„Sew the Winter to My Skin“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Südafrika in den 1940ern: Großbritannien verliert immer mehr an Einfluss über das Land, dafür haben nationalistische Kräfte das Sagen, welche die Rassentrennung mit aller Macht vorantreiben. Ein Mann widersetzt sich jedoch der Bevormundung durch die Weißen: John Kepe (Ezra Mabengeza). Immer wieder schlägt er den weißen Grundbesitzern ein Schnippchen, indem er ihnen Schafe stiehlt. Bei der Bevölkerung kommt das gut an, er wird schnell zu einem lokalen Helden, der andere inspiriert. Umso härter versuchen Sergeant Botha (Peter Kurth) und seine Männer, den Dieb endlich in die Finger zu bekommen. Doch der schafft es jahrelang, seinen Verfolgern immer wieder durch die Lappen zu gehen.

Gerade erst ist mit Robin Hood ein sündhaft teurer Hollywood-Versuch in die Hose gegangen, den diebischen Volkshelden neu in Szene zu setzen. Dabei zeigt ein kleiner Kollege aus Südafrika, wie eine solche Geschichte deutlich origineller und unterhaltsamer geht. Und das obwohl Sew the Winter to My Skin eigentlich lauter Dinge tut, die im Kino verpönt sind. Für die Massen ist der Film auch definitiv nicht geeignet oder gedacht. Für ein fleißiges Festivalpublikum, das gerne mal ein bisschen was anderes sehen möchte, ist das hier aber ideal.

Ein Verbrechen, das allen die Sprache raubt
Die Geschichte selbst ist dabei überaus simpel. Der Film beginnt wie so viele am Ende, zeigt wie John Kepe seiner „gerechten“ Strafe zugeführt wird – vergleichbar etwa zu Maria Stuart, Königin von Schottland. Die restlichen zwei Stunden zeigen den Mann mit der etwas anderen Rechtsauslegung dabei, wie er abwechselnd Schafe stiehlt und vor seinen Verfolgern flieht. Manchmal auch beides, wie in einer fast schon komischen Szene gegen Ende des Films, als das Diebesgut etwas zweckentfremdet wird, um die Männer aufzuhalten.

Allgemein hat Sew the Winter to My Skin zuweilen eine etwas komische Note. Ein Grund: Regisseur und Drehbuchautor Jahmil X.T. Qubeka verzichtet nahezu auf Dialoge. Oder sonstige Sprache. Bei der Gerichtsverhandlung gibt es ein bisschen was, ein Journalist, der vom Schicksal Kepes erzählt, bringt immer mal wieder Zeilen aufs Papier. Und für eine Drohung zwischendurch reicht es auch. Ansonsten aber haben Menschen, gleich welcher Farbe oder Gesinnung, offensichtlich die Lust am Sprechen verloren. Wozu auch? Die Taten sprechen für sich. Die einen klauen. Die anderen schießen. Mehr ist darüber nicht wirklich zu sagen.

Zwischen Slapstick und Sadismus
Im Zusammenspiel mit der etwas gewöhnungsbedürftigen verspielten Musik wäre der Schritt zum Stummfilm-Slapstick gar nicht mehr so weit. Andere Szenen sind dafür umso härter. Wenn eine Begegnung zwischen den bewaffneten weißen Herrschern und einer aufgewühlten schwarzen Bevölkerung gewaltsam explodiert, dann ist das nur der Höhepunkt einer allgemein angespannten Situation. Der südafrikanische Filmemacher Qubeka braucht kein Pathos, keine großen Reden, um die Verbrechen des beginnenden Apartheitsystems zu verdeutlichen. Die Bilder reichen.

Die sind allgemein von hoher Qualität: Sew the Winter to My Skin, das beim Toronto International Film Festival 2018 Weltpremiere feierte, verwöhnt mit superben Aufnahmen der südafrikanischen Landschaft. Die sind ausgesprochen karg, was zu dem ohnehin schon durchschimmernden Westernambiente passt. Wobei das Genre hier kaum auszumachen ist, von Abenteuer über Action bis Drama reicht der Mix, ist alles und doch nichts, mischt kauzige Karikatur mit sadistischem Horror. Das kann böse danebengehen, Unentschlossenheit ist beim Filmemachen selten eine Tugend. Hier passt es aber gut zusammen: Trotz gelegentlicher Längen – das wortlose Davonlaufen erlaubt nicht viel Variationen – ist Qubekas neuestes Werk ein bemerkenswert eigenwilliges Beispiel dafür, wie solche historischen Geschichten aufgearbeitet werden können.



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Sew the Winter to My Skin
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Sew the Winter to My Skin
Ein historisches Drama über einen Mann auf der Flucht, das fast ohne Dialoge auskommt? Das ist ungewöhnlich. Ohnehin hält sich „Sew the Winter to My Skin“ an keine Erwartungen, wechselt Genres und Stimmungen, wie es ihm gefällt, während die Geschichte eines berühmten südafrikanischen Schafdiebes während der Apartheid erzählt wird. Konstant sind dabei lediglich die tollen Aufnahmen der kargen Gegend.
7von 10

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