In ihrem Dokumentarfilm Spuren – Die Opfer des NSU, welcher am 13. Februar 2020 in den deutschen Kinos anläuft, befasst sich Aysun Bademsoy mit den Opfern des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), ihren Familien und Angehörigen. Im Interview unterhalten wir uns mit der Regisseurin über die Entstehung des Films, die Gespräche mit den Angehörigen und über die Zerrüttung des Begriffs der Heimat.

Wie sind Sie zu dem Thema Ihres Films gekommen?
Ich beschäftige mich jetzt nun seit ca. 20 Jahren mit dem Thema Immigration in meinen Filmen und als ich von den Verbrechen des NSU sowie dem Prozess erfuhr, machte mich vor allem die ständige Diffamierung der Opfer in den Medien stutzig. Immer wieder wurde von den „Döner-Morden“ oder der Gründung einer „SOKO Istanbul“ gesprochen, was mich sehr irritierte. Als es dann zum Prozess in München gegen den NSU kam, bin ich sofort dorthin gereist, weil mich dessen Verlauf interessierte und welche Kriterien, beispielsweise bei der Urteilsfindung, bedacht werden.

Zu dieser Zeit war ich mir noch nicht sicher, ob ich zu dem Thema überhaupt etwas machen wollte. Doch dann war in Berlin-Kreuzberg eine Veranstaltung, auf der Elif Kubaşık sprach. Sie war die Ehefrau von Mehmet Kubasik, eines der Mordopfer des NSU, die ich hörte und die darüber sprach, was ihrer Familie widerfahren ist, wie sie angefeindet und diffamiert worden sind, welche Depression sie durchgemacht hat und wie sich die Kinder der Familie teils nicht mehr in die Schule getraut haben. Diese Geschichten hatte mich damals sehr schockiert.

Danach interessierte mich sehr, wie die deutsche Justiz als Sinnbild unseres Staates in diesem Prozess sich verhalten würde. Immer wieder bin ich deswegen nach München gefahren, um mir den Prozess anzusehen, und habe mich um Kontakt zu den Rechtsanwälten der Opfer und zu den Familien bemüht. Insbesondere mit Seda Basay-Yildiz, der Anwältin der Familie Simsek, hatte ich viel gesprochen und sie klärte mich auf und gab mir viele Informationen. Genauso  habe ich mit Sebastian Scharmer, dem Rechtsanwalt der Familie Kubaşık, viele Gespräche geführt über das, was im Gerichtsverfahren passierte.

Mit diesen Informationen habe ich den Prozess verfolgt und war schockiert darüber, dass in den Medien immer wieder die Perspektive der Täter im Vordergrund stand, obwohl die Familien der Opfer stets sehr präsent waren, so haben sie ja beispielsweise Pressekonferenzen abgehalten. Dann gab es auch das NSU-Watch, das den Prozess protokolliert hat.

Dann kehrte ich zu der Frage zurück, was am Ende des Prozesses stehen wird, ob es eine Wiedergutmachung für die Familien geben wird? Diese Fragen haben mich in den fünfeinhalb Jahren, in denen ich den Prozess begleitete, immer beschäftigt.

Und gerade weil die Familien der Opfer so wenig erhört wurden, mit ihrem Wusch nach Aufklärung, und auch der Fokus auf die Täter viel stärker im Zentrum der Berichterstattung stand, hatte ich das Gefühl, ich muss diesen Raum des Zuhörens Ihnen geben.

Wie haben die Familien auf Ihr Projekt reagiert?
Das war sehr problematisch. Nach den Morden an ihren Familienangehörigen war das Interesse an den Angehörigen der Opfer sehr groß, aber so, dass die kriminalisierenden Aspekte dabei im Fokus standen. Das ging ja über einen Zeitraum von zehn Jahren. Sie wurden immer wieder  diskriminiert und viele Journalisten haben die Behauptungen der Ermittlungen übernommen, haben von „Döner-Morden“ gesprochen und die Familien mit Themen wie Drogenkriminalität oder Schwarzgeld in Verbindung gebracht.

Gerade weil die Familien ein sehr negatives Bild von der Presse bekommen hatten, waren sie selbstverständlich sehr skeptisch, als ich mit meinem Projekt an sie herantrat. Oft haben sie mich zweifelnd gefragt, ob ich von der Presse sei, was ich verneinte.

