Wenn Roland Emmerich einen neuen Film dreht, dann weiß man (meistens) schon im voraus: Jetzt kracht es ordentlich! Das gilt auch für ein neuestes Weg, das mit zahlreichen Stars besetzte Kriegsepos Midway – Für die Freiheit (Kinostart: 7. November 2019) über die entscheidende Seeschlacht von Midway im Jahr 1942 zwischen den USA und Japan. Wir haben den deutschen Regisseur, der zu den erfolgreichsten Hollywoods gehört, bei einem Special Screening seines Werks getroffen und konnten ihm einige Fragen hierzu stellen.

Du hast Anfang des Jahres den Bayerischen Filmpreis für dein Lebenswerk bekommen, vor kurzem kam einer in Zürich dazu. Fühlt man sich da langsam alt?
Ich habe mich da schon gefragt, ob ich da im Anschluss überhaupt noch andere Filme machen darf. Aber es hat mir gefallen, dass die in Zürich meine Filme gezeigt haben. Bis auf Midway, der war noch unter Verschluss. Er war aber auch noch nicht ganz fertig.

Dann kommen wir doch mal zu Midway. Wie verrückt muss man sein, einen solchen Kriegsfilm in einer Zeit herauszubringen, in der Trump sagt, die Amerikaner seien kriegsmüde, und dementsprechend seine Soldaten zurückzieht.
Ich wollte den Film ja schon seit zwanzig Jahren machen, bin aber ganz froh, dass ich ihn erst jetzt gemacht hab. Man muss vielleicht Amerikanern speziell erklären, wann Amerika wirklich groß war. Ohne die Amerikaner würde die Welt heute vielleicht völlig anders aussehen. Und es ist ganz toll daran zu erinnern, dass es mal Amerikaner gab, die für Demokratie und Freiheit ihr Leben gelassen haben. Man hat derzeit das Gefühl, dass es zwei Amerikas gibt: das Trump-Amerika und das normale Amerika.

Wie sehr lässt man sich überhaupt beim Filmemachen davon beeinflussen, was drumherum geschieht?
Sehr. Man redet eigentlich viel zu viel darüber. Und es ist manchmal erschreckend: Du gehst mit Freunden essen und keiner sagt ein Wort über Trump. Denn du kannst zu dem Thema auch gar nicht mehr diskutieren. Es ist inzwischen auch alles möglich bei dem Typ. Er hat ja schon beim letzten Mal geschimpft, dass es Wahlbetrug gab, weil er drei Millionen weniger Stimmen hatte als Hillary. Und dabei hat er noch gewonnen. Jetzt stell dir mal vor, er gewinnt beim nächsten Mal nicht.

Du hast mit The Day After Tomorrow schon vor 15 Jahren einen Film gedreht, der sich mit den katastrophalen Folgen des Klimawandels befasst. Und trotzdem hat man das Gefühl, dass es heute in Amerika weniger Klimabewusstsein gibt als damals.
Die Amerikaner hätten schon vor zwanzig oder dreißig Jahren ihr Wahlsystem erneuern sollen. Dieses ganze System mit den Wahlmännern ist eine Dummheit. Bei Bush und Gore war es damals genau das Gleiche, nur mit noch viel weniger Stimmen. Wäre Gore damals Präsident geworden, er hätte deutlich mehr für die Umwelt getan. Aber es sind am Ende immer die Republikaner, die das Wahlsystem ausnutzen. Und bei Trump ist das nicht nur ein bisschen zurückgegangen, sondern mit 180 in die andere Richtung. Das ist furchtbar. Wenn man dann ein bisschen pessimistisch ist über unsere Welt, so wie ich es bin, dann glaubt man nicht mehr daran, dass wir noch einmal das Ruder umreißen können. Der Klimawandel kommt auch schneller, als wir uns das alle gedacht haben. Wenn jetzt die Kinder auf die Straße gehen und sagen „ihr ruiniert unsere Zukunft“, das verstehe ich vollkommen. Das kann man nur unterstützen. Aber für Trump ist das nur Fake News, wie alles, das irgendwie kritisch ist.

