Kritik

Das Maedchen am Strand

„Das Mädchen am Strand“ // Deutschland-Start: 6+8. Januar 2020 (TV) // 28. Februar 2020 (DVD)

Es hätte der schönste Tag im Leben der Schüler und Schülerinnen sein sollen, endete jedoch in einem Albtraum, als am Tag nach der Abifeier eines der Mädchen tot aufgefunden wird. Simon Kessler (Heino Ferch) von der Hamburger Mordkommission übernimmt den Fall, da er hier eine Verbindung zu einem anderen Verbrechen vermutet. Aber auch Hella Christensen (Barbara Auer) ermittelt auf eigene Faust, obwohl sie inzwischen den Dienst quittiert hat. Schließlich war ihr eigener Sohn Sven (Nick Julius Schuck) auf dieser Party und kannte die Verstorbene gut. Hatte er am Ende etwas mit der Sache zu tun? Während die ehemalige Polizistin alles dafür tun würde, um die Wahrheit herauszufinden, muss sie sich auch ihrem eigenen gescheiterten Leben stellen, vor allem dem schwierigen Verhältnis zu ihrem Ex Johannes (Rainer Bock) …

Aller guten Dinge sind drei. Und aller weniger guten auch. Nachdem schon Tod eines Mädchens (2015) und Die verschwundene Familie (2019) in das fiktive Ostseebad Nordholm führte, wo regelmäßig Menschen ermordet werden, steht nun der dritte TV-Fall an. Zwar hat sich Christensen aus dem aktiven Dienst zurückgezogen, weshalb es zu keiner wirklichen gemeinsamen Ermittlung der beiden Hauptfiguren kommt. Richtig große Auswirkungen hat das aber nicht. Stattdessen geraten die zwei dann eben anderweitig aneinander, während jeder für sich versucht, irgendwie Licht in das Küstendunkel zu bringen.

Ich sag dazu nichts
Einfach ist das erwartungsgemäß nicht. Die Landschaften, die Das Mädchen am Strand so aufzeigt, mögen sehr offen sein, die Bewohner sind das so gar nicht. Tatsächlich hat jeder hier irgendwo so seine Geheimnisse und Abgründe. Und wenn es das nicht ist, dann schafft man sich eigene Probleme, beispielsweise indem man nicht miteinander redet: Der TV-Krimi genießt es geradezu, die Menschen aufeinander zu hetzen. Tatsächliche Zuneigung ist hier selten, zeigt sich oft dann in Form von Gewalt, sei es mal in einer tragischen Variante, mal in einer drolligen, wenn zwei gestandene Männer demonstrieren: Man ist nie zu alt, um sich wie ein Kind aufzuführen.

Das Mädchen am Strand wandert dann auch beständig zwischen Krimi und Drama hin und her. Ein großer Teil der 180 Minuten ist beispielsweise dem zerrütteten Leben der (Nicht-)Familie Christensen gewidmet. Mit dem Fall selbst hat das nur am Rande zu tun. Theoretisch fällt Sven zwar in den – beachtlich großen – Kreis der Verdächtigen. Aber das ist eher ein Anlass, um die Familiensituation genauer zu beleuchten und die grundsätzlich düstere Stimmung des Zweiteilers zu verstärken. Denn wenn nicht einmal diese Leute ihr Leben im Griff haben, wie soll es dann dem Rest gehen? Lichtblicke gibt es dabei kaum, Sympathieträger ebenso wenig. Kessler beispielsweise geht einem nach wenigen Minuten mit seiner ungezügelten Aggressivität mächtig auf die Nerven, elegante Ermittlerarbeit sieht anders aus.

Eile mit Weile
Dabei ist Das Mädchen am Strand an und für sich ganz ruhig, lässt man diese Ausbrüche einmal außer Acht. Für manche wird es wohl sogar zu ruhig sein. Knapp drei Stunden dauern die beiden Teile zusammengenommen. Drei Stunden, in denen vor allem geredet wird, manchmal auch gedankenverloren in der Gegend rumgestanden. Prinzipiell ist das nicht verkehrt, schließlich tauchen hier so viele Figuren auf und verschwinden wieder, werden hypothetische Motive und Tatvorgänge aus dem Zylinder gezaubert, dass man manchmal eine kleine Verschnaufpause braucht, um das Ganze zu verarbeiten. Sonst droht die Gefahr, in diesem Wirrwarr aus Verdächtigungen und Nicht-Antworten den Faden zu verlieren.

Aber lohnt es sich auch, so lange auf die Aufklärung zu warten? Geht so. Auf der Suche nach Antworten klappert Das Mädchen am Strand schon jede Menge Klischees ab, sowohl bei den Figuren wie auch den kriminologischen Aspekten. Es gibt hier relativ wenig, das sich tatsächlich von der Flut anderer TV-Krimis abheben würde. Umgekehrt sind die Drama-Aspekte ohne den nötigen Tiefgang, um es mit einem darauf spezialisierten Film aufnehmen zu können. Dafür entschädigen die Bilder ein wenig, das Ostsee-Setting ist auch beim dritten Anlauf wie eine frische Brise im Fernseheinerlei. Wer dieses schätzt oder wieder einen klassischen Whodunit sehen möchte, ohne das Actiongetue der US-amerikanischen Kollegen, der kann hier schon seine Zeit verbringen, selbst wenn das mehr entspannend als wirklich spannend ist.

Credits

OT: „Das Mädchen am Strand“
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Regie: Thomas Berger
Drehbuch: Thomas Berger
Musik: Christoph Zirngibl
Kamera: Frank Küpper
Besetzung: Heino Ferch, Barbara Auer, Rainer Bock, Nick Julius Schuck, Natalia Wörner, Axel Milberg, Katharina Schlothauer, Rainer Strecker

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Das Mädchen am Strand
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Das Mädchen am Strand
„Das Mädchen am Strand“ nimmt uns mit an die Ostsee, wo eine Jugendliche ermordet wurde und ganz viele ein mögliches Motiv haben. Der Zweiteiler kombiniert dabei klassischen Whodunit-Krimi mit viel Familiendrama, lässt sich dabei viel Zeit, um nachzudenken und die Landschaft zu genießen. Das Ergebnis ist ein recht ruhiger Vertreter, der beschäftigt, ohne dabei wirklich spannend zu sein.
5von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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