Als ein junger Mann 1914 auf eine winzige Insel mitten im Atlantik fährt, dann um dort für ein Jahr als Wetterbeobachter zu arbeiten. Stattdessen aber macht er ganz andere, äußerst unheimliche Beobachtungen. Als der Anthropologe Albert Sánchez Piñol 2002 seinen Roman Cold Skin über die unheimliche Begegnung mit veröffentlichte, hätte er wohl kaum gedacht, dass dieser im Anschluss in 37 Sprachen übersetzt würde. Und auch die Filmbranche wurde hellhörig: Horrorspezialist Xavier Gens (Frontier(s), The Divide) nahm sich des Romans an und adaptierte ihn für die große Leinwand. Nachdem Cold Skin Anfang des Jahres bei den Fantasy Filmfest White Nights lief, kommt der Streifen am 17. August 2018 im Rahmen eines Kinoevents zurück, bevor am 4. Oktober der DVD- und Blu-ray-Start ansteht. Wir haben uns mit den französischen Filmemacher getroffen und ihn zu seinem neuesten Werk und zukünftigen Projekten ausgequetscht.

Wie bist du zu dem Projekt gekommen?
Ich habe das Buch 2009 gelesen und mich gleich in die Geschichte verliebt und wollte es auch unbedingt verfilmen. Lustigerweise hat man mich aber zuerst kontaktiert, noch bevor ich was getan habe, weil man meine vorherigen Filme mochte. 2011 ging es dann mit den ersten Arbeiten los, gedreht haben wir dann Mai/Juni 2016.

Warum hat es so lange gedauert, bis ihr wirklich loslegen konntet?
Du musst immer erst die richtige Kombination aus Budget, Location und Besetzung finden. Es war gar nicht so einfach, das notwendige Geld für den Film zusammenzubekommen. Und auch das mit dem Drehort wurde deutlich kniffliger. Wir brauchten ja die Kombination aus antarktischer und vulkanischer Landschaft. Fündig wurden wir dann in Lanzarote. Im Anschluss mussten wir das Drehbuch dann noch an die Location anpassen. Die Innenaufnahmen konnten wir dort außerdem nicht machen und haben diese dann stattdessen in Madrid vor einem Blue Screen gemacht. Das war technisch durchaus anspruchsvoll, vor allem bei Szenen, wenn die Figur von draußen hereinkommen soll. Aber es hat sich gelohnt und hat auch jede Menge Spaß gemacht. Es war fast wie ein Urlaub. Nur eben einer mit 15 Stunden Arbeit pro Tag.

Aber wie passen antarktische Landschaft und Frühling auf Lanzarote zusammen? Ist es zu der Zeit nicht viel zu warm?
Das war es auch. Die Schauspieler mussten bei 30 Grad Pelze tragen und so tun, als wäre es fürchterlich kalt. Das war echt harte Arbeit für sie.

Und wie war das bei dir? Was war für dich die größte Herausforderung dabei, den Stoff für die Leinwand zu adaptieren?
Der Vorlage auch gerecht zu werden. Es war für mich wahnsinnig wichtig, das wiederzugeben, was Albert Sánchez Piñol in seinem Buch geschrieben und ausgedrückt hat. Ich habe ihn deshalb vorher auch interviewt, um herauszufinden, was seine Motivation bei Cold Skin war. Er ist ja selbst ein Anthropologe und hat immer davon geträumt, neue Spezies zu entdecken. Da er aber selbst kein zweiter Darwin werden konnte, hat er stattdessen seine eigene Geschichte erfunden.

Habt ihr euch auch während des Drehs noch ausgetauscht?
Hauptsächlich davor während der Vorbereitung und beim Schreiben des Drehbuchs. Er kam auch mal beim Dreh vorbei und hat sich das alles angeschaut. Er war sehr glücklich mit der Location und dem, was wir aus dem Buch machten. Da war ich natürlich sehr erleichtert. Es hilft schon ungemein, den Segen des Autors zu bekommen.

Zufälligerweise wurde fast zeitgleich mit deinem Film Shape of Water – Das Flüstern des Meeres veröffentlicht, der ebenfalls von der Begegnung zwischen Mensch und Fischmensch erzählt. Was fasziniert uns so sehr an menschenartigen Wesen?
Wir können sehr viel in sie hineinprojizieren. Metaphern auf die Welt, Metaphern auf die Menschheit, Metaphern auf Akzeptanz und Unterschiede, ohne dabei eine bestimmte Rasse benutzen zu müssen. Cold Skin spielt dabei natürlich auch mit bekannten Mythen. Der weibliche Fischmensch trägt den Namen Aneris, was von hinten gelesen Sirena ergibt – die Meerjungfrau. In den Sagen singen sie, um Männer anzulocken, bis sie Schiffbruch erleiden. Was ungefähr auch das ist, was in unserem Film geschieht.

Filme, die von neu entdeckten fremden Kreaturen erzählen, sind heute meistens in der Vergangenheit angesiedelt. Siehe eben Cold Skin und Shape of Water oder auch Kong: Skull Island. Wäre es denn überhaupt noch möglich einen solchen Film in der Gegenwart spielen zu lassen?
Gute Frage. James Cameron hat es damals in The Abyss gezeigt, dass es geht. Und in Videospielen funktioniert es ja. Ich mag zum Beispiel Uncharted sehr gern. Du musst einfach den richtigen Weg finden, wie du solche Wesen einbaust und das Publikum dir das noch abnimmt. Am ehesten klappt das bei Unterwassergeschichten, weil die Tiefsee einfach kaum erforscht ist.

