„Könige der Welt“, Deutschland, 2017
Regie: Christian von Brockhausen, Timo Großpietsch; Musik: Pictures, Union Youth

Koenige der Welt

„Könige der Welt“ läuft ab 19. Juli 2018 im Kino

Es ist ja oft mit etwas gemischten Gefühlen verbunden, wenn Rockbands von einst wieder auftreten. Mal überwiegt die Freude, die alten Helden wiedersehen. Mal ist es reine Neugierde. Zuweilen fühlt man sich aber auch peinlich berührt, wenn Menschen, die ihren Zenit so offensichtlich überschritten haben, versuchen mit Nostalgie und eingekauften Namen noch einmal Kasse zu machen. Zumindest Letzteres wird man Pictures kaum vorwerfen können, Maze, Jan, Michael und Nobse konnten der Versuchung widerstehen, noch einmal als Union Youth aufzutreten. Stattdessen wollen sie einen Neuanfang, in mehr als einer Hinsicht.

Wer auch mit dem alten Namen nichts anfangen kann: Es handelte sich dabei um eine Band aus der niedersächsischen Kleinstadt Bad Bentheim, die sich Angang der 2000er dem Grunge verschrieben hatte. Grunge aus der deutschen Provinz hört sich kurios an. Möglich dass auch deshalb tatsächlich mehrere große Plattenlabels Interesse zeigten, darunter beispielsweise Flawless Records von Limp-Bizkit-Sänger Fred Durst. Aber irgendwie war die Karriere bereits vorbei, noch bevor sie richtig angefangen hatte: 2006 schon löste sich die Gruppe im Streit auf.

Was wäre gewesen, wenn …
Könige der Welt, der die Jungs bei ihrem Comebackversuch begleitet, ist deshalb eben nicht allein die Geschichte einer Band, die alten Erfolgen hinterherläuft. Es ist auch die Geschichte einer Band, die nie eine sein durfte, die Geschichte einer verpassten Chance. Der Dokumentarfilm, der auf der Berlinale 2017 feierte und anschließend auf mehreren Festivals zu sehen war – unter anderem das DOK.fest München –, verbindet beide Handlungsstränge. Mithilfe von Archivaufnahmen und Interviews erfahren wir mehr über die aufregende Zeit Anfang des Jahrtausends, dürfen gleichzeitig aber auch an den erwachsen gewordenen Mitgliedern von heute teilhaben.

Wo Musikerdokus gern mal ein wenig beschönigen, die Erfolge herausputzen und Kontroversen wegschleifen, da ist Könige der Welt direkter, ehrlicher. Persönlicher. Die beiden Regisseure Christian von Brockhausen und Timo Großpietsch geben sicher auch Einblicke in das Musikgeschäft, gerade auch eines im Wandel der Zeit. Vor allem aber geben sie Einblicke in das Leben von vier Menschen, die einem Traum nachjagten und später feststellen mussten, dass das alles nicht so einfach ist wie gedacht. Dass das Leben nicht so einfach ist.

Ein erschütternder Blick hinter die Kulissen
An manchen Stellen ist die Kamera fast unangenehm nah dran an den Protagonisten. Die Drogenprobleme werden mit einer erschütternden Offenheit angesprochen, ebenso psychische Probleme, die sich daraus ergeben haben. Könige der Welt nutzt diese Abgründe jedoch nicht zynisch aus, macht daraus keinen voyeuristischen Nachmittagstalk. Vielmehr betont der Dokumentarfilm damit die Bedeutung von Freundschaft und auch von Musik als sinnstiftendem Bestandteil eines Lebens.

Das macht den Film auch für Zuschauer interessant, die Union Youth nicht kennen, die vielleicht auch keinen Bezug zu ihrer Musik haben. Die spielt in Könige der Welt natürlich eine große Rolle, zwischendrin gibt es immer wieder Auftritte – historische wie aktuelle. Und auch diese spiegeln eine Veränderung im Musikgeschäft wieder. Aber die Lieder sind dann doch in erster Linie Ausdruck von vier Menschen, vier Individuen, die einem im Laufe der anderthalb Stunden stärker zu Herzen gehen, als es bei Protagonisten von Dokumentarfilmen üblich ist. Aber was heißt schon üblich bei einer Grungeband aus der niedersächsischen Provinz?

Könige der Welt
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Könige der Welt
Vor 15 Jahren stand die deutsche Grungeband Union Youth kurz vor dem Durchbruch, trennte sich dann aber aufgrund innerer Probleme. Wenn „Könige der Welt“ nun beim Comebackversuch unter neuem Namen dabei ist, dann ist das einerseits als musikalisches Zeitdokument interessant, aber auch als sehr persönliches Porträt von vier Menschen, die in eben dieser Musik und beieinander Halt finden.
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