Um zurück auf die Vergangenheit zu kommen, was hat dich so sehr an der Schlacht von Midway gereizt, dass du sie seit zwanzig Jahren machen wolltest?
Ich finde es einfach interessant, wie viel bei dieser Schlacht zusammenkommen musste, damit sie so ausgehen. Wann hast du schon mal Kriegsfilme gesehen, wo Zufälle eine Rolle spielen? Ein wichtiger Aspekt war für mich auch, dass es im Krieg zwar Gewinner gibt, aber doch auch alle irgendwo Verlierer sind, weil einfach so viele ihr Leben lassen mussten. Das fand ich als Thema immer interessant.

In der Seeschlacht wurde viel durch die Flugzeugangriffe entschieden. Wie sah die Arbeit daran aus?
Ich habe einen Bruder und einen Onkel, die begeisterte Flieger sind. Einem meiner Onkel, dem ich jedoch nie begegnet bin, dem ist dasselbe wie Dick Best passiert: Durch das ständige hoch und runter wurde eine latente Tuberkulose aktiviert und er hat nach dem Krieg plötzlich Blut gespuckt. Daran ist er auch gestorben, weil man das damals nicht ernst genug genommen hat. Ich bin mit meinem Bruder viel geflogen in einem Segelflugzeug. Ich weiß also schon, wie Fliegen so funktioniert. Beim Drehen war ich da auch ziemlich radikal. Wenn etwas nicht funktioniert, habe ich es neu gemacht. Irgendwann habe ich alles weggeworfen, ziemlich spät sogar, weil das nicht so war, wie ich es wollte, und habe mich mit den Leuten direkt an den Computer gesetzt. Aber das hat sich glaube ich ausgezahlt.

Wie viel Zeit ist denn allgemein in die Arbeit geflossen, alles authentisch zu machen? Also nicht nur auf diese Sturzflüge bezogen.
Authentizität war uns schon sehr wichtig. Ich lese ja schon seit zwanzig Jahren Bücher zu dem Thema. Der Drehbuchautor Wes Tooke kommt zudem aus einer Navy-Familie. Dadurch hat er natürlich auch viel über die Navy gewusst. Er hat mir viele Dinge erzählt, die ich nicht wusste, zum Beispiel, dass sich die Navy wie eine Familie anfühlt und jeder jeden kennt. Das war mir nicht so klar und ist dann alles in den Film eingeflossen. Natürlich hatten wir aber auch viel Hilfe von außen. Da gibt es einen Club, den Midway Round Table, der sich einmal in der Woche trifft, bis heute. Da kommt immer wieder etwas Neues raus. Für uns war das gut. Wir konnten dann fragen: Was war die und die Nummer auf dem Flugzeug? Und die konnten uns das wirklich sagen. Wir haben schon versucht, die Schlacht so gut es ging nachzubilden. Wir mussten aber auch viel weglassen, sonst wäre der Film fünf Stunden lang.

Wie schwierig war es, eine Balance aus den verschiedenen Elementen zu finden: die Schlacht, die Vorgeschichte, die Familienszenen?
Das war ein längerer Prozess. Es hat fast zwanzig Drehbuchfassungen gebraucht, bis wir zufrieden waren.

Midway Für die Freiheit

US-Soldaten auf hoher See: „Midway – Für die Freiheit“ erzählt die Geschichte einer bedeutenden Schlacht

Als ich vorhin Ed Skrein im Interview gefragt habe, warum er an dem Film teilgenommen hat, war eine seiner Antworten, dass wir etwas daraus lernen können. Was können wir von Midway lernen?
Man kann über Geschichte lernen. Es ist ja eine interessante Geschichte. Dass die Amerikaner es geschafft haben, den Krieg innerhalb von sechs Monaten für sich zu entscheiden. Zumindest zum Teil, vorbei war der Krieg danach noch nicht. Aber man hat zu dem Zeitpunkt noch gedacht, dass die Japaner irgendwann die Westküste angreifen. Und man kann wie gesagt lernen, dass es mal Menschen gab, die sich für die Demokratie geopfert haben – gerade auch angesichts des derzeitigen Rechtsrucks. Das gerät manchmal in Vergessenheit. Natürlich muss der Film trotzdem unterhaltsam sein. Sonst funktioniert ein Film für mich nicht.

