Kritik

Umbrella Academy 1So richtig gut war das Verhältnis zwischen den einzelnen Familienmitgliedern ja nie. Was auch damit zusammenhängt, dass sie nicht wirklich eine Familie waren. Vielmehr gehörten die Kinder zu den 43, die eines Tages zeitgleich geboren wurden, ohne vorherige Anzeichen, dafür aber mit besonderen Fähigkeiten. Fähigkeiten, die sich Sir Reginald Hargreeves, alias „Das Monokel“, zunutze machen wollte. Denn eines Tages würden sie nötig sein, um die Welt zu retten. Also adoptierte der schwerreiche Erfinder sieben dieser seltsamen Babys, um sie auf ihre Arbeit vorzubereiten. Nur das mit dem Zusammenhalt und den Gefühlen wollte nicht so recht funktionieren. Und so zerbrach die angehende Superheldentruppe irgendwann, erst der Tod von Hargreeves sollte sie Jahre später zusammenführen. Das und der drohende Weltuntergang natürlich.

Nachdem es lange Zeit so aussah, als wäre es das irgendwie gewesen mit The Umbrella Academy, gibt es nun gleich doppelten Nachschub für die Freunde des etwas anderen Superhelden-Comics. Zum einen startete im Herbst die lang erwartete dritte Serie mit dem Titel Hotel Oblivion. Zum anderen ging kürzlich die erste Staffel der Netflix-Adaption The Umbrella Academy an den Start. Diese Gelegenheit wurde natürlich genutzt, um auch die alten Bände noch einmal neu aufzulegen. Schließlich stehen die Chancen nicht schlecht, dass manch einer, der Gefallen an der TV-Variante fand, im Anschluss auch die mehr als zehn Jahre zurückliegenden Ursprünge kennenlernen möchte.

Der feine Unterschied
Wer diese vorher nicht kannte und von TV auf Comic übergeht, der muss sich auf einige Änderungen gefasst machen. Grundsätzlich stimmen die Geschichte des ersten Bandes Weltuntergangs-Suite und der ersten Staffel schon überein. In beiden Fällen finden die außergewöhnlich begabten Adoptivkinder eines ebenso genialen wie gefühlskalten Erfinders zu dessen Tod wieder zusammen, nachdem sie sich Jahre nicht mehr gesehen haben. In beiden Fällen steht ein Weltuntergang auf dem Programm, der mit einer musikalischen Aufführung zusammenhängt. Doch beim Weg dorthin gibt es große Unterschiede.

Einer davon: Gerard Way, der die Geschichte schrieb, hatte es deutlich eiliger als die Streamingkollegen. Wo sich Letztere viel Zeit ließen, um die Figuren einzuführen, und auch einiges hierfür erweiterten, da muss in der Comicfassung sehr viel schneller gehen. Die Konflikte zwischen den einzelnen Familienmitgliedern finden sich auch hier schon, etwa die Vernachlässigung von Vanya, dem einzigen Kind ohne Fähigkeiten. Auch das besondere Verhältnis zwischen Allison und Luther wird angesprochen. Es bleibt jedoch bei Andeutungen oder kleinen Einwürfen. Was auf dem Bildschirm zu einem Familiendrama heranwächst, das ist in gedruckter Form nur eine Begleiterscheinung.

Nicht bewegend, dafür energiegeladen
Weltuntergangs-Suite ist daher weniger bewegend als das Fernsehpendant. Es ist auch schwieriger, Zugang zu den Figuren zu finden. Dafür ist das Tempo höher, das Geschehen energiegeladener, die gelegentlichen Längen der Netflix-Variante sind hier kein Thema. Ständig passiert etwas, wird irgendjemand zu Brei geschlagen oder anderweitig um die Ecke gebracht. Manch wichtige Wendung wird in nur einem Bild abgearbeitet. Und auch die Absurdität ist hier konzentrierter: Ob nun auf der Helden- oder der Schurkenseite, hier scheint eigentlich jeder wahnsinnig zu sein. Normale Menschen? Die gibt es bei Way nicht, die dürfen höchstens mal irgendwo im Hintergrund herumstehen. Zu sagen haben sie nichts. Way, der als Sänger der Rock-Band My Chemical Romance bekannt wurde, legt ihnen nichts in den Mund.

Wobei Dialoge ja ohnehin nicht die Stärke des Comics sind. Dann schon eher die Bilder: Der brasilianische Zeichner Gabriel Bá setzte die wilde Geschichte um einen musikalischen Weltuntergang ebenso überzogen und kraftvoll um, wie von Way angelegt. Die Gesichter sind sehr kantig, die Hintergründe ohne großen Details, die Farbpalette reduziert. The Umbrella Academy ist kein Werk, das man sich für die filigrane Gestaltung anschaut und minutenlang auf einer Seite verweilt. Stattdessen ist der erste Band ein ausdrucksstarkes, witziges bis groteskes Superheldenepos, auf Krawall gebürstet, anstatt sich zu verkünsteln. Nur ohne wirkliche Helden. Die Fähigkeiten kommen wie in der TV-Variante etwas kurz, über manches hätte man dann doch gern mehr erfahren. Dafür gibt es aber zum Schluss noch ein paar Kurzgeschichten, die zumindest andeuten, was an den Figuren so besonders ist.

Credits

OT: „The Umbrella Academy: Apocalypse Suite“
Land: USA
Jahr: 2007/08
Text: Gerard Way
Zeichnungen: Gabriel Bá

Bilder

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The Umbrella Academy – Band 1: Weltuntergangs-Suite
Mit „The Umbrella Academy“ legte Gerard Way ein Comic-Debüt vor, das es in sich hat. Die Geschichte um eine verrückte Superheldenfamilie, die keine ist, unterhält mit eigenartigen Fähigkeiten, einem ebenso grotesken Weltuntergang und einer dazu passenden Optik, die Wert auf Ausdruck legt, weniger auf Detailarbeit. Das ist unterhaltsam, auch wenn die Figuren bis zum Schluss recht unnahbar bleiben.
3.5von 5

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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