In seinem Spielfilmdebüt Der letzte Mieter (Kinostart: 13. August 2020) befasst sich Gregor Erler mit vielen aktuellen Themen. Behandelt der Film vordergründig die immer weiter steigenden Mieten, gerade in Großstädten, so berührt er auch Aspekte wie Gentrifizierung, Globalisierung sowie die Kluft zwischen Arm und Reich. Im Interview spricht er über die Inspiration zum Film, die bisherigen Reaktionen des Publikums auf Der letzte Mieter sowie die erschreckende Realität hinter der Geschichte des Films.

Der letzte Mieter lief unter anderem beim letztjährigen Hard:Line-Filmfestival. Kannst du uns etwas über diese Erfahrung sagen, gerade vor dem Hintergrund, dass es sich bei deinem Film um einen Genrefilm handelt?
Das war eine tolle Erfahrung. Wir haben nur ganz knapp den Publikumspreis verpasst, was zwar schade ist, aber mich irgendwie auch wieder sehr erfreut, gerade weil das Festival ja eher für Genrefilme bekannt ist. Unter Genre versteht man ja in Deutschland immer wieder eher einen Film, der aus dem Bereich Splatter kommt, wohingegen Der letzte Mieter ja eher aus den Bereichen Drama und Thriller kommt. Es hat mich und mein Team sehr gefreut, dass wir bei einem Genrepublikum mit unserem Film so gut ankamen.

Vielleicht hat der Erfolg des Films ja auch mit dessen Aktualität zu tun. Dein Ko-Produzent und Hauptdarsteller Matthias Ziesing sagte in einem Statement zum Film, dass es „einfach mal Zeit“ war für eine solche Geschichte. Warum, glaubst du, war es mal Zeit für einen solchen Film?
Als wir mit der Entwicklung des Projekts begannen, gab es noch keinen Film, der Themen wie Gentrifizierung oder Entmietung ansprach. Mittlerweile gibt es zwar Filme wie David Nawraths Atlas, aber die wurden nach uns entwickelt, aber mit einem größeren Budget, sodass sie vor uns veröffentlicht wurden. Aber es gab noch keinen Thriller, der diese Themen behandelte, und erst recht keinen, der in der Planung sowie der Herstellung komplett eigenfinanziert war. Es war also Zeit, dass dieses Thema endlich ein Gesicht und eine Geschichte bekommt, aber auch, dass die Branche einmal zeigt, dass ein selbst finanziertes Projekt, dessen Budget vielleicht ein Zehntel von dem eines Tatort ausmacht, diese Themenkomplexe hochwertig behandeln kann.

Uns ging es darum, dass es endlich einen Film gibt, der die Kollateralschäden eines Prozesses wie Globalisierung und Gentrifizierung behandelt und dabei sich nicht am deutschen „Schmunzel-Krimi“, wie ich ihn nennen will, orientiert, sondern eher am skandinavischen Thrillerkino. Der letzte Mieter ist hart und düster, geht anders mit seinen Figuren um und stellt einen Antihelden ins Zentrum der Handlung.

Zusammengefasst ging es uns darum, einen Genrefilm zu machen, der ein aktuelles Thema behandelt und der selbst finanziert war, also weniger auf dem klassischen Wege gefördert wurde, wie es meist bei deutschen Filmen der Fall ist.

Das Thema Gentrifizierung ist, wie du selbst sagst, weit verzweigt und verweist auf Aspekte wie die Kluft von Arm und Reich oder Globalisierung. Wie behält man als Autor und Regisseur da den Überblick und vermeidet sich, ich sage mal, zu zerfasern? Wie bringt man diese ganzen, sehr komplexen Themen unter einen Hut?
Zum einen ist dies in der Recherche für den Film begründet. Wir haben mit Leuten gesprochen, die entmietet wurden, aber auch mit Beamten der Polizei sowie des SEK oder auch mit Immobilienmaklern. Eine Situation wie im Film ist natürlich zugespitzt dargestellt, aber nichtsdestotrotz in Deutschland schon passiert. Mindestens dreimal musste ein Einsatzkommando der Polizei bereits Menschen aus ihren Wohnungen herauszerren, die sich dort verbarrikadiert hatten und diese nicht verlassen wollten. Erst neulich habe ich von einem Fall gehört, bei dem ein Mann drohte, sich und seine Wohnung anzuzünden.

