Kritik

The Aeronauts

„The Aeronauts“ // Deutschland-Start: 20. Dezember 2019 (Amazon Prime Video]

Mitte des 19. Jahrhunderts ist das Wetter für die meisten noch ein großes Mysterium. Dabei lässt sich dieses durchaus vorhersagen, so zumindest die Überzeugung des Wissenschaftlers James Glaisher (Eddie Redmayne). Andere können nicht wirklich viel mit diesen Aussagen anfangen, die Mitglieder der Royal Society haben nur Spott für seine Theorien übrig. Für Glaisher ist daher klar: Er muss seine Theorien beweisen, koste es, was es wolle. Er weiß sogar schon, wie er das anstellen will, indem er mit einem Heißluftballon in die Lüfte steigt und dort oben Messungen vornimmt. Zu diesem Zweck will er die begeisterte Pilotin Amelia Wren (Felicity Jones) überreden, mit ihm zu fliegen, da sie als Frau ebenso wenig Respekt genießt wie er. Sie willigt tatsächlich ein, ohne zu ahnen, welches Abenteuer auf die beiden wartet …

Über Frauen im Filmgeschäft wurde in den letzten Jahren jede Menge geschrieben, wobei sich viele auf die schlechtere Behandlung von Schauspielerinnen und die Missachtung von Regisseurinnen konzentrierten. Dabei ist ein wichtiger Punkt die einseitige Repräsentation auf der Leinwand. Glücklicherweise hat sich auch in der Hinsicht zuletzt einiges getan, Frauen dürfen jetzt mehr sein als Love Interests und Action-Sex-Symbole. Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen und Marie Curie erinnerten beispielsweise an Pionierinnen der Wissenschaft, eines der Felder, wo Frauen traditionell nichts zu suchen hatten. Und auch The Aeronauts bricht jetzt eine Lanze für das vermeintlich schwache Geschlecht.

Geschichte einmal anders
Interessant ist an dem Film, wie sehr die üblichen Charaktereigenschaften getauscht wurden. Amelia ist die furchtlose Abenteurerin, welche die Aufmerksamkeit der Massen genießt, James der zurückhaltende Nerd, der offensichtlich mehr Zeit in seinem Kopf als mit anderen Menschen verbringt. Das ist als Konstellation zwar nicht neu, solche Filme arbeiten gerne mit diesem Gegensatz, wenn zwei Leute sich gegenseitig ergänzen und nur gemeinsam ans Ziel kommen können. Den Abenteurer-Part mit einer Frau zu besetzen, ist hingegen ungewöhnlich. Und etwas zwiespältig: Auf der einen Seite ist es schön, wenn auch mal andere Frauenfiguren zum Zug kommen, selbst wenn The Aeronauts diese Zweiteilung nicht bis zum Schluss beibehält. Andererseits ist es schon etwas erzwungen, die reale Figur des James Glaisher mit der fiktiven Amelia zusammenzubringen, zumal Henry Coxwell, mit dem Glaisher 1862 einen neuen Höhenrekord aufstellte, dadurch aus der Geschichte geschrieben wurde.

Es ist noch nicht einmal so, dass Amelia als Figur so wahnsinnig interessant wäre. Anders als in Wild Rose, dem vorangegangenen Film von Regisseur Tom Harper, steht sie kaum für sich selbst, sondern braucht dann doch einen Mann als Gegenstück. Das ist zeitweise James, der als Kontrast dient. Aber auch ihr verstorbener Mann wird herangezogen, um ihr auf diese Weise eine Hintergrundgeschichte zu geben, welche in Flashbacks erzählt wird. Das ist als Idee ein bisschen billig. Außerdem sind die Unterbrechungen des aktuellen Abenteuers nicht so wirklich spannend, sind oft sehr konventionell und als Mittel zur Beruhigung zu offensichtlich.

Schön luftig
Interessanter ist da schon der Flug an sich. Was zunächst noch so schön idyllisch und nostalgisch wirkt – wie oft sieht man heutzutage schließlich Heißluftballons? –, wird mit der Zeit immer brisanter. Das sorgt für gut Spannung, da die Möglichkeiten in dem Moment begrenzt sind. Ohne vernünftige Ausrüstung mehrere Kilometer im Himmel, dazu das kammerspielartige Setting, das ist ein Szenario, welches einen beim Zusehen schon mal ein bisschen bibbern lassen kann. Es ist auch interessant zu sehen, wie unterschiedlich die beiden Figuren sich in der Situation verhalten, da sie zwar Teil desselben Abenteuers sind, dabei jedoch verschiedene Ziele verfolgen. Zwei Figuren, die als Außenseiter aneinandergekettet sind, deswegen aber keine Seelenverwandten werden.

Vor allem sind die Luftszenen visuell wunderbar. Sie sind immer etwas unwirklich in ihrer entrückten Schönheit, ein turbulentes Gemälde, das man sich wieder und wieder anschauen möchte, um alle Details einzuatmen. Die Musik von Steven Price – dank seiner mit einem Oscar ausgezeichneten Arbeit an Gravity Luft-Survival-Abenteuer erprobt – neigt manchmal etwas zur Aufdringlichkeit, ohne dabei aber vergleichbar extreme Formen anzunehmen wie so manche Konkurrenz. Ein bisschen Licht, ein bisschen Schatten also, wie in mehrerer Hinsicht bei The Aeronauts. Doch trotz der kleineren Mängel: Das luftige Drama, welche auf dem Telluride Film Festival 2019 Premiere hatte, ist eine gute Möglichkeit, um ein wenig Schwung in die Feiertage zu bringen.

Credits

OT: „The Aeronauts“
Land: UK, USA
Jahr: 2019
Regie: Tom Harper
Drehbuch: Jack Thorne
Musik: Steven Price
Kamera: George Steel
Besetzung: Felicity Jones, Eddie Redmayne

Trailer

Filmfeste

Telluride Film Festival 2019
Toronto International Film Festival 2019



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The Aeronauts
4.11 (82.22%) 18 Artikel bewerten

The Aeronauts
„The Aeronauts“ erzählt von einem verspotteten Wissenschaftler und einer kaum beachteten Pilotin, die 1862 mit einem Heißluftballon ein Abenteuer beginnen. Die Flashbacks nehmen zwischendurch zwar etwas unnötig Luft raus, insgesamt ist der historische Trip aber durchaus sehenswert – gerade auch für die tollen Bilder.
7von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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