Gloria 2018

„Gloria – Das Leben wartet nicht“ // Deutschland-Start: 22. August 2019 (Kino)

Gloria (Julianne Moore) mag inzwischen schon mehr als die Hälfte ihres Lebens hinter ihr haben, von einer Scheidung ganz zu schweigen. Doch das ist noch lange kein Grund dafür, einfach nur daheim rumzuhocken und die Wände anzustarren. Stattdessen zieht es die Mittfünfzigerin immer wieder nach draußen, zu den Menschen – und auf die Tanzfläche. Dabei lernt sie eines Nachts Arnold (John Turturro) kennen, der ebenfalls schon eine gescheiterte Ehe auf dem Buckel hat. Die Chemie zwischen den beiden stimmt sofort, sie kommen sich schnell näher. Aber nicht nahe genug, wenn es nach Gloria geht, denn Arnold steht immer noch ziemlich unter der Fuchtel seiner Exfrau und deren Töchter.

Dass die US-Amerikaner nicht ganz so viel mit Filmen aus dem Ausland anfangen können, ist kein Geheimnis. Und so gibt es immer mal wieder Hollywood-Remakes von Hits aus Europa, Asien oder Südamerika. Meistens kann man die ganz gut ignorieren, da es sich doch nur um geglättete Fassungen handelt. Spannender ist da schon, wenn die Regisseure der Originale sich an dem Remake versuchen, ihren eigenen Film also neu verfilmen. Der Däne Ole Bornedal (Nightwatch, Freeze – Alptraum Nachtwache) war so ein Fall. Auch der Norweger Hans Petter Moland erzählte mit Einer nach dem anderen und Hard Powder zweimal dieselbe Geschichte: einmal als skandinavische Fassung, einmal als englischsprachige.

Ruhm beim zweiten Anlauf?
Mit Gloria – Das Leben wartet nicht folgt nun ein drittes Beispiel. Dieses Mal ist es der chilenische Regisseur und Drehbuchautor Sebastián Lelio, der ein älteres Werk neu und mit etwas Hollywoodglanz herausbringt. Bei diesem älteren Werk handelt es sich um das nahezu titelgleiche Gloria aus dem Jahr 2013. Das fand in Europa damals richtig viel Zuspruch. Beispielsweise wurde Hauptdarstellerin Paulina García auf der Berlinale als beste Schauspielerin ausgezeichnet. In den USA nahm man jedoch wenig Notiz von dem Film, nicht einmal für eine Oscar-Nominierung als bester nicht-englischsprachiger Film hat es gereicht. Beim Remake sieht es da schon besser aus. Schließlich durfte hier Julianne Moore (Still Alice) in die Rolle der Titelfigur schlüpfen.

Moore ist es dann auch, die dem Projekt so etwas wie eine Daseinsberechtigung verleiht. Inhaltlich hat sich zwischen den beiden Fassung nur wenig geändert. In Nuancen unterscheiden sich die zwei Filme zwar durchaus. So gibt es in Gloria – Das Leben wartet nicht Diskussionen ums Waffenrecht. Auch der Schauplatz Los Angeles, der allein den Schönen und Reichen vorbehalten ist, hat seine Spuren hinterlassen. Denn dort ist man nicht erst jenseits der 50 alt. Ansonsten ist das meiste aber beim alten geblieben. Wer das Original gesehen hat, der wird die Szenen weitestgehend schon kennen und hier nichts Neues erfahren.

Der doppelte Alltag
Ist Gloria – Das Leben wartet nicht dadurch überflüssig? Jein. Auch wenn das Remake nichts Nennenswertes hinzufügt und die Geschichte an sich ohnehin recht dünn ist – der Film besteht eher aus Alltagsbetrachtungen und Figurenporträts als aus Handlung –, das Thema ist nach wie vor relevant. Lelio schaut auch hier, was es bedeutet, als Frau eines gewissen Alters das Leben selbst bestimmen zu müssen. Das tut Gloria natürlich auch, die Tragikomödie zeigt mit viel Elan und gleichzeitig feiner Beobachtungsgabe, wie hier jemand um sein Glück kämpft und tanzt, dabei jedoch auch immer wieder hinfällt. Auch wenn die Titelfigur eine Powerfrau ist, die die Nacht zum Tag macht, vieles läuft dann doch nicht so wie von ihr erhofft.

Das wird manchmal direkt angesprochen, manchmal lässt es sich auch eher zwischen den Zeilen lesen. So oder so, Moore ist für ein derartiges Porträt natürlich prädestiniert. Bei ihr werden sowohl die intimen Momente wie auch die großen Auftritte zu einer umwerfenden One-Woman-Show. Andere Figuren gibt es natürlich auch in dem Film, der auf dem Toronto International Film Festival 2018 Premiere hatte. Da wäre allen voran Arnold, der seine ganz eigenen Stolpersteine im Leben hat und vieles mit sich herumträgt. Doch sie verblassen alle ein wenig neben einer Frau, deren Lachen ebenso mitreißend ist wie ihr Tanz – selbst wenn bei beidem immer wieder Traurigkeit mitschwingt. Das ist eigentlich alles ganz simpel und wenig erwähnenswert, das Schicksal von Gloria ist alles andere als ungewöhnlich. Und doch hat sich dieses Banale selten so relevant und echt angefühlt wie hier.



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Gloria – Das Leben wartet nicht
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Gloria – Das Leben wartet nicht
„Gloria – Das Leben wartet nicht“ mag über weite Strecken eine Eins-zu-eins-Kopie von „Gloria“ sein. Doch die Geschichte um eine geschiedene Frau in den 50ern, die unbeirrt an ihr Glück glaubt und ihr Leben genießen will, gefällt auch in der Hollywood-Remake-Variante – zumal Julianne Moores Darstellung in allen Lebenslagen umwerfend ist.
7von 10

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