Kritik

Jenseits des Sichtbaren

„Jenseits des Sichtbaren – Hilma af Klint“ // Deutschland-Start: 5. März 2020 (Kino)

Dass Frauen nicht wirklich gleichberechtigt sind, sondern noch immer in vielerlei Hinsicht benachteiligt, das ist keine sonderlich bahnbrechende Erkenntnis. In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich sicher einiges getan, doch viele Bereiche sind noch weit davon entfernt, auch annähernd Parität zu erreichen. Das gilt gerade auch für das künstlerische Umfeld, das sich gern mit freigeistigen Ansprüchen schmückt, in der Hinsicht aber doch noch viel Nachholdbedarf hat – siehe Filmpreise und Filmfeste, wo Frauen selbst im Jahr 2020 oft nur Randerscheinungen sind.

Der Zeitpunkt ist daher ideal für Jenseits des Sichtbaren – Hilma af Klint, wenn hier einer Künstlerin gewürdigt wird, die nie die ihr gebührende Anerkennung widerfahren ist. Eine Künstlerin, die Jahre vor Kandinsky schon abstrakte Bilder gemalt hat. Damit ist sie natürlich nicht alleine, die Kunstgeschichte ist voller Beispiele, wie erst nach dem Tod, teils deutlich später, die Besonderheit eines Werkes erkannt wurde – unabhängig davon, ob nun ein Mann oder eine Frau dahintersteckt. Zudem musste af Klint nicht gerade am Hungertuch nagen, als Mitglied einer adligen Familie war sie anders als diverse Leidensgenossen gar nicht darauf angewiesen, Geld mit ihrer Kunst zu verdienen.

Wir müssen an unsere Kundschaft denken …
Geld spielt aber durchaus eine Rolle bei der Rezeption von af Klint. Denn was Kunst ist und was nicht, das bestimmen oft nicht diejenigen, die diese Werke geschaffen haben. Stattdessen gehört das Privileg denen, die in dem Bereich geschäftlich etwas zu sagen haben. Kunst ist, was sich verkauft. Nun könnte man meinen, dass die Schwedin, die Anfang des 20. Jahrhunderts damit begann, sich vom gegenständlichen Malen zu lösen und eine eigene Richtung zu verfolgen, so etwas wie ein Geschenk für den Kunstbetrieb sein. Eine Sensation, die Hunderte von Bildern hinterlassen hat, damit lässt sich doch was anfangen! Nur würde das bedeuten, die Kunstgeschichte umzuschreiben. Und das will man dann doch lieber nicht.

Regisseurin Halina Dyrschka leistet mit ihrem Film daher gleich zweierlei. Völlig losgelöst von der konkreten Künstlerin zeigt sie auf, wie Kunstbetrieb und Kunstgeschichte zusammenhängen. Erklärt die Mechanismen, die dahinter stecken, wenn eine Wahrheit konstruiert wird, die gut passt. Und wenn etwas nicht passt, so wie eben af Klint, dann wird eben nicht angepasst. Stattdessen gibt es ein paar Ausflüchte und Ausreden, wird geleugnet und umgedeutet. Mehr als eine kleine Fußnote ist nicht drin, eine Pflichterfüllung, um guten Willen zu zeigen.

Viel zu sehen und erfahren
Dabei gibt die Schwedin sehr viel mehr her als nur eine Fußnote. Allein schon die Masse an Bildern würden eine eigene Serie rechtfertigen, mangelnde Produktivität kann man ihr kaum vorwerfen: 1500 Stück hat sie zeit ihres Lebens gemalt, da ist man mit dem Anschauen schon eine Weile beschäftigt. Jenseits des Sichtbaren kann natürlich nicht alle davon zeigen, beschränkt sich auf einzelne Titel, mal weil sie späteren abstrakten Bildern ähneln, mal weil sie doch sehr eigen sind. Teilweise versucht der Film die Entstehung dieser Bilder zu verdeutlichen, beispielsweise durch nachgestellte Szenen. Aber auch „pur“ kann man sich eine ganze Weile mit den Werken vertreiben.

Zudem war af Klint eine Person, die selbst dann fasziniert, wenn man mit ihren Bildern oder auch Kunst im Allgemeinen weniger anzufangen weiß. Ihre Biografie als selbstbestimmte Frau in einer Zeit, die das gar nicht vorsah, ist ebenso ungewöhnlich wie die Werke. Auch ihr Interesse für Theosophie, eine mystisch-naturphilosophische Weltsicht, macht den Film spannend: Die Künstlerin wollte nicht allein das abbilden, was sie sah. Vielmehr vertrat sie die Ansicht, dass Dinge nie so aussehen, wie sie sind, jeder Versuch der direkten Ableitung daher scheitern muss. Das soll nicht bedeuten, dass es keine Wahrheit gibt da draußen, die man suchen kann. Sie befindet sich nur, wie der deutsche Titel der Doku sagt, jenseits des Sichtbaren, ist ein Ziel, dem man sich auf anderen Wegen nähern muss als denen, die uns beigebracht wurden.

Credits

OT: „Jenseits des Sichtbaren – Hilma af Klint“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Halina Dyrschka
Musik: Damian Scholl
Kamera: Alicja Pahl, Luana Knipfer

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Jenseits des Sichtbaren – Hilma af Klint
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Jenseits des Sichtbaren – Hilma af Klint
Stell dir vor, eine Frau malte die ersten abstrakten Bilder, bevor es das offiziell gab. Ein Unding! „Jenseits des Sichtbaren – Hilma af Klint“ zeigt auf, dass eine schwedische Künstlerin Anfang des 20. Jahrhunderts Geschichte schrieb, jedoch lange ignoriert wurde. Der Dokumentarfilm ist dabei sowohl als Porträt des Kunstbetriebs wie auch als Annäherung an eine faszinierende Frau sehenswert.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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