Wenn es dann zu einem Gespräch kam, war es von Vorsicht und Distanz geprägt. Viele haben auch meine Anfrage abgelehnt, was ich auch verstehe.

Über ihre Anwälte, mit denen ich in Kontakt stand, habe ich versucht zu vermitteln, dass bei dem Projekt das Zuhören im Zentrum steht, sprich die Geschichten der Familien. In dem Moment, als die verstanden, dass ich mich vorsichtig diesem Thema annähern will, waren sie zu einem Gespräch bereit. Ich musste lange an einer Vertrauensbasis zu diesen Menschen arbeiten und viel Geduld haben.

In Ihrem Statement zum Film sagen Sie, der Prozess sowie die Morde hätten die Definition der Heimat vieler Familien zerrüttet. Können Sie das genauer erklären?
Es gibt schon unterschiedliche Haltungen innerhalb der Familien der Migranten. Die erste Generation, hier die Ehefrauen der Opfer,  werfen einen anderen Blick auf Deutschland als Heimat. Ihre Kinder haben noch einmal einen ganz anderen, weil sie in diesem Land aufgewachsen und hier zur Schule gegangen sind und auch ihre Ausbildung hatten, ihren Beruf erlernt haben. Sie fühlen sich eher mit Deutschland verbunden als mit der Türkei. Gamze Kubaşık sagt an einer Stelle, dass Dortmund ihre Heimat sei und für sie es nur Deutschland gibt, die Türkei ist nur ein Urlaubsort.

Neben dem Begriff der Heimat ist auch der Begriff der Ehre wichtig für diese Familien. Diese Ehre wurde durch die ständigen Diffamierungen und die Verbindungen zu Drogen oder anderen Verbrechen beschmutzt. Erst als es klar wurde, dass die Morde von den „sogenannten NSU Trio“ aufgedeckt wurden, wurde ihr Ehre wiederhergestellt. Danach konnten diese Familien wieder aufrecht durch die Welt gehen.

Heimat und Ehre sind zwei ganz wichtige Details für diese Familien und davon erzählt auch mein Film Spuren.

In Ihrem Film spielt das Schweigen oder die Stille eine besondere Rolle, wenn es um die Trauer geht oder generell um das Finden von Antworten. Inwiefern ist ein Film wie Spuren als Kampf gegen dieses Schweigen zu sehen?
Diese Momente sind wichtig in dem Film. Als ich den Geschichten dieser Menschen zuhörte, hatte ich immer wieder das Bedürfnis nach einem Moment der  Ruhe, des Innehaltens, um über das Erzählte nachzudenken. Es war für mich wichtig, den Menschen diesen Raum zu geben, zu dem auch die Stille zählt.

Diese Räume erzählen von ihrem Leben. In der Türkei war ich im Haus der Familie Şimşek, ein Haus, das der ermordete Enver Şimşek mit seiner Frau Adile gebaut hat für die Zeit, wenn sie in Rente gehen. All dies sind Orte, die etwas über diese Menschen erzählen und es ist wichtig ihnen diesen Raum zu geben. Dazu gehört auch ihnen zuzuhören und damit auch die Stille, auf die Sie ansprechen.

Vor der Kamera haben sich diese Menschen mir gegenüber so geöffnet, weshalb es mir wichtig war, ihnen diese Räume, diese Stille, diese Momente des Andenkens zu geben.

Ich schätze an Ihrem Film nicht nur dessen Faktenreichtum und die Wahl der Interviewpartner, sondern auch diese kleinen privaten Momente, die Sie einfangen, beispielsweise, wenn Ali Toy, ein Blumenhändler, der für Enver Şimşek arbeitete, einem die Apfel- und Kirschbäume zeigt, die er angepflanzt hat im Andenken an Enver. Wie erhält man als Filmemacher solche Momente und wie geht man mit ihnen um?
Dieser Ort war interessant für mich, weil man sich ja fragt, wie man zu solchen Orten kommt, wie die Mörder diese Orte ausgewählt haben. Als mir klar war, dass ich einen Dokumentarfilm über die Familien drehen würde, traf ich Ali Toy und er zeigte mir sofort seine Sammlung von Zeitungsausschnitten über den Mord an Enver Şimşek und den anderen Mordopfern, die er über die letzten 15 Jahre gesammelt hatte. Und ebenso die Bäume. Er sagte mir, diese seien für ihn wichtig, denn eigentlich hätte er statt Enver Şimşek hier sterben sollen, wenn Enver Şimşek nicht für ihn an jenem Tag eingesprungen wäre.

