescheiterte Gestalten zusammenkommen. Das ist auch durchaus spannend, wenn man sich vorher gar nicht ausmalen will, worauf das alles noch hinausläuft, leichte Krimielemente sind eindeutig vorhanden. Interessant ist zudem, dass es an eindeutigen Gegenentwürfen mangelt: Neutralität ist noch das Beste, worauf man hier hoffen darf, wenn sich alle gegenseitig zerfleischen, bis es keine Gewinner mehr gibt im ostdeutschen Niemandsland.

Credits

OT: „Unterleuten – Das zerrissene Dorf“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Matti Geschonneck
Drehbuch: Magnus Vattrodt
Vorlage: Juli Zeh
Musik: Matthias Weber
Kamera: Theo Bierkens
Besetzung: Thomas Thieme, Hermann Beyer, Miriam Stein, Rosalie Thomass, Ulrich Noethen, Charly Hübner, Bettina Lamprecht, Bjarne Mädel, Dagmar Manzel, Christine Schorn, Sarina Radomski, Alexander Held, Mina Tander, Jörg Schüttauf, Jacob Matschenz

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Unterleuten – Das zerrissene Dorf
In „Unterleuten – Das zerrissene Dorf“ zieht der Fortschritt ein in Gestalt eines geplanten Windparks. Statt idyllischer Gemeinschaft bedeutet dies jedoch mal offene, mal versteckte Kämpfe und jede Menge Kellerleichen, die ans Tageslicht gebracht werden. Die Konflikte und Abgründe verkommen manchmal etwas zum Selbstzweck, sind aber spannend, der Dreiteiler insgesamt auch von einer sehenswert düsteren Atmosphäre.
7von 10

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