Als ich noch auf der Filmakademie Baden-Württemberg war, hatte ich mal Unterricht bei Andreas Dresen, der gerade mit der Drehbuchentwicklung seines Films Halt auf freier Strecke begonnen hatte. Der Film behandelt einen Familienvater, der an einem Hirntumor leidet und bei der Recherche fiel Dresen auf, dass es zwar unglaublich viele Filme über das Thema gibt, wobei dies aber immer nur als eine Art Vehikel für die Geschichte dient. So geht es in solchen Filmen nie um die Krankheit oder das Leiden, sondern vielleicht eher um die dysfunktionale Familie, die durch die Krankheit wieder zusammengeführt wird. Das Thema wird also gar nicht erst ernst genommen, sondern für etwas anderes benutzt.

Als wir Der Letzte Mieter entwickelten, wollte ich eine Art „Wolf im Schafspelz“ schaffen, also einen Film, der hoffentlich sehr spannend und packend ist, der aber keinesfalls sein Thema verrät. Es also ebenfalls nicht einfach nur als Vehikel benutzt. Alles, was im Film eine Rolle spielt, ist immer eng verknüpft mit dem Thema, was man beispielsweise an Details sehen kann. Wenn der Makler die Wohnungstür nicht auf bekommt, den Trick nicht kennt, diese leicht anzuheben, damit er die Wohnung verlassen kann, ist darauf zurückzuführen, dass der Eigentümer, in diesem Falle ironischerweise seine eigene Mutter, die Tür nie reparieren ließ. Ein anderer Fall ist, wenn der Mieter eine Gasflasche in seiner Wohnung hat, weil der Kamin zugemauert wurde, was im Übrigen tatsächlich passiert ist in Deutschland. Diese Struktur zeiht sich bis zum Ende des Films hin, was ich aber natürlich nicht vorwegnehmen möchte. Generell kann man aber sagen, dass viele der Eskalationsstufen des Filmes durch teils nicht genehmigte oder unrechtmäßige Maßnahmen der Eigentümer entstehen, die nur dazu dienen, die Mieter aus ihren Wohnungen zu ekeln.

Dass man sich innerhalb dieses Themas nicht zerfasert, hat sehr viel mit dem Handwerk des Drehbuchschreibens zu tun. Wenn ich beispielsweise ein Drama schreibe, verfolge ich zwar schon eine bestimmte Plotstruktur, aber es gibt auch Entscheidungen, die ich intuitiv treffe. Bei einem Thriller wie Der letzte Mieter ist es ein bisschen so wie Mathematik, wenn jeder Aspekt des Films auf das Thema verweist und dadurch Spannung entsteht oder gesteigert wird. Diese Stringenz kommt nur durch stetiges Arbeiten am Drehbuch zustande, immer wieder Leute das Buch lesen zu lassen und wieder an der Geschichte zu arbeiten.

Übrigens gilt dieses Prinzip auch für den fertigen Film. Viele meine Kollegen sind skeptisch gegenüber Test-Vorführungen, was ich verstehe, aber ich mag diese ganz gern. Der letzte Mieter wurde immer wieder Zuschauern vorgeführt, immer wieder haben wir diese gefragt, ob sie die Handlung nachvollziehen können, ob er spannend ist oder hängt. Das Publikum bestand dabei nicht nur aus Freunden oder Menschen aus der Branche, sondern aus Leuten aus allen Bereichen der Gesellschaft, normale Kinogänger eben.

Besonders schwierig ist es auch einen Film zu machen, der größtenteils nur in einem Raum oder einer Wohnung spielt. Kannst du uns was dazu sagen, wie du den Handlungsort inszeniert hast?
Das ist eine große Herausforderung, über die ich viel nachgedacht habe zusammen mit meinem Team. Ich selbst bin großer Fan der Arbeit von Barry Ackroyd, der beispielsweise viel mit Paul Greengrass kollaborierte an dessen Filmen Flug 93 oder Captain Phillips, welche beide in engen oder begrenzten Räumen spielen. Diese Arbeiten habe ich mir genau angesehen und wollte zusammen mit meinem Kameramann Moritz Reinecke, mit dem ich schon mehrfach zusammengearbeitet habe, einen ähnlichen Effekt erzielen. Wir haben uns dann für eine Handkameraführung entschieden, weil der Handlungsort von Der letzte Mieter dies verlangte. Zudem haben wir stets die Kamera als Beobachter der Handlung verstanden, weswegen die Kamera, zum Beispiel in Dialogen, erst dann reagiert oder die Perspektive wechselt, wenn jemand anderes was sagt.

Darüber hinaus haben wir den Raum auch immer weiter begrenzt. Im Laufe der Handlung verdunkelt sich die Wohnung immer mehr, es werden Zeitungen vor die Fenster geklebt oder gar Möbelstücke vor diese gestellt, was einen fast schon klaustrophobischen, bedrohlichen Effekt hat.