Auch ohne neue Filme wird der Glaube an versteckte Kreaturen hochgehalten, von Big Foot bis zum Loch Ness Monster. Wenn du dir eines dieser Fabelwesen aussuchen könntest, das wirklich existieren soll, welches wäre deine Wunschkreatur?
Ich persönlich fände es es ja ziemlich cool, wenn es Nessi wirklich geben würde. Dann könnten wir alle dorthin gehen und sie füttern. Das wäre großartig!

Cold Skin

Entdeckung der unheimlichen Art: Szenenbild aus „Cold Skin“ über einen jungen Wetterbeobachter, der fremden Kreaturen begegnet.

Cold Skin war ja eine französisch-spanische Coproduktion, während deine letzten Sachen alles US-Produktionen waren. Und selbst der wurde auf Englisch gedreht. Wie kommt es, dass du keine französischen Sachen mehr machst?
Cold Skin war sogar mehr spanisch als französisch. Mein nächster Film Budapest wird dafür wieder ein richtiger französischer Film, in dem lauter französische Comedians mitspielen: Manu Payet, Jonathan Cohen und Monsieur Poulpe. Der Film handelt von Freunden, die in Budapest ein Unternehmen namens Crazy Trips gründen.

Wie kam es, dass du zuvor so lange keine französischsprachigen Filme mehr gedreht hast? War das geplant?
Absolut nicht. Ich würde sehr gern mehr auf Französisch drehen. Aber für meine Genres findest du in Frankreich nur schwer jemanden, der das finanziert. Außerdem dauern die Entscheidungen dort meistens sehr lange. Und wenn ich dann woanders die Chance bekomme, meinen Film zu drehen, gehe ich eben dorthin. Das Leben ist zu kurz, um auf andere zu warten.

In Deutschland haben wir ja ganz ähnliche Probleme: Es gibt durchaus Regisseure und Drehbuchautoren, die gerne Horrorfilme machen würden. Sie finden nur niemanden, der ihnen das Geld dafür gibt. Außerdem ist das Publikum oft schwierig. Die Deutschen mögen zwar Horrorfilme. Sie mögen aber keine deutschen Horrorfilme.
Aber es gab doch letztes Jahr diese Netflix-Serie Dark? Die war großartig. Das vielleicht nicht direkt Horror, hatte aber fantastische Elemente und war meiner Meinung nach sehr gut gemacht. Die Deutschen haben allen Grund, darauf stolz zu sein, was hier geleistet wurde.

Wie ist es beim französischen Publikum? Ist es offen für Horror aus dem eigenen Land?
Das hängt sehr davon ab. Du brauchst schon jede Menge Marketing und Presse, um die Leute dazu zu bewegen, sich das anzuschauen. Raw war so ein Beispiel, dass auch französischer Horror sehr erfolgreich sein kann.

Was braucht ein Horrorfilm allgemein, damit er die Leute anspricht?
Eine gute Story, wie bei jedem anderen Genre auch. Wenn du dir Der Exorzist oder Dracula anschaust, das sind einfach gute Stories.

Horrorfilme sollten aber zusätzlich in der Lage sein, das Publikum zu erschrecken oder zumindest Angst zu erzeugen. Womit kann man dich erschrecken?
Politik. Die vielen falschen Entscheidungen, die sie dort treffen. Wenn du dir anschaust, was da so getrieben wird, du weiß dann schon gar nicht mehr, ob für deine Kinder noch eine Lebensgrundlage da sein wird. Das macht mir tatsächlich Angst.

Welchen Horrorfilm mochtest du zuletzt gern?
Ich mag asiatische Horrorfilme ganz gerne. Train to Busan zum Beispiel. Ansonsten vielleicht mother!. Der war unglaublich. Ein philosophischer Horrorfilm über die Menschheit. Ein sehr wichtiger Film, auch wenn viele ihn nicht verstanden haben.

Mit welchem Schauspieler würdest du gern mal zusammenarbeiten?
Anya Taylor-Joy. Ich finde, dass sie wahnsinnig talentiert und ausdrucksstark ist. Im Moment hätte ich zwar keine Idee für ein gemeinsames Projekt. Aber mit ihr würde ich gerne zusammenarbeiten.

Letzte Frage ist eine ganz klassische: Welche drei Dinge würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen? Gedreht hast du ja jetzt schon auf einer und hast deshalb erste Erfahrungen dabei.
Eine Kamera und zwei Schauspieler. Damit wäre ich erst einmal beschäftigt. Hey, du bringst mich auf eine Idee: Vielleicht wäre das ja ein Projekt für Anya Taylor-Joy!

Zur Person
Xavier Gens wurde am 27. April 1975 in der französischen Hafenstadt Dunkerque geboren. Nachdem er zunächst Kurzfilme gedreht hat, wurde er einem internationalen Publikum durch Frontier(s) – Kennst du deine Schmerzgrenze? bekanntin dem eine Gruppe von Kleinkriminellen um ihr Überleben kämpft. Auch im Anschluss blieb der Do-it-yourself-Filmemacher größtenteils dem Horrorgenre treu. Prominente Ausnahme war der Thriller Hitman über einen Auftragskiller, der auf dem gleichnamigen Videospiel basiert.

Xavier Gens [Interview]
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