(„The Avengers“, season 4, 1965)

Mit Schirm, Charme und Melone Staffel 4

„Mit Schirm, Charme & Melone – Staffel 4“ ist seit 19. Februar auf Blu-ray erhältlich

Wahnsinnige Wissenschaftler, Fantasten, die die Weltherrschaft erobern wollen, zwischendurch auch mal gewöhnliche Wirtschaftsverbrecher – tagein, tagaus hat der britische Geheimagent John Steed (Patrick Macnee) mit Leuten zu tun, die in irgendeiner Form die Sicherheit des Landes gefährden und denen er das Handwerk legen muss. Unterstützung bekommt er dabei von der ebenso charmanten wie schlagfertigen Emma Peel (Diana Rigg), auch wenn die nicht immer ganz glücklich darüber ist, ungefragt in die Sache hineingezogen zu werden.

Moment, Staffel 4? Was waren dann die anderen drei? So manch einer dürfte etwas verwundert gewesen sein, als 2010 auf einmal Folgen der Serie Mit Schirm, Charme und Melone im deutschen Fernsehen gezeigt wurden, die noch vor den bekannten spielen. Mehr noch, in der Emma Peel nirgends zu sehen ist. Bevor Diana Rigg in der englischen Produktion die Rolle ihres Lebens antrat, war The Avengers, wie die Krimiserie im Original heißt, im Heimatland längst zu einer Institution geworden. Doch erst mit Staffel 4 sollte dann auch das Ausland erobert werden, wenngleich man sich nicht immer bei der Umsetzung des Plans einig war.

Dies fängt bereits mit der weiblichen Hauptrolle an. Nachdem Honor Blackman ausgestiegen war, um beim James-Bond-Klassiker Goldfinger die Rolle der Pussy Galore zu übernehmen, musste dringend Ersatz her. Den fand man dann auch mit Elizabeth Shepherd, so meinte man zumindest. Doch schon nach anderthalb gedrehten Folgen musste man sich eingestehen, dass sie und Macnee nicht so gut harmonierten wie erhofft. Und so machte dann schließlich die vorher unbekannte Schauspielerin Diana Rigg das Rennen, ausgewählt von Serienschöpfer Brian Clemens höchstpersönlich. Im Nachhinein ein Glücksfall, die Engländerin wurde zum Aushängeschild der Serie – obwohl sie nur in zwei der sechs Staffeln mitspielte –, Mit Schirm, Charme und Melone avancierte zu einem absoluten Kult, auch heute noch, 50 Jahre später.

Wer nicht mit der Serie aufgewachsen ist und heute zufällig über sie stolpert, wird sich das eventuell auf Anhieb kaum erklären können. Und tatsächlich kann Mit Schirm, Charme und Melone sein Alter nicht verbergen. Blut gibt es keins, wilde Schießereien sind ebenfalls die Ausnahme, und wenn doch, werden sie von den inzwischen veralteten lustigen Peng-Geräuschen begleitet. Noch schlimmer sieht es aus, wenn es zu Nahkämpfen kommt, die aus heutiger Sicht eher putzig denn spannend sind, zumal man damals nicht einmal versuchte, den Einsatz von Doubles zu kaschieren. Und nicht nur während der Actionsequenzen, auch in anderen Szenen, etwa bei einer Autofahrt, sieht man auf Anhieb, dass sich dort eben nicht Macnee und Rigg, sondern notdürftig verkleidete Ersatzmänner auf dem Bildschirm tummeln. Technisch, soviel ist klar, hat der Fernseholdie keine Chance gegen aktuelle Produktionen.

Dass Mit Schirm, Charme und Melone trotz dieser altersbedingten Schwächen aber noch immer ein Großteil der Enkel hinter sich lässt, hat vor allem zwei Gründe: die charismatischen Ermittler und die kuriosen Fälle, die sie zu lösen haben. Steed entspricht dabei dem Typ Gentleman, der auch in größter Gefahr nie die Fassung verliert, Damen bezirzt und dabei stets makellos gekleidet ist. Kleidung ist auch bei Peel wichtig, denn vom Hosenanzug über Minirock bis zu hautengem Leder schlüpfte sie in so ziemlich alles, was die Garderobe hergibt. Sie wurde damit nicht nur zu einem Sexsymbol der männlichen Zuschauer – Emma Peel hat nicht umsonst seinen Ursprung in „M-Appeal“ bzw. „Man Appeal“ – sondern sie auch zur Identifikationsfigur eines neuen weiblichen Selbstbewusstseins in den 60ern. Das lag zum einen an ihrer zweifelsfreien Attraktivität, aber auch an ihrer Intelligenz – ihr IQ übertrifft sogar den von Steed –, als Karatemeisterin zeigt sie sich zudem regelmäßig überaus wehrhaft. Vor allem aber kann sie, anders als ihre Vorgängerinnen Venus Smith und Catherine Gale, Steed verbal durchaus Paroli bieten.

Und auch das unterscheidet Staffel 4 von den Vorgängern: der Humor. War Mit Schirm, Charme und Melone bis dato eine relativ klassische Krimiserie gewesen mit starken Spionageelementen, wurden die Dialoge witziger, die Gegner skurriler, die Geschichten fantastischer. Wenn sich Steed und Peel Wortgefechte liefern, ohne dabei jeweils lautstark oder obszön werden zu müssen, dann bilden diese bis heute eine Klasse für sich. Die besten Folgen sind dann auch die, in denen alles auf einmal vorkommt, sich Humor und Spannung die Waage halten.

Nicht immer hat das gleich gut funktioniert, an einigen Stellen wird das Erbe der drei ernsten Vorgängerstaffeln dann doch noch sichtbar, manchmal schoss man bei der Suche nach verrückten Einfällen vielleicht auch übers Ziel hinaus. Doch auch wenn die Schwächen beim genaueren Hinschauen zweifelsfrei zu erkennen sind, so gibt es doch genügend Folgen, für die allein sich die komplette Serie bereits gelohnt hat. Fans sollten die Staffel deshalb längst im Schrank stehen haben. Wer bis dato noch keine Berührungspunkte hatte, für den ist die jüngste Veröffentlichung auf Blu-ray ein guter Anlass. Dort darf man bei jeder der 26 Folgen zusätzlich auch kleinen Einführungen Oliver Kalkofe und Wolfgang Bahro lauschen, die interessante Hintergrundinfos liefern, unter anderem zu den Gastschauspielern .

Mit Schirm, Charme und Melone – Staffel 4
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Mit Schirm, Charme und Melone – Staffel 4
Mehr Witz, weniger Spionage: In der vierten Staffel von „Mit Schirm, Charme & Melone“ bewegte man sich weg vom Prinzip der reinen Krimiserie, fügte amüsante Dialoge, skurrile Gegner und fantastische Elemente hinzu. Ganz einheitlich war der Ton zwar nicht, und auch die Actionsequenzen sind gnadenlos veraltet. Doch das wunderbare Zusammenspiel von John Steed und Emma Peel in Verbindung mit den kuriosen Fällen schrieb Fernsehgeschichte und sucht auch 50 Jahre später noch immer seinesgleichen.
9von 10

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