Immer wieder war ich an diesem Ort und habe mich mit Ali Toy unterhalten. Er sagte oft, wenn man uns nicht hier haben will, dann sollen SIE und im Flugzeug oben nicht unten in einem Sarg zurückschicken. Die Ermordeten, sie sind alle junge Männer gewesen und haben niemandem etwas getan. Auch die anderen Familienangehörigen, die ich für den Film interviewte, redeten sehr präzise und auf eine kluge Art und Weise, über das was ihnen geschehen ist. Sie alle haben so viel durchgemacht, sich aber dennoch entschlossen weiterzumachen, hier zu bleiben und an das Unrecht, dass ihn geschehen ist, zu erinnern.

Als ich mit dem Projekt begann, wusste ich nicht, wie nah ich diesen Menschen kommen werde. Deswegen war es um so wichtiger, ihnen von Anfang an mit Respekt zu begegnen – wie ich es in all meinen Filmen tue –, ihnen Raum zu geben und auch ihrer Trauer. Viele von ihnen erzählen im Film, dass sie in all den Jahren der Verdächtigungen nie die Zeit zu trauern hatten. Wegen all der Diffamierungen und Anschuldigungen, mit denen sie konfrontiert wurden.

Entlang des Waldweges, der parallel zu der Schnellstraße liegt, wo Ali Toy an den Wochenenden mit seinem Blumenstand steht, stehen viele der Bäume, die er in all den Jahren gepflanzt hat. Viele sind groß, andere neu gepflanzt und noch klein. Für ihn sind diese Bäume, die er gepflanzt hat, seine Art der Trauer. Und mit diesen Bäumen hofft er, dass Enver sie vielleicht sieht und weiß, dass er diese nur für ihn gepflanzt hat. Wenn Ali an den Bäumen vorbeigeht, sie aufzählt, ist das schon ein sehr besonderer Moment im Film.

Haben Sie schon Erfahrungen gemacht mit Zuschauerreaktionen auf den Film? Wie waren diese bislang?
Der Film läuft diese Woche an und ich freue mich über das Interesse der Presse an Spuren sehr. Er lief auch auf der letzten DOK Leipzig und wir waren beeindruckt über die vielen Zuschauer, die noch lange nach dem Film im Saal blieben und mit uns ins Gespräch kamen.

Ich bin sehr froh, diesen Film gemacht zu haben, weil er, so denke ich, einen Nerv trifft. Vielen wird erst durch den Film bewusst, was man diesen Familien, wie den Şimşeks und Kubaşıks, angetan hat und was sie durchgemacht haben. Da bin ich sehr froh, dass der Film auf Interesse, Resonanz stößt und seinen Ort finden wird.

Was können Sie uns über Ihre nächsten Projekte sagen?
(lacht) Ich plane natürlich jetzt schon wieder einige Projekte und möchte gerne etwas in der Türkei drehen. Vielleicht etwas über die Einkaufswelten in der Türkei? Und was sie über die gesellschaftliche Situation in der Türkei widerspiegeln können. Das ist aber noch ein Projekt, was sich im Anfangsstadium befindet.

Dann arbeite ich noch an einem Drehbuch für einen Spielfilm und hoffe, dass ich auch dies noch weiter fortsetzen kann.

Vielen Dank für das interessante und anregende Gespräch.

Zur Person
Aysun Bademsoy wurde 1960 in Mersin/ Türkei geboren. 1969 zog die Familie nach Berlin, wo sie auch heute lebt. Nach einem Studium an der Freien Universität Berlin in den Fächern Theater und Journalismus, fing sie an Dokumentarfilme zu drehen. Darüber hinaus war sie als Regie- und Produktionsassistentin für Harun Farocki und Christian Petzold sowie als Filmeditorin und Schauspielerin tätig. In ihren Arbeiten wie Mädchen am Ball (1995) oder Ich gehe jetzt rein (2008) befasst sie sich in erster Linie mit dem Thema Immigration, der Akzeptanz und Integration von Einwanderern in Deutschland sowie deren Beziehung zum deutschen Staat und dessen Organen.



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Aysun Bademsoy [Interview]
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