Die Berufung

„Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit“ // Deutschland-Start: 7. März 2019 (Kino)

Schon früh weiß Ruth Bader Ginsberg (Felicity Jones), dass sie als Anwältin den Menschen zu Recht verhelfen will, vor allem denen, die systematisch unterdrückt werden. Denn das kennt sie aus eigener Erfahrung: Obwohl sie als Jahrgangsbeste ihr Jura-Studium abschließt, will sie keine Kanzlei einstellen. Eine Frau als Anwalt? Das ist in den 1960ern noch nicht gesellschaftsfähig. Also begnügt sie sich mit einer Professorenstelle, um so die Anwältinnen der Zukunft zu prägen. Doch dann stolpert ihr Mann Marty (Armie Hammer), selbst erfolgreicher Steueranwalt, über einen Fall, in dem ein Mann aufgrund seines Geschlechtes vom Steuerrecht benachteiligt wird. Ruth sieht darin die einmalige Chance, um grundsätzlich den Kampf gegen geschlechterbedingte Ungerechtigkeit aufzunehmen und einen historischen Präzedenzfall zu schaffen.

Man muss ja nicht immer alles verstehen, was in den USA so getrieben wird. Dass ein Richter zu einer Popikone wird, das wäre hierzulande unvorstellbar – sieht man einmal von den früher so populären pseudo-dokumentarischen Gerichtsshows im Nachmittagsfernsehen ab. Und doch: Ruth Bader Ginsberg ist eine solche Ikone. Mehr noch, sie wird fast schon wie eine Göttin verehrt, Lichtblick und Gegenentwurf zum Mief der Ellbogen-Trump-Ära. Ihr Gesicht ist auf T-Shirts zu finden, sie wird zu Talk Shows eingeladen, zur Not übernehmen in Saturday Night Live Schauspielerinnen ihre Rolle. Justiz als Franchise? Willkommen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten!

Präsent auf vielen Kanälen
Aber auch hierzulande werden immer mehr Menschen auf das Leben und Wirken der zierlichen Frau aufmerksam, die sich seit Jahrzehnten für die Gleichberechtigung einsetzt. Daran haben nicht nur die Medien ihren Anteil, die gerade auch ihre angeschlagene Gesundheit thematisieren – hält sie lange genug durch, bis Trump weg ist? Auch im Filmbereich entwickelt sich Ginsberg inzwischen zu einem Dauerbrenner. Vor allem der für einen Oscar nominierte Dokumentarfilm RBG – Ein Leben für die Gerechtigkeit trug dazu bei, dass wir mehr über die Gerechtigkeitskämpferin erfahren durften. Und das sogar offiziell in deutschen Kinos.

Der nun nachfolgende Spielfilm Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit ist da eine gute Ergänzung, auch wegen der anderen Schwerpunktsetzung. Versuchte der Dokumentar-Kollege noch, den großen Bogen zu spannen und das gesamte Leben der bald 86-jährigen Juristin abzudecken, da pickte sich Drehbuchautor Daniel Stiepleman einen Teilbereich heraus. Genauer ist es der besagte Fall um einen Mann, der sich um seine Mutter kümmerte und dafür steuerlich schlechter gestellt wurde als eine Frau in der Situation. Denn während Diskriminierungen von Frauen so normal waren, dass Gerichte sie immer wieder bestätigten, war das Beispiel einer männlichen Benachteiligung so ungewöhnlich, dass mehr drin war.

Mehr wäre mehr gewesen
Eine solche Verkürzung wird Ginsberg natürlich kaum gerecht, weder der Juristin noch dem Menschen. Gerade Letzteres ist ein wenig enttäuschend, ist Stiepleman doch der Neffe von der liebevoll RBG abgekürzten Vorkämpferin. Da hätte man ein wenig mehr Einsicht erwartet. Dass seine Tante die Welt verändern will, das lernen wir auf diese Weise. Wer sie als Individuum ist, das jedoch eher weniger. Bei der Gegenseite sieht es nicht besser aus. Das sind einfach nur Männer, die meisten älter, und damit grundsätzlich gegen Gleichberechtigung. Klischees, die einem sehr schnell so unsympathisch werden, dass man schon aus Prinzip gegen sie sein muss. Wenn die oft unterschätzte Ginsberg es mit ihnen aufnimmt, mit einem ganzen System, das keine Frauen in bedeutenden Positionen sieht oder sehen will, dann ist das das gute alte David-gegen-Goliath-Prinzip. Wer hat da schon ernsthaft eine Wahl, für wen er sich entscheidet?

Dabei sind die schönsten Momente gar nicht die, wenn Geschichte geschrieben werden soll. Es sind die Momente, wenn Regisseurin Mimi Leder ihr Augenmerk auf die Familie richtet. Das Zusammenspiel von Felicity Jones (Rogue One: A Star Wars Story) und Armie Hammer (Call Me by Your Name) überzeugt durch eben die Wärme und Unaufgeregtheit, die dem Gerichtspart fehlt. Wenn Marty daheim bleibt, sich um Familie und Essen kümmert, dann geschieht das so beiläufig, so unkommentiert, dass diese Szenen die besten Argumente für eine Gleichberechtigung sind. Denn hier ist es das Normalste der Welt. Inspirierend ist der Film aber so oder so, ein Plädoyer dafür, alle Menschen gleich zu behandeln und offen zu sein für Neues.



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Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit
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Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit
„Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit“ will der Ikone Ruth Bader Ginsberg ein Denkmal setzen, beschränkt sich dabei aber zu sehr auf einen Fall vor Gericht. Der appelliert zwar erfolgreich an das Bedürfnis, für den Underdog zu stimmen, und ist ein leidenschaftliches Plädoyer für Gleichberechtigung. Die Persönlichkeit der Juristin bleibt dabei jedoch etwas im Hintergrund, trotz schöner und toll gespielter privater Szenen.
7von 10

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