Kritik

„Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde“

„Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde“ // Deutschland-Start: 17. September 2020 (Kino)

Wenn wir an Agentinnen denken, dann fallen uns natürlich die besonders schlagfertigen Beispiele ein, wie wir sie in Filmen und Serien zu sehen bekommen haben. Emmal Peel aus Mit Schirm, Charme und Melone zum Beispiel. Oder auch die Drei Engel für Charlie, die sich in verschiedensten Ausführungen durch die TV- und Kinogeschichte gekämpft haben. Marthe Cohn hingegen entspricht so gar nicht diesem Bild. Klein und zierlich ist sie, jemand, der gerne mal übersehen wird. Und doch war genau das eine ihrer Stärken, als sie während des Zweiten Weltkriegs im Dienst der Franzosen ein bisschen die Deutschen aushorchte und auf diese Weise viele Menschenleben gerettet hat.

Viele Geschichten einer fernen Vergangenheit
Das ist natürlich lange her, viel ist seither geschehen. Doch wenn Marthe Cohn, die den Spitz- und Decknamen Chichinette trägt, von damals erzählt, dann wird die Vergangenheit lebendig. Dann blitzen ihre eigenen Augen auf, mit denen sie seit inzwischen 99 Jahren die Welt genau beobachtet. Und sie erzählt die Geschichten oft. Als hätte sie nach dem langen Schweigen etwas gutzumachen – erst in den 90ern wurde man auf die bereits betagte Dame und ihre Vergangenheit aufmerksam –, reist sie munter durch die Welt, hält Vorträge, gibt Interviews, lässt Menschen in den unterschiedlichsten Ländern an ihren Erinnerungen und Erfahrungen teilhaben.

Nicola Alice Hens hat Marthe und ihren Mann Major während dieser Reisen und Gespräche begleitet, die Ergebnisse in Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde festgehalten. Wer ist diese Frau, die als Krankenschwester getarnt bei den Deutschen arbeitete? Was veranlasste sie, diese gefährliche Arbeit zu machen? Und woher hat sie diesen Namen, der übersetzt kleine Nervensäge lautet? Das sind nur einige der Fragen, die hier im Laufe der knapp anderthalb Stunden beantwortet werden, während wir gleichzeitig durch die Gegenwart reisen und uns in der Vergangenheit umsehen.

Die lange Gegenwart
Passende Bilder für Letzteres gibt es aus naheliegenden Gründen nicht, Agenten und Agentinnen pflegen üblicherweise nicht, sich während der Spionagetätigkeit filmen zu lassen – zumindest im wahren Leben. Also machte Hens das Beste daraus, nutzte zur Bebilderung beispielsweise aktuelle Aufnahmen der vergangenen Orte oder auch Animationen. Ansonsten überlässt sie ihrer Heldin den Platz und damit die Verantwortung, das Publikum bei Laune zu halten. Das gelingt ihr gut, mit Witz und scharfem Verstand, dazu noch etwas Schlagfertigkeit, hangelt sie sich durch Anekdoten und Momentaufnahmen. Die rüstige Französin hat nicht nur jede Menge zu erzählen, sondern weiß auch, wie sie das am besten tut.

Davon profitiert Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde natürlich ungemein. Der Film hängt sogar maßgeblich am Tropf dieses Talentes: Die Dokumentation lässt sich viel Zeit, bevor sie zu der eigentlichen Spionagegeschichte vordringt. Stattdessen gibt es Einblicke in die Reise des Paares, ein paar aktuelle Szenen, die mit der Vergangenheit rein gar nichts zu tun haben. Das ist teilweise charmant, teilweise aber auch belanglos. Ob der sehr ausgedehnte gegenwärtige Part drin ist, um die Figuren besser einführen zu können oder weil es sonst nicht genug Stoff gegeben hätte, um die 90 Minuten zu füllen, sei mal dahingestellt. So oder so, es braucht ein wenig Geduld. Insgesamt ist das Werk, das unter anderem bei den Hofer Filmtagen 2019 lief, aber sympathisch und unterhaltsam, zeigt dass man auch als zierliche Dame fesselnde Agentengeschichten erzählen kann.

Credits

OT: „Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Nicola Alice Hens
Musik: Raphael Bigaud, Vincent David
Kamera: Gaetan Varone, Nicola Alice Hens

Bilder

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Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde
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Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde
„Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde“ stellt uns eine knapp 100 Jahre alte Dame vor, die als französische Agentin die Deutschen während des Zweiten Weltkrieges aushorchte. Das ist als Geschichte spannend, die Ex-Spionin ist zudem eine unterhaltsame Erzählerin, auch wenn die Doku sich lange mit Belanglosigkeiten aufhält.
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Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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