Im Bereich des Szenenbildes mussten wir einiges an der Wohnung verändern, um einen bestimmten Effekt zu erzielen oder weil es die Handlung verlangte. Der Hausflur der Wohnung, in dem sich sehr viel abspielt, ist eigentlich viel zu kurz, sodass wir ihn durch künstliche Wände und indem wir einen Teil des eigentlichen Treppenhauses mitverwendeten um ganze vier Meter verlängerten.

Das sind nur ein paar Beispiele dafür, wie wir durch Lichteinsatz, die Kamera und das Szenenbild den Raum veränderten, weil es die Handlung so wollte und um diesen klaustrophobischen Effekt zu erzielen, der essenziell für den Film ist.

Wie arbeitet man da mit den Schauspielern? Der letzte Mieter hat ja zum Teil schon etwas Bühnenhaftes von der Inszenierung her.
Wir haben lange Zeit die Szenen geprobt, was schon ein großer Luxus ist, den man bei normalen Dreh, beispielsweise fürs Fernsehen nicht hat. An zwei Wochenenden, während teils am Set noch gebaut wurde, war ich mit den Schauspielern am Motiv, damit sie die Raumverhältnisse sehen, sodass man Bewegungsabläufe und Wege bereits vor Ort festlegen kann und nicht erst beim Dreh an sich. Man meint, ein solche Begehung des Drehorts sei Standard in Deutschland, ist aber in Praxis eher ungewöhnlich.

Dazu gehört, dass wir mit der Besetzung einmal das komplette Skript durchgegangen sind, es einmal grob gespielt haben, sodass wir beim Dreh selbst vielleicht nur noch einmal kurz proben mussten. Ansonsten bin ich ein großer Fan von Spontanität und möchte diese auch einfangen, die Darsteller und mich da nicht zu sehr festlegen, wie übrigens auch den Kameramann nicht. Die Kamera soll ja weiterhin ein Beobachter des Geschehens sein und von diesem überrascht werden, sodass die Kameraführung auf Veränderungen reagiert.

Ansonsten versuche ich immer die Inszenierung nicht wie eine Art Ballett zu gestalten, jeden Gang festzulegen, was manchmal für Moritz gar nicht so einfach war, aber zum Glück hat er die nötige Erfahrung, um sich auf neue Gegebenheiten einzustellen. Darüber hinaus versuche ich, wie gesagt, immer vor dem Dreh mit den Darstellern das Set zu begehen, wofür sie im Falle von Der letzte Mieter auch sehr dankbar waren.

Besonders da wir nicht immer chronologisch drehen konnten – was man bei einem beengten Set eigentlich machen könnte –, erwies sich dieses Vorgehen als großer Vorteil. Manchmal hatten Matthias oder Pegah Ferydoni einen Dialog, aber der Gesprächspartner war gar nicht im Raum. Professionelle Darsteller können aber immer damit umgehen.

Dazu kam noch, dass unsere Location eigentlich keine einzelne Wohnung ist, sondern eine Zusammenstellung verschiedener Orte ist. Der Wohnungsinnenbereich gehört nicht zum Hausflur, welche wiederum nicht zur Hausfassade gehörte, die gleichfalls nicht zum Keller gehörte. Daher war es uns nicht möglich chronologisch zu drehen und meine – glücklicherweise unbegründete –  Sorge war, ob dieses Springen zwischen den Locations im Schnitt auffällt.

Zusätzlich konnten die Schauspieler direkt trainieren, wie es ist, im Kalten zu drehen. Der eigentlich Dreh fand im Winter statt und sie mussten tatsächlich den Radiator, den man auch im Film sieht, verwenden, da die Heizung abgestellt worden war. Im Falle von Matthias kam noch dazu, dass er durch seine Doppelbelastung als Koproduzent und Hauptdarsteller sehr geschlaucht war, was seiner Rolle sehr geholfen hat. Seine blasse Hautfarbe und seine Augenringe im Film sind jedenfalls echt. (lacht)

So haben wir die Herausforderungen und Unwägbarkeiten eines Dreh versucht für den Film zu nutzen.

Ich fand seinen Auftritt im Maklerbüro sehr toll, als er versucht diesen Brief an die Eigentümerin zu überbringen und nicht zu ihr durch darf, vertröstet wird. Toll, wie er da diese Ohnmacht und die Hilflosigkeit spielt.
Freut mich sehr, das zu hören und ich werde ihm das auf jeden Fall sagen. Er ist ja grundsätzlich ein Schauspieler, der von seinem Beruf gut leben kann, bekommt aber in Serien häufig eher tragende Nebenrollen wie „Der Liebhaber“ oder „Der Mörder“, aber selten die Hauptrolle. Für Der letzte Mieter war er tatsächlich auch schon auf ein paar Festivals als Schauspieler nominiert und hat für seine Leistung in Australien z.B. den „Best Actor“ Award gewonnen.

