Kritik

Spuren Die Opfer der NSU

„Spuren – Die Opfer des NSU“ // Deutschland-Start: 13. Februar 2020 (Kino) // 11. September 2020 (DVD)

Als 2018 das Urteil gefällt wird, ist dies der Schlussakt in einem Prozess, der über Monate die Medien und die Bevölkerung in Atem hielt. Immer wieder wurde berichtet über jene Angeklagte, über ihre stets neuen Taktiken mit dem Gericht und ihren eigenen Anwälten zu verfahren und natürlich, wie sie wohl aussagen wird. Das Gesicht der Beate Tschäpe, eine äußerlich unscheinbare Frau, wurde zu einem Symbol nicht nur für eine Serie von Morden, sondern auch für eine Gesellschaft, die schon immer ein gewisses Maß an Rassismus in sich duldet. Zugespitzt gesagt, deuteten ihre Taten und Aussagen auf einen Staat hin, der dieses Phänomen nicht nur duldet, sondern durch seine Art und Weise, wie er mit diesem umgeht, zu einem Teil des Problems wurde.

Unabhängig davon, wie man zu dem Fall steht und zur Debatte um das System Verfassungsschutz, welche schon vor dem Prozess in vollem Gange war, lässt sich nicht verleugnen, dass eine Personengruppe in diesem Kontext fast immer ignoriert wurde, nämlich die Opfer und ihre Angehörigen. Diese Menschen, so beschloss die Journalistin und Dokumentarfilmerin Aysun Bademsoy, sollten bei ihrem neuen Projekt im Vordergrund stehen und ein Film sein, der über den „Riss“ im Vertrauen auf den Staat, den viele deutsch-türkische Familien nach dem Urteil empfanden, Auskunft gibt. „Werden oder können sie überhaupt heilen?“, fragt Bademsoy im Statement zu ihrem Film Spuren – Die Opfer des NSU in Bezug auf die Wunden, die nicht nur bei den Angehörigen der Opfer zurückbleiben.

Die Frage nach der Heimat und dem Staat
Im Zentrum von Spuren – Die Opfer des NSU stehen die Familie der Opfer, die Bademsoy besucht und interviewt, über die Tat, ihre Gefühle zum Prozess, aber auch wie ihr Leben nach dem Prozess weitergeht. Mehmet Kubaşık und Enver Şimşek sind nur zwei der insgesamt zehn Opfer des NSU, beide Geschäftsmänner, der eine ein Kioskbesitzer in Dortmund, der andere Inhaber eines Blumenladens in Schlüchtern, Hessen. Ihre Töchter und Witwen erzählen von den Tagen nach der Tat, von Hausdurchsuchungen und Verdächtigungen sowie der großen Angst, die ihr Leben bestimmte, dass sich ein solches Ereignis jederzeit wiederholen könne und niemand wirklich sicher sei.

Jedoch sind es nicht nur die gesprochenen Worte, die beim Zuschauer nachhallen, sondern vielmehr die Momente des Schweigens, die Pausen nach einem Satz beispielsweise. Wenn schon die Trauer und die Wut schwierig ist in Worte zu fassen, so umgibt die Gesprächspartner teils Schweigen, wenn es darum geht, die Konsequenzen dieser Taten zu bedenken, die weit über die Stadtgrenzen Hamburgs, Dortmunds oder Nürnbergs hinausgehen und die Frage stellen, inwiefern Deutschland sich überhaupt jemals als Heimat dieser Menschen verstanden hat. Diejenigen, die in die Türkei zurückgekehrt sind, haben bereits eine Antwort auf diese Frage gefunden, auch wenn man die Enttäuschung in ihrer Antwort deutlich heraushört. „Du bleibst halb zurück“, heißt es an einer Stelle im Film und man kann nur erahnen, dass der Verlust, der hier angesprochen wird, sich nicht nur auf einen geliebten Menschen bezieht.

Inmitten dieser Aussagen findet Bademsoy auch Bilder der Schönheit und der Hoffnung. Szenen eines Blumenhändlers, der die Apfel- und Kirschbäume anblickt, die er an der Stelle, an der sein Chef ermordet wurde, gepflanzt hat. Eine Sequenz, die das Lied einer Gruppe von Frauen einfängt, die gerade für ihre Gemeinde kochen. Natürlich wird der Verlust diese Menschen immer begleiten, werden die ungeklärten Fragen sie immer behandeln und doch werden sie weiter leben. In diesen Bildern geht es nicht mehr nur um Normalität, sondern auch darum, diesen Menschen die Stimme zu geben, die man ihnen im Prozess nicht zuteilwerden ließ.

Credits

OT: „Spuren – Die Opfer des NSU“
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Regie: Aysun Bademsoy
Kamera: Ute Freund, Isabelle Casez

Bilder

Interview

Interview mit Regisseurin Aysun Bademsoy

Filmfeste

DOK Leipzig 2019

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Spuren – Die Opfer des NSU
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Spuren – Die Opfer des NSU
„Spuren – Die Opfer des NSU“ ist eine Dokumentation über ein Ereignis, das sprachlos macht und wie man dennoch zu seiner Sprache und seiner Normalität zurückfindet. Die Stimmen der Menschen, die Regisseurin Aysun Bademsoy aufgenommen hat, lassen tief in ein Problem blicken, von welchem der NSU ein Symptom ist und welches uns noch viele Jahre beschäftigen wird. So wir es denn ernst nehmen und uns trauen, darüber zu sprechen.
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