„Bao“, USA, 2018
Regie: Domee Shi; Drehbuch: Domee Shi; Musik: Toby Chu

Bao

„Bao“ läuft ab 27. September 2018 als Vorfilm von „Die Unglaublichen 2“ im Kino

Es ist eine Tradition, die sowohl beim Publikum wie auch auf Studioseite ungemein beliebt ist: der Pixar-Vorfilm. Darin dürfen sich Mitarbeiter des großen Animationsstudios an eigenen kleinen Werken versuchen, als Fingerübung sozusagen, um sich vielleicht auch für richtige Filme zu empfehlen. Das geht nun schon seit vielen Jahren so, mit einer kleinen Ausnahme: Bei Coco – Lebendiger als das Leben waren es letztes Jahr nicht die hauseigenen Künstler, sondern Disney selbst, das mit einem Kurzfilm antrat. Vielleicht auch zur Zwecke der Einnahmensteigerung wurde da Olaf taut auf gezeigt, ein Spin-off des Blockbusters Die Eiskönigin – Völlig unverfroren. Aufgegangen ist der Plan aber nur bedingt. Während Coco selbst ein großer Erfolg wurde, musste sich das Weihnachtsfilmchen so viel Kritik anhören, dass er schlussendlich ganz aus dem Kinoprogramm genommen wurde.

Bei Bao, das vor Die Unglaublichen 2 gezeigt wird, dürfte das eher nicht passieren. Denn der Film ist nicht nur aufgrund der deutlich kürzeren Laufzeit sehr viel bekömmlicher als das eher langweilige Festtagsgesinge des Schneemanns. Dieses Mal reisen wir mit de kanadisch-chinesischen Regisseurin und Drehbuchautorin Domee Shi in das Land ihrer Vorfahren. Gewissermaßen. Namentlich genannt wird China zwar nicht, so wie allgemein kein einziges Wort gesprochen wird. Die asiatisch anmutende Hauptfigur und der Verweis auf die Baozi genannten Teigtaschen aus dem Reich der Mitte machen die Vermutung aber sehr naheliegend.

Süß und skurril
Der Kurzform erzählt die Geschichte einer älteren Dame, die recht offensichtlich an Einsamkeit leidet. Ihr Mann redet kein Wort mehr mit ihr, ist eigentlich nur zum Schlafen, Fernsehen und Essen zu Hause. Als sie ihm für Letzteres besagte Teigtaschen zubereitet, erwacht eines davon plötzlich zum Leben und weint wie ein Baby. Dass sich die namenlose Protagonistin das mit dem herzhaften Reinