Angst in meinem Kopf

„Angst in meinem Kopf“ // Deutschland-Start: 10. Oktober 2018 (TV)

Mit Herz und Seele ist Sonja Brunner (Claudia Michelsen) JVA-Beamtin, glaubt fest daran, dass Verbrecher eine zweite Chance im Leben verdient haben. Bis zu jenem Tag, als der Insasse Michael Zeuner (Ralph Herforth) sie bei einem Ausbruchversuch als Geisel nimmt. Tief traumatisiert von dieser Erfahrung wechselt sie daraufhin die Arbeitsstelle, nimmt sogar den Unmut ihres Mannes Jens (Matthias Koeberlin) und der Stieftochter Iris (Ruby M. Lichtenberg) in Kauf, als sie die Koffer packen müssen. Zunächst sieht es danach aus, als würde sich der Umzug bezahlt machen. Doch dann gerät sie immer mehr in Einflussbereich des Insassen Walter Thiel (Thorsten Michaelis). Und plötzlich steht auch Zeuner vor ihr, der ausgerechnet zu ihrem Gefängnis verlegt werden soll.

Über die Gründe kann man sich streiten. Vielleicht liegt den einen das Thema Gefängnis, weil Drama und kribbelndes Verbrechen dort nah beieinander sind. Vielleicht erklärt sich die Popularität von entsprechenden Filmen und Serien aber auch dadurch, dass man hier auf engstem Raum ganz viele Figuren unterbringen kann, ohne sich damit aufhalten zu müssen, wie sie zusammenkommen. Auffällig ist es so oder so, wie oft wir auf Leinwand oder dem Fernseher ein solches Setting sehen dürfen, obwohl nur die wenigsten von uns je in einem sein werden. Hoffentlich zumindest.

Mir doch egal, wer die sind!
Anders aber als beispielsweise Orange Is the New Black, der derzeitige Knastrenner, ist Angst in meinem Kopf gar nicht wirklich an den Insassen und ihren Geschichten interessiert. Man erfährt weder etwas über die Abläufe im Gefängnis, noch lernen wir die Leute dort wirklich kennen. Mit Ausnahme von Sonja Brunner. Immer wieder wechselt der Film zwischen zwei Erzählebenen hin und her, zeigt die Beamtin mal bei der Arbeit, mal daheim, wo nicht weniger Ärger auf sie wartet als beim Job. Das Geld ist knapp, die schriftstellerischen Versuche von Jens führen zu nix, Stieftöchterchen Iris ist sauer, weil sie kein Smartphone hat.

Der Titel impliziert dabei, dass die schrecklichen Erfahrungen von Brunner ein größeres Thema des Films sein werden. Irgendwie lässt Regisseur und Drehbuchautor Thomas Stiller (Die Haut der Anderen) aber auch hier nur wenig Raum zu. Die beschädigte Wärterin darf sich zwar pflichtbewusst übergeben, als sie von dem Wiedersehen mit Zeuner erfährt. Anstatt diese Vorlage zu nutzen, sich mit der Angst auseinanderzusetzen, drücken sich jedoch sowohl der Filmemacher wie auch die Protagonistin davor. Sie ist einfach da, keiner hat Lust, etwas dazu zu sagen.

Hier ein wenig, dort ein wenig
Stattdessen werden umständlich Konflikte daheim eingebaut sowie der Serienmörder Robert Sturm (Charly Hübner), eine Art Hannibal Lecter mit Unterhemd, ungepflegten Haaren und einer Vorliebe fürs Mühlespiel. Auch daraus hätte sich einiges machen lassen können. Eine Wärterin, die sich mit einem Killer anfreundet? Warum nicht. Angst in meinem Kopf findet jedoch erneut nichts Interessantes, das es hierüber zu erzählen gäbe. Die vielen Möglichkeiten für ein klein wenig Tiefgang werden konsequent ignoriert, dafür wird lieber ein neues Fass aufgemacht und ganz plakativ aus diesem eingeschenkt. Das Ergebnis ist so heillos übertrieben und dabei gleichzeitig belanglos, als hätte das hier eigentlich eine Soap Opera werden sollen.

Nicht einmal verlässliche Größen wie Hübner können aus dieser missglückten Mixtur an Themen und Einfällen etwas machen, den Schauspielern bleibt nichts anderes übrig, als die dünnen Figuren mit bedeutungsschwangeren Nichtigkeiten und ein wenig Overacting Kontur verleihen zu wollen. Ohne großen Erfolg. Erwähnenswert ist an Angst in meinem Kopf lediglich, dass eine offensichtlich völlig deplatzierte und ungeeignete Beamtin, die weder Fähigkeiten der Selbstverteidigung noch gesunden Menschenverstand besitzt, derart durch Institutionen geschleift wird. Und es wäre zumindest zu hoffen, dass dies lediglich ein Drehbucheinfall ist und nicht stellvertretend für die Realität da draußen ist. Denn das wäre tatsächlich ein Grund, Angst zu bekommen.

Angst in meinem Kopf
2.89 (57.74%) 53 Artikel bewerten

Angst in meinem Kopf
Eine JVA-Beamtin wird durch einen Vorfall traumatisiert und kann dieser Vergangenheit nicht entkommen: Das wäre ein guter Anlass, um sich mit dem Thema Angst auseinanderzusetzen. „Angst in meinem Kopf“ tut dies jedoch nicht, führt stattdessen lauter Figuren und Themen ein, ohne irgendetwas davon zu vertiefen. Stattdessen gibt es plakatives Drama und eine geradezu grotesk unfähige Hauptfigur.
3von 10

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3 Responses

  1. T. Keumel

    Sehr gut. Schau soeben und frage mich, wie die Elogen der Edelfedern in FAZ & Co wieder mal – nur der Namen der Darsteller wegen – zustande kommen konnten. Gehe in jedem Satz konform mit Ihnen. Auch das blinzeln… das einer Zeitung besonders gut gefällt – oder diese Szenen zuhause – können nicht überzeugen.

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  2. Angelika

    „Angst in meinem Kopf“ ist vollkommen realitätsfremd!
    1. Ein Geiselnehmer wird niemals wieder in der gleichen Strafanstalt untergebracht, aus der er mit außerordentlicher Btutalität ausbrechen wollte. Er kommt im wahren Leben in einem Hochsicherheitstrakt unter.
    2. Eine Vollzugsbeamtin, die Geisel war, „muss“ eine Therapie machen!
    3. Dieser „Geiselnehmer“ wird NIEMALS mit seiner ehemaligen Geisel sprich Vollzugsbeamtin zusammentreffen.
    4. Die gespielte Freilassung der zwei Häftlinge durch die Vollzugsbeamtin ist auch vollkommen realitätsfremd. Es sind überall Kameras installiert. Ein Ausbruch WIRD bemerkt, besonders wenn er so simpel praktiziert wird, wie im Film. Alsdann wird sofort Alarm ausgelöst und alle Türen schließen automatisch!

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