„Die Temperatur des Willens“, Deutschland, 2017
Regie: Peter Baranowski

Die Temperatur des Willens

„Die Temperatur des Willens“ läuft ab 7. Juni 2018 im Kino

Gesteigertes religiöses Sendungsbewusstsein, das dürften die meisten erst einmal mit Islamisten verbinden, die sich in vermeintlich göttlichem Auftrag durch Menschenmassen schlachten. Vielleicht auch mit der einen oder anderen Sekte, die nicht müde wird, von Haus zu Haus zu gehen, um die Zahl ihrer Jünger und die Zahl auf dem Bankkonto zu erhöhen. Der Verdacht, es könne sich bei den Legionären Christi um eine ähnliche Gruppe handeln, der liegt daher nahe. Nicht nur, dass sie einen martialischen Namen tragen und aktiv auf der Suche nach zu bekehrenden Ungläubigen sind, sie sind zudem konservativ. Sehr konservativ. Und auch stolz darauf.

Der Dokumentarfilm Die Temperatur des Willens, der 2017 auf dem Filmfest München Premiere feierte, folgt einigen Anhängern sowie Priestern, berichtet aus ihrem Alltag, lässt sie ausgiebig zu Wort kommen. Dass die 1941 in Mexiko gegründete Kongregation so bereitwillig Auskünfte erteilt, liegt sicher auch an den persönlichen Verbindungen. Regisseur Peter Baranowski und sein Bruder Martin kamen als Jugendliche in Kontakt mit dieser Ordensgemeinschaft. Während Peter sich jedoch davon sowie allgemein von organisiertem Glauben entfernte, blieb Martin und ist nun selbst als Pater unterwegs.

Nüchterne, neutrale Begegnung
Vielleicht auch deshalb gibt es innerhalb des Films keine kritische Auseinandersetzung mit den sehr konservativen Ansichten der Legionäre Christi. Die Temperatur des Willens macht keine Werbung für sie, verurteilt aber auch nicht. Stattdessen gibt es hier ungefilterte Einblicke in eine besondere Auslegung des Christentums, die oftmals für sich selbst spricht. Teils erschreckende Einblicke. Wenn ein paar Jungen davon reden, der Wille von Frauen müsse gebrochen werden, um sie zu überzeugen, dann richten sich unweigerlich die Nackenhaare auf. Etwas darauf zu erwidern erübrigt sich von selbst.

An anderen Stellen wäre es hingegen ganz interessant gewesen, einen echten Austausch zwischen den Gläubigen und anderen zu haben. Ein wichtiges Thema beispielsweise ist das der Abtreibung. Während die Legionäre Christi dies vehement ablehnen und als fehlgeleitete Vernunft beschreiben, sehen anderen darin ihr gutes Recht. Das führt dann zwar zu einer Szene, in der die glücksseligen Anhänger mit großen Kreuzen durch die Straßen schreiten, während ihre Gegner sie lauthals beschimpfen. Eine tatsächliche Diskussion ergibt sich hieraus jedoch nicht, es bleibt beim Aufeinanderprallen zweier Welten.

Die Auseinandersetzung mit der Gründerkrise
Dabei sind die Anhänger der Selbstreflexion durchaus fähig. Das wird vor allem dann deutlich, wenn sie sich damit auseinandersetzen müssen, dass ausgerechnet ihr Gründer – der mexikanische Seminarist Marcial Maciel – ein Verbrecher war, der regelmäßig und systematisch Kinder missbrauchte. Sogar die eigenen, aus unehelichen Verbindungen entstanden. Einer, der also das Gegenteil von dem war, das er predigte. Nachdem die Vorgänge lange Zeit, wie so oft in der katholischen Kirche, totgeschwiegen wurden, folgte nach und nach doch eine Auseinandersetzung und Distanzierung.

Aber auch an anderen Stellen zeigen die oftmals sehr charismatischen Anhänger, dass sie weit mehr sind als weltfremde Spinner. Sie nutzen eine Vielzahl von Möglichkeiten, Orten und Techniken, um ihrer Überzeugung Gehör zu verleihen. Sie sind bestimmt, aber nicht aggressiv, bedienen sich ihres Geistes, um dem Glauben zu dienen. Das muss man nicht mögen. So manches hier erscheint derart befremdlich und reaktionär, dass man sich lieber zweimal versichert, tatsächlich einen Film aus dem Jahr 2017 vor sich zu haben. Doch darin liegt auch die Faszination von Die Temperatur des Willens: Der Dokumentarfilm erlaubt die Begegnung mit einer fremden und doch vertrauten Welt, die wir in der Form nur noch selten zu sehen bekommen.

Die Temperatur des Willens
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Die Temperatur des Willens
Ich bin konservativ und stolz drauf! Der Dokumentarfilm „Die Temperatur des Willens“ nimmt uns mit in die Welt der Legionäre Christi, lässt uns an ihrem Alltag teilhaben und von ihren Überzeugungen lernen. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit Letzteren findet aber nicht. Stattdessen wird es dem Publikum überlassen, was sie aus den teils befremdlichen Aussagen der überraschend charismatischen und reflektierten Anhänger machen.
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