Unforgiven

„Unforgiven“ // Deutschland-Start: 4. November 2018 (Kino)

Die Vorfreude ist groß, als Vitaly Kaloyev (Dmitriy Nagiev) im Juli 2002 zum Flughafen von Barcelona fährt. Seit einigen Monaten arbeitet der Russe bereits in Spanien, während die Familie daheimblieb. Doch jetzt steht endlich ein Wiedersehen an. So dachte Kaloyev zumindest. Von dem Flugzeug ist aber weit und breit nichts zu sehen. Denn während der Familienvater mit Blumen am Flughafen wartet, hat sich eine absolute Tragödie zugetragen: Das Flugzeug seiner Familie ist mit einem anderen in der Luft kollidiert, Dutzende Menschen sind dabei ums Leben gekommen – darunter auch seine Frau und die beiden Kinder. Während nach der Ursache für den Zusammenstoß gesucht wird und von großen Zahlungen die Rede ist, will der vor Gram zerfressene Kaloyev vor allem eins: Gerechtigkeit.

Dreifache Katastrophe
Das eigene Kind zu verlieren, gehört zu den schlimmsten Erfahrungen, die ein Mensch so machen kann. Das Mitgefühl des Publikums ist dem Protagonisten daher sicher, dessen komplette Familie auf einen Schlag ausgelöscht wurde. Zumal Unforgiven diesen, einem alten dramaturgischen Trick folgend, zum Auftakt in harmonischen Familiensituationen zeigt. Die Sonne scheint, das Leben ist schön, es regiert die Idylle. Umso stärker ist der Schock, wenn alles vom einen Moment zum nächsten wegbricht. Und damit auch in ihm etwas zerbricht.

Das Unglück von 2002, als über dem Bodensee zwei Flugzeuge kollidierten, gewinnt auf diese Weise ein Gesicht. Die Tragödie besteht nicht mehr nur aus Zahlen, die schnell vergessen sind, sondern gewinnt eine persönliche Dimension. Zum Teil zumindest. Sarik Andreasyan, der hier Regie führte und am Drehbuch mitschrieb, hielt sich jedoch nicht lange mit der Figurenzeichnung auf. Kaloyev liebt seine Familie und ist im Anschluss ein gebrochener Mann. Mehr verrät er nicht. Mehr ist aber auch nicht zu sehen: Dmitriy Nagievs schauspielerisches Wirken besteht lediglich darin, anderthalb Stunden mit versteinerter Miene durch die Gegend zu laufen und etwas vor sich hin zu grummeln. Eine Entwicklung gibt es dabei nicht, sieht man einmal von dem beharrlich länger werdenden Bart ab.

Es lebe der Pathos!
Wohl als Ausgleich zu dem recht statischen Geschehen trägt Unforgiven an anderer Stelle umso dicker auf. Gleich zu Beginn lässt die Musik keinen Zweifel daran, dass hier etwas ganz Furchtbares passieren wird, die fetten Streichorchester zelebrieren das Drama geradezu. Passend fallen auch die Bilder aus, die sich von einem Grauton zum nächsten hangeln, Dabei spielt es dann auch keine wirkliche Rolle, ob wir uns in Russland aufhalten oder ob Kaloyev umherreist, in seiner verzweifelten Suche nach einem Schuldigen: Der Film hält kontinuierlich an der Kombination aus schwülstiger Musik und düsteren Bildern fest, macht darüber hinaus aber nichts.

Die Geschichte um den russischen Bauingenieur, der an jenem Tag alles verlor, ist tragisch, keine Frage. Bewegend ist das, was bei Unforgiven daraus wurde aber kaum. Wo andere Filme, etwa A Ghost Story, aus der Einfachheit heraus ihre Kraft bezogen – vor allem die berüchtigte Trauerszene, die ungefiltert eine destruktive Schmerzbewältigung zeigt –, da gibt es bei den Russen in erster Linie Pathos. Eine Eigenarbeit des Publikums ist beim Eröffnungsfilm des Filmfests Oldenburg 2018 nicht vorgesehen, beabsichtigte Gefühle werden mit grober Gewalt hineingeprügelt. Das kann man nun mögen oder nicht, manche Zuschauer und Zuschauerinnen ziehen die etwas plakativere Form des Dramas vor, das völlig ungeniert die Leute da draußen zu manipulieren versucht. Schade ist es aber schon, dass die zugrundeliegende Geschichte Andreasyan offensichtlich nicht genug war und ihm keine anderen Mittel einfielen, um diese zu erzählen.

Unforgiven (2018)
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Unforgiven (2018)
Die tragische Flugzeugkollision 2002 über dem Bodensee forderte Dutzende von Opfern. „Unforgiven“ erzählt die Geschichte eines Mannes, der dabei seine komplette Familie verlor und anschließend verzweifelt nach einem Schuldigen suchte. Das russische Drama verlässt sich jedoch nicht auf dessen pure Tragik, sondern erschlägt das Publikum völlig unnötig mit Pathos.
5von 10

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