Madame

„Madame“ // Deutschland-Start: 12. Dezember 2019 (Kino)

Madame ist eine intime autobiographische Dokumentation des Schweizers Stéphane Riethauser (Garten der Sterne), der sich mit Hilfe einst privat aufgenommenem Bildmaterial in einen Dialog der Generationen begibt, der sowohl Identitätsfindung, Sexualität als auch die Geschlechterrollen nochmal ganz neu aufgreift.

Caroline, seine neunzigjährige Großmutter, spielte schon immer eine große Rolle in seinem Leben, aber erst nach Ihrem Tod kann sich der Regisseur der Themen annehmen, die er vorher nicht in der Lage war mit ihr zu besprechen. Eine Reise in die Vergangenheit beider, um zu verstehen, wie Rollenbilder beide prägten, aber auch wie diese beide in einer gewissen gesellschaftlichen Gefangenschaft hielten und es ihnen nicht oder nur sehr schwer möglich war, die Persönlichkeit zu sein, die sie waren.

Caroline entsprach schon früher nie dem klassischen Frauenbild. Eine wissbegierige, später sehr erfolgreiche Geschäftsfrau, die sich nie ausschließlich als Hausfrau sah und sich ihrer starken Persönlichkeit so sehr bewusst war, dass auch Beziehungen zu Männern nicht einfach waren. Als Frau im Beruf erfolgreicher zu sein als ein Mann und damit finanzielle Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zu erlangen, war nicht nur für Caroline schwierig. Es wird leider immer noch viel zu oft problematisiert und zeigt, wie fest Gesellschaften immer noch an dem strikten Geschlechterrollen festhalten, die über Jahrzehnte, über Generationen, ohne diese bewusst zu hinterfragen, weitergegeben worden sind. Eine freie Persönlichkeitsentfaltung, das Erkennen von Talenten und deren Förderung gestaltet sich also mit den typischen Erwartungshaltungen an Frauen als auch an Männer fast als unmöglich.

Vor der Welt verstecken
Im schlimmsten Fall, wie es Stéphane selbst erfahren musste, sorgen diese Erwartungshaltungen dafür, dass man zu einem Schauspieler seiner selbst wird, ohne ein Verständnis dafür entwickeln zu können was Bedürfnisse sind, was Liebe bedeutet aber auch wie wichtig Toleranz, Akzeptanz und Empathie ist. Die eigene Homosexualität zu erkennen, sie dann zu akzeptieren und dann auch offen ausleben zu können, wurde für ihn zu einem langen beschwerlichen Weg. Denn wie sollen Gefühle verstanden werden, wenn es ausschließlich eine Möglichkeit gibt, dem Bild eines „wahren Mannes“ zu entsprechen?

Da für die Dokumentation ausschließlich privates Material verwendet worden ist, mag es den Anschein haben, als würde hier selbstkritisch und reflektiert eine Vergangenheitsbewältigung von statten gehen. Man wird aber als Zuschauer auch ziemlich schnell merken, dass einem viele Situationen selbst vertraut sind. Seien es Gespräche, in die man verwickelt ist, oder unbewusst gestellte Erwartungen daran, wie ein Mädchen oder ein Junge zu sein haben. Im weitesten Sinne kommt man mit bestimmten Vorgaben und Vorstellungen tagtäglich in Kontakt. Diese Dokumentation ist deshalb nicht nur die Darstellung eines Einzelnen, sondern auch ein Bild eines Konstruktes, das uns nach wie vor alle betrifft. Insofern kann man als Zuschauer in Madame auch einen kleinen Appell an uns selbst sehen, den Mut zu haben, von alten Normen abzuweichen und im privaten sowie im beruflichen nicht mehr in fixen Geschlechterrollen zu denken und sich damit von auch Vorurteilen zu lösen.



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Madame (2019)
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Madame (2019)
„Madame“ ist eine sehr persönliche Dokumentation, die schnell zu einem Spiegel eigener Erfahrungen und unserer Gesellschaft wird. Riethauser stellt selbstkritisch Geschlechterrollen in Frage, ohne dabei offensiv belehrend an den Zuschauer heranzutreten und schafft damit ein einfühlsames Generationenporträt, welches zeigt wie jeder vor Herausforderungen steht, sich selbst zu finden und verwirklichen zu können.
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