Übrigens ist der Film auch schon in den Bereichen Kamera, Szenenbild und, was mich natürlich auch freut, für die Regie ausgezeichnet oder nominiert worden. Gerade für eine kleine Produktion wie die unsere ist das gerade sehr erfreulich und ich hoffe, dass es noch weitergeht.

Im Übrigen finde ich es toll, wenn für den Zuschauer gerade diese Ohnmachtserfahrung greifbar wird. Man darf nicht vergessen, dass Gentrifizierung ein Prozess ist, den man nicht vermeiden kann und es steht auch nicht zur Debatte, diesen rückgängig zu machen, aber man darf den Blick nicht für die Auswirkungen dieses Prozesses verlieren. Natürlich freut man sich, wenn eine Straße, wie der Makler im Film sagt, durch die man sich nach 23 Uhr nicht mehr getraut hat, auf einmal eine schöne Spielstraße geworden ist. Der Prozess ist keinesfalls per se schlecht.

Ich selbst bin geborener Berliner und habe den Prozess der Veränderung in der Stadt bemerkt und finde den auch gut. Aber man sollte sich auch fragen, was mit Leuten passiert, die davon nicht profitieren, die beispielsweise seit über 40 Jahren in ihren Wohnungen hausen und auf einmal von Maklern auf die Straße gesetzt werden, die halb so alt sind wie ihr Mietvertrag. Das ist eine tiefgreifende, existenzielle Ohnmachtserfahrung.

Wir sind übrigens auf den Stoff gekommen, weil wir in unserem Bekanntenkreis einen solchen Fall hatten. Man muss sich das mal vorstellen: Da ist eine alleinerziehende Mutter, deren Kinder in die Kita gehen und die bekommt auf einmal eine Mietpreiserhöhung, die sie sich nicht mehr leisten kann. Wenn sie nun auszieht, ist es so gut wie unmöglich in Berlin mit einem neuen Mietvertrag im gleichen Kiez etwas zu finden, was sie sich leisten kann. Da bleibt ihr nichts mehr übrig, als an den Stadtrand zu ziehen, und zwar nicht den teuren, schicken, sondern die trostlose Peripherie.

Aber letztlich ist dein Arbeitsplatz noch immer am alten Ort, genauso wie die Schule oder die Kita deiner Kinder. Das setzt die Menschen unglaublich unter Druck und stellt sie mit dem Rücken zu Wand.

Stimmt es eigentlich, dass Baumüll zu Erstellung der Filmmusik genutzt wurde?
Ja, absolut korrekt. Ich selbst bin großer Liebhaber von Filmmusik und habe mich für diesen Film an jemanden herangetraut, der eigentlich weit außerhalb dessen steht, was wir uns leisten können, und das ist Rutger Hoedermaekers. Er war unter anderem der Kokomponist von Jóhann Jóhannsson, der die Musik zu Filmen wie Arrival oder Mandy komponierte und leider kürzlich verstorben ist.

Ich habe ihn angeschrieben und er hat tatsächlich eingewilligt, sich den Film anzusehen. Viele Komponisten, die für internationale Filme arbeiten, haben zwar wie er ein Büro in Berlin, arbeiten aber so gut wie gar nicht für die deutsche Filmbranche. Nachdem er den Film gesehen hatte, betonte er, dass er in diesem Falle gerne eine Ausnahme machen würde. Für die Musik hat er Musiker engagiert, die normalerweise mit Damien Rice oder Rufus Wainwright auf der Bühne stehen.

Und tatsächlich kam dann der Vorschlag von ihm, dass man Bauschutt von frisch sanierten Häusern nehmen und diesen auf das Trommelfell legen könne. So hat sich ein Teil der Percussions, die man im Film hört durch den Effekt des Bauschutts auf den Trommeln ergeben.

Vielen Dank für das sehr interessante Gespräch und noch viel Erfolg mit dem Film.

Zur Person
Gregor Erler wurde 1982 in Berlin geboren und legt mit Der letzte Mieter seinen ersten Langfilm vor. Bevor Erler zum Film fand, veröffentlichte er unter anderem Kurzgeschichten, wie „Der Anfang vom Ende – live“, welche in Zeitungen rezensiert und in Kurzgeschichtensammlungen veröffentlicht wurden. 2004 begann er sein Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg mit dem Schwerpunkt „Szenische Regie“ und arbeitete regelmäßig an verschiedenen Kurzfilmen mit, mit denen er sowohl national als auch international viele Preise und Auszeichnungen gewann. Neben diesen Projekten arbeitete Erler immer wieder auch an Werbespots sowie Musikvideos.



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Gregor Erler [Interview]
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