2012 schrieb Haifaa Al Mansour Filmgeschichte, als sie mit Das Mädchen Wadjda den ersten komplett in Saudi-Arabien gedrehten Film ablieferte. Nun kehrt die erste Regisseurin aus dem arabischen Königreich in ihre Heimat zurück und erzählt in Die perfekte Kandidatin (Kinostart: 12 März 2020) von einer Ärztin, die eigentlich nur die Auffahrt ihres Krankenhauses reparieren wollte und dadurch zur Vorkämpferin für Frauenrechte wird. Wir haben mit der Filmemacherin gesprochen und uns über ihren neuen Film und die aktuelle Lage in ihrem Heimatland unterhalten.

Du hattest zuletzt zwei internationale Filme auf Englisch gedreht. Warum bist du für deinen neuesten Film zurück nach Saudi-Arabien gegangen?
Zunächst einmal habe ich einfach meine Heimat vermisst. Ich wollte meine Mutter wiedersehen und ein bisschen Zeit mit meiner Schwester verbringen. Außerdem verändert sich gerade sehr viel in Saudi-Arabien und ich wollte untersuchen, was das bedeutet und wie es ist, in dieser Situation einen Film zu drehen. Teil von dem zu sein, was passiert. Denn es ist natürlich auch schon etwas anderes, wenn du einen Film über etwas drehst, das dir nahesteht.

Wie hat sich das Filmemachen in Saudi-Arabien seit deinem ersten Film verändert?
Du bekommst heute viel leichter Zugang zu den Orten und eine Genehmigung dort zu drehen. Früher war Filmemachen in Saudi-Arabien auch illegal, weshalb du immer Angst davor haben musstest, erwischt zu werden. Wenn die Polizei kam, musstest du immer den Dreh unterbrechen. Das ist jetzt anders. Wir haben natürlich nach wie vor keine Filmindustrie in dem Sinn, die dich unterstützen kann. Aber es konnte uns auch keiner aufhalten. Das macht die Arbeit schon einfacher.

Brauchte es nur eine Genehmigung für den Dreh an sich? Oder musste auch der Inhalt genehmigt werden?
Wenn du eine Genehmigung beantragst, sehen sie das Drehbuch. Mein Vorteil ist aber, dass ich über das schreibe, was ich kenne und die Grenzen kenne. Ich weiß, was in Saudi-Arabien akzeptiert wird und was nicht. Für mich war es auch wichtig, dass ich niemanden beleidige. Saudi-Arabien ist so lange so konservativ gewesen, dass mir bewusst ist, dass eine Filmemacherin für manche erst einmal schwer zu akzeptieren ist. Vor allem wenn die auch noch über Frauenrechte spricht. Da ist so mancher Mann dann doch überfordert. Deswegen sollte mein Film auch zu Herzen gehen und respektvoll sein und humorvoll sein. Die Veränderung braucht auf diese Weise natürlich länger und ist nicht so schnell, wie wir es gerne hätten. Man braucht da mehr Geduld. Aber ich denke, dass wir auf diese Weise mehr erreichen können, als wenn wir jetzt voll auf Konfrontation gehen. Die Leute müssen ihre Ansichten und ihre Werte ändern. Und das braucht Zeit.

Wie ist denn die aktuelle Situation von Frauen in Saudi-Arabien? Was wurde bereits erreicht?
Es ist schon einiges passiert. Sie können jetzt Autofahren und allein verreisen, ohne einen männlichen Aufpasser. Sie können auch alleine einen Pass besorgen. Das hört sich vielleicht nicht nach viel an, für die meisten dürfte es gesunder Menschenverstand sein, dass sie das dürfen. Aber für die Frauen in Saudi-Arabien ist das schon ein großer Fortschritt, dass sie jetzt unabhängiger sind und etwas alleine machen können. Bei mir hat es damals noch Ewigkeiten nach dem College gedauert, bis ich eine Arbeit gefunden habe, weil du als Frau nur an Schulen arbeiten konntest oder in reinen Frauenorganisationen. Das ist jetzt anders.

Aber wenn sich so viel verbessert hat, warum dann jetzt noch einen Film zu dem Thema machen, dass Frauen zu wenig Rechte haben?
Die Situation im Mittleren Osten ist schon ziemlich kompliziert. Nur weil Frauen jetzt das Recht haben zu fahren, heißt das noch nicht, dass sie das tatsächlich tun. Es kann durchaus vorkommen, dass eine junge Frau viel Geld anspart, um sich ein eigenes Auto zu kaufen. Doch dann kommen nachts ihre Verwandten und brennen es ab, weil das ihren Werten widerspricht und sie nicht wollen, dass eine Frau fährt. Es reicht da nicht, einfach nur die Gesetze zu ändern. Du musst deshalb immer weiter daran arbeiten, die Gesellschaft zu verändern. Das ist ja selbst im Westen so, wo ich es als Filmemacherin schwerer habe als Männer. Wir haben immer Vorurteile, gegen die wir ankämpfen müssen. Wenn ein Mann beispielsweise einen Hit beim Sundance Film Festival hat, dann stehen die Studios bei ihm Schlange, um einen großen Film zu drehen. Frauen müssen sich da noch mehr beweisen, werden nicht einmal wirklich in Betracht gezogen. Auch hier ändert sich gerade was. Aber es ist ein weiter Weg bis zur Chancengleichheit. Oder schau dir die aktuellen Wahlen in den USA an und die Art und Weise, wie Frauen dort behandelt werden im Vergleich zu den Männern.

Was könnte man denn tun, um die Situationen von Filmemacherinnen zu verbessern, nicht allein in Saudi-Arabien, sondern generell?
Es gibt da schon ein Bewusstsein inzwischen, dass etwas getan werden muss, was ein wichtiger erster Schritt ist. Außerdem hilft es, wenn Frauen erfolgreiche Filme machen. Wonder Woman war hier wichtig, weil es gezeigt hat, dass man Frauen auch große Filme anvertrauen kann und sie ein Publikum haben. Aber wir müssen da noch weiter hart dran arbeiten und dürfen auch keine Angst vor Fehlschlägen haben.

Haifaa Al Mansour

© Brigitte Lacombe

Zur Person
Haifaa Al Mansour wurde am 10. August 1974 geboren. Sie schloss ihren Bachelor in Literatur an der American University in Kairo ab und machte ihren Master in Regie und Film an der Universität in Sydney. Sie ist die erste Filmemacherin Saudi-Arabiens, und ihr Kinodebüt Das Mädchen Wadjda (2012) war der erste Film, der vollständig in Saudi-Arabien gedreht wurde. Anschließend drehte sie die englischsprachigen Filme Mary Shelley (2017) und Alte Zöpfe (2018), bevor sie mit Die perfekte Kandidatin (2019) in ihre Heimat zurückkehrte.(



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Haifaa Al Mansour [Interview]
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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