Haben die Chinesen den Film mitfinanziert, weil es darin die Szenen in China gab? Oder gab es die Szenen als Reaktion auf die Finanzierung?
Diese Szenen waren von Anfang an drin. Ohne diesen Überraschungsangriff von Doolittle auf Tokio, der später in China notlandet, wäre die Midway-Aktion überhaupt nicht genehmigt worden.

Und wie sah es bei den Japanern aus?
Ich hatte einen japanischen Militär-Historiker. Der war richtig cool, was er alles gewusst hat. Er hat immer was verändert, aber das hat dem Film am Ende wirklich geholfen. Zum Beispiel gab es einen Raum, in dem der japanische Kaiser gegessen hat und der einen Thron enthielt. Ein japanischer Kaiser würde aber nie neben seinem Thron sitzen und essen, wie er uns erklärt hat. Für mich sind solche Details wichtig, weil die viel ausmachen. Es war auch das erste Mal, dass ich in einer fremden Sprache gedreht habe.

Und wie war das?
Seltsam. Aber auch cool. Ich wusste auch, dass ich drei der besten japanischen Schauspieler hab.

Ansonsten drehst du meistens deine Filme auf Englisch. Betrachtest du die USA inzwischen als deine Heimat?
Klar, ich wohne jetzt seit 30 Jahren da und hatte dort meine ganze Karriere. Ich bin beruflich jetzt länger in Amerika als in Deutschland. Das prägt einen.

Wäre es denn eine Option, mal wieder einen Film in Deutschland zu drehen?
Ich habe Anonymous in Deutschland gedreht. Das war mir zu kalt. Ich habe mir zwar immer vorgestellt, dass ich im Ruhestand dann wieder nach Deutschland ziehe. Aber der Zahn ist mir gezogen worden. In Kalifornien ist immer die gleiche Temperatur, mehr oder weniger. Das gebe ich doch nicht auf!

Du bist ja damals auch nicht unbedingt im Guten aus Deutschland weggegangen.
Nee, ich wurde vertrieben von Filmkritikern. Außerdem habe ich sowieso immer amerikanische Filme machen wollen. Es war aber gut für mich, in Deutschland anzufangen, weil du dabei lernst, mit weniger Geld auszukommen. Ich habe danach auch immer ein bisschen weniger Geld gebraucht als meine Kollegen.

Verfolgst du aber noch die deutsche Filmszene?
Ja, ich habe auch noch viele Freunde hier. Ich bin beim nächsten Film von Tim Fehlbaum dabei als Produzent. Ich bin auch sehr gut befreundet mit Marco Kreuzpaintner.

© Universum Film/Kurt Krieger

Zur Person
Roland Emmerich wurde am  10. November 1955 in Stuttgart geboren. 1977 begann er ein Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film München, zunächst im Fach Szenenbild, das er später gegen Regie tauschte. Sein Abschlussfilm war der Science-Fiction-Film Das Arche Noah Prinzip, der mit einem Budget von einer Million Mark das Vielfache eines Studentenfilms kostete. Auch später kehrte er oft zu dem Genre zurück, etwa in Universal Soldier (1992), Stargate (1994) und Independence Day (1996). Sein aktuellster Film Midway – Für die Freiheit (2019) erzählt die Geschichte der bedeutenden Seeschlacht im Jahr 1942 zwischen den USA und Japan. Mit einem gesamten Einspielergebnis von über drei Milliarden US-Dollar gehört er zu den erfolgreichsten Regisseuren aller Zeiten.

Roland Emmerich [Interview]
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