Manaslu DVD

„Manaslu – Berg der Seelen“ // Deutschland-Start: 3. Januar 2019 (Kino) // 6. Juni 2019 (DVD/Blu-ray)

Wohl noch nie war es so einfach und vor allem günstig, die Welt zu bereisen. Doch während früher zwei Wochen mit der Familie an der Ostsee oder ein Trip nach Italien zufriedenstellend waren, haben solche Ziele für die Entdecker von heute kaum noch einen Reiz. Abenteuerurlaube werden immer beliebter und es gibt kaum noch Gebiete, die gänzlich unerschlossen sind. Was früher nur Privilegierten oder Lebensmüden vorbehalten war, ist heute auch für den Otto-Normal-Bürger theoretisch machbar.

Vor einiger Zeit ging ein Bild durch die Medien, das eine schier endlose Warteschlange beim Aufstieg am Mount Everest zeigte. Dieser Berg der Berge, dessen Gipfel noch vor wenigen Jahrzehnten nur ein paar Dutzend Bergsteiger zu Gesicht bekam, wird seit einigen Jahren von Möchtegern-Kletterern nur so überflutet. Mithilfe von teurer Ausrüstung und gemieteten Sherpas kann es heute fast jeder einigermaßen fitte Mensch auf den Gipfel schaffen. Die Betonung liegt auf kann, denn die Todesfälle häufen sich. Trotz der Ausrüstung und Vorbereitungsmaßnahmen unterschätzen viele Menschen die Naturgewalt des höchsten Bergs der Erde.

Filmisch hoch hinaus
Auch die internationale Filmindustrie entdeckte die dramaturgische Schlagkraft des Bergsteigens und so legte G.W. Pabst bereits 1929 mit Die weiße Hölle vom Piz Palü ein intensiver Gipfeldrama vor. Manche dieser Filme sind actionreicher (Vertical Limit, Cliffhanger), manche dramatischer (Everest) und andere eher ein Thriller (Im Auftrag des Drachen, A Loneley Place to Die). Meist vereinen die fiktiven Werke, die oft auf wahren Begebenheiten beruhen, jedoch alle drei Genres.

Da einige der berühmtesten Bergsteiger aus Deutschland, Österreich oder Südtirol kommen/kamen, gibt es auch hierzulande in regelmäßigen Abständen Filme über beeindruckende Einzelschicksale. Während Nordwand die Geschichte des Erstbesteigungsversuchs der Eiger-Nordwand durch Toni Kurz und Andreas Hinterstoißer zeigt, erzählt Nanga Parbat das Schicksal der Brüder Messner. Während Günther 1970 am Berg ums Leben kam, stieg sein Bruder Reinhold trotz der anschließend entstandenen Kontroverse um den Tod seines Bruders zum wohl weltweit bekanntesten Bergsteiger auf. Während es über Reinhold Messner bereits eine Vielzahl an Dokumentationen gibt, erzählt Manaslu die Geschichte eines alten Weggefährten Messners, der trotz ebenbürtiger Leistungen immer in dessen Schatten stand.

Hans Kammerlanders Leben ist der Berg – und der Berg ist sein Leben. Von Kindesbeinen an geht der Sohn einer Bauernfamilie auf lange Wanderungen, besteigt mit acht Jahren seinen ersten Berg. Als kurze Zeit später seine Mutter stirbt, hält ihn nichts mehr in der heimischen Hütte. Als Jugendlicher beginnt er an Berglauf-Wettbewerben teilzunehmen, mit 18 Jahren beginnt er eine Ausbildung zum Bergführer – der Startschuss für unzählige, waghalsige Klettertouren.

Die Dokumentation von Gerald Salmina ist ein ungewöhnliches Werk. Irgendwo zwischen klassischem Fernsehbeitrag, kunstvollem Essay und bildgewaltiger Nacherzählung springt der Regisseur durch seinen Dokuflickenteppich wie Kammerlander von Gipfel zu Gipfel. Mit Hilfe von Interviewsequenzen, Tonaufnahmen, Archivmaterial und nachgestellten Szenen mit Schauspielern versucht Salmina in ein hartes und bewegendes Leben einzuführen. Die Dramatik ergibt sich dabei fast gänzlich aus den Schilderungen der tatsächlich beeindruckenden Besteigungen und den schier aussichtslosen Situationen in denen sich Kammerlander befand. Eine persönliche Ebene baut sich zum, vom Leben gezeichneten, Südtiroler jedoch nur schwer auf. Um das herauszukitzeln, bedarf es schon einem anderen Kaliber Regisseur.

Ein emotionaler Wendepunkt
Und so spielt Salmina das Hinzuziehen von keinen geringeren als Werner Herzog durchaus in die Hände. Herzog, der Kammerlander und Reinhold Messner (!) bereits Anfang der 80er bei ihrer Doppelüberschreitung von Gasherbrum I und II filmisch begleitete, wird hier als Interviewpartner wieder ins Boot geholt. Und Herzog ist es auch, der nach etwa der Hälfte der Spielzeit den Finger in die Wunde hält. Denn nachdem sich Messner vom aktiven Bergsteigergeschäft größtenteils zurückzog und Kammerlander dadurch in seiner Heimat zum neuen Star der Szene aufstieg, stieg ihm auch der Ruhm etwas zu Kopf. Nachdem ehemalige Weggefährten und Ex-Frauen bereits den Status des furchtlosen und unbändigen Gipfelstürmers relativieren, spricht Herzog den schicksalhaftesten Moment in Kammerlanders Leben an. 2013 verursachte er alkoholisiert einen Verkehrsunfall, bei dem ein junger Mann zu Tode kam. Die Ereignisse gingen durch die Presse, zunächst galt das Unfallopfer als Verursacher, bis Kammerlander seine Tat selbst einräumte.

In dieser Unterhaltung, die Kammerlander eigentlich übergehen will, ist Herzog unnachgiebig und entlockt dem Unnahbaren tatsächlich Emotionen. Leider nutzt Salmina diese Prämisse viel zu wenig aus, gerät anschließend wieder in seinen schlecht abgestimmten Nacherzählung-Trott. Da helfen auch die zwischengeschnittenen, bedeutungsschwangeren Aufnahmen von kunstfertigen Mönchen nichts. In einer Szene aus Herzogs alter Doku fragt der Filmemacher den jungen Reinhold Messner, der zusammen mit Kammerlander in einem Bergsee sitzt, ob die beiden denn Freunde wären. Messner verneint und sagt, er habe nach einer adäquaten Begleitung für die Doppelbesteigung gesucht. Ein ähnliches Verhältnis könnte der Zuschauer auch zu Manaslu aufbauen.



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Manaslu – Berg der Seelen
4.5 (90%) 24 Artikel bewerten

Manaslu – Berg der Seelen
Die Doku fasst das beeindruckende Bergsteiger-Leben von Hans Kammerlander und besonders die Besteigung des Manaslu gut zusammen. Leider ist das Potpourri aus Interviews und Nacherzählungen zu unausgereift und planlos. So ist "Manaslu" als Film weder Fisch noch Fleisch, weder eine klassische, aber spannende Doku, noch eine kunstvolle Allegorie mit eigenem Touch.
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