Kritik

„Cats“ // Deutschland-Start: 25. Dezember 2019 (Kino)

Als die junge Katze Victoria (Francesca Hayward) auf den Straßen von London ausgesetzt wird, weiß sie nicht ein, noch aus. Zu ihrem Glück begegnet sie kurz darauf aber dem hilfsbereiten Kater Munkustrap (Robbie Fairchild). Der klärt sie nicht nur darüber auf, wo sie sich befindet und führt sie in die Welt der Jellicle-Katzen ein. Er erzählt ihr auch von dem bald stattfindenden alljährlichen Gesangswettbewerb, bei dem Old Deuteronomy (Judi Dench), die älteste unter ihnen, einer Katze ein neues Leben gewährt. Anwärter und Anwärterinnen gibt es genug, darunter auch den fiesen Macavity (Idris Elba), dem kein Mittel zu schmutzig ist, um die Konkurrenz auszuschalten …

Musikfilme und Musicals gehörten in den letzten Jahren zu den großen Überraschungshits. Das Queen-Biopic Bohemian Rhapsody spielte weltweit über 900 Millionen Dollar ein, dahinter platzierten sich eine Reihe weiterer Erfolgsgeschichten wie Greatest Showman oder Yesterday. Da war der Zeitpunkt eigentlich perfekt für Cats. Wenn die anderen Werke schon die Kassen klingen ließen, wie sollte das dann erst bei der Adaption des gleichnamigen Bühnenstücks von Musik-Legende Andrew Lloyd Webber sein, eines der erfolgreichsten Musicals aller Zeiten? Noch dazu inszeniert von Tom Hooper, dem mit seiner oscarprämierten Adaption Les Misérables vor einigen Jahren schon ein Händchen für diese Form der Unterhaltung zeigte?

Was genau ist das??
Umso größer waren die Augen des Publikums, als der erste Trailer des vermeintlich sicheren Superhits veröffentlicht wurde. Denn der ließ die Menschen nicht träumen, sondern spotten. Der sonderbare Versuch, reale Schauspielgrößen mit Computer-Figuren zu kreuzen, sah – je nach persönlicher Veranlagung – sehr komisch oder furchterregend aus. Daran hat sich in der finalen Version nichts geändert. Anstatt das Ensemble wie in der Bühnenversion auch einfach in Kostüme zu stecken, gibt es hier einen sehr gewöhnungsbedürftigen Mix aus real und künstlich. Doch das ist nur die erste visuelle Sonderbarkeit. Der komplette Film sieht aus wie ein auf faszinierende Weise missglücktes Experiment. Denn da wären auch noch die Hintergründe …

Für sich genommen sind die eigentlich sogar ganz gut anschaubar. Realistisch ist das Ganze zwar nicht, weder die Straßen Londons, noch die anderen Außen- oder Innenaufnahmen. Aber die Künstlichkeit passt gut zu den Musical-Wurzeln, wenn man sich hier auf einer Bühne mit aufgemalten Kulissen wähnt. Problematisch ist aber die Kombination aus den Figuren und den Hintergründen. An zu vielen Stellen sind das zwei Welten, die einfach nicht zusammenfinden, wenn die Charaktere irgendwie über oder vor allem schweben – inklusive peinlicher Bildfehler. Und auch die Größenverhältnisse stimmen oft nicht bzw. sind von einer solchen Variabilität, als wollte man sich an Alice im Wunderland ein Vorbild nehmen, wenn Alice immer wieder schrumpft oder wächst und damit alles durcheinander bringt.

Eine fremde, fremde Welt
Irgendwie ist das aber auch ganz passend, schließlich ist Cats selbst so eine Art Trip. Eines muss man Hooper lassen: Er hat etwas gedreht, das man kaum noch als Film bezeichnen kann. Vieles hier ist so seltsam oder funktioniert auf einem derart fundamentalen Level nicht, dass man den Katzenjammer nur schwer wie einen Film beurteilen kann. Dieser Effekt wird in der deutschen Synchronisation noch einmal verstärkt, wenn die bekannten Lieder leider so gar nicht zu den Lippenbewegungen passen – was zusammen mit den anderen inkompatiblen Elementen zu einer recht surrealen Anmutung führt. Nichts ist hier wirklich oder wahrscheinlich oder wenigstens möglich, das Ergebnis ist wie ein Fiebertraum, den man selbst im Anschluss kaum glauben kann. Oder adäquat wiedergeben.

Das ist dann auch eine Form der Stärke. Wer beispielsweise Trash zu schätzen weiß, der bekommt hier einen überraschenden Kandidaten mit vielen bekannten Gesichtern. Cats hat sogar das Zeug zu einem Kultfilm, wenn auch nicht auf die Weise, welche die Macher beabsichtigt haben dürften. Eine zweite Zielgruppe sind natürlich die eingefleischten Fans der Vorlage. Die dürfen sich auf die gewohnten, eingängigen Lieder freuen und werden sich kaum daran stören, dass die Geschichte das Papier des Drehbuchs nicht wert, auf dem es für die Crew ausgedruckt wurde. Wer hingegen einfach nur ein Filmmusical erwartet, im besten Fall auch ein gutes, der wird nach dem Kinobesuch verblüfft, verärgert oder vielleicht sogar völlig verstört sein, dass es tatsächlich Leute gab, die das in dieser bizarren Form für vorzeigbar hielten.

Credits

OT: „Cats“
Land: UK, USA
Jahr: 2019
Regie: Tom Hooper
Drehbuch: Tom Hooper, Lee Hall
Musik: Andrew Lloyd Webber
Kamera: Christopher Ross
Besetzung: Francesca Hayward, Judi Dench, Robbie Fairchild, Rebel Wilson, Jennifer Hudson, Laurie Davidson, James Corden, Jason Derulo, Ian McKellen, Idris Elba

Bilder

Trailer

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Cats
3.83 (76.67%) 12 Artikel bewerten

Cats
Die Figuren sehen sonderbar aus, die Optik stimmt an vielen Momenten nicht, die Geschichte ist nicht-existent, im Deutschen kommt noch die asynchrone Synchronisierung hinzu: „Cats“ ist ein Werk, das auf so vielen Ebenen nicht funktioniert, dass man es kaum noch als Film bezeichnen kann. Das ist als trashiger Trip irgendwo spaßig, aber kaum als ernstgemeinte Empfehlung zu gebrauchen.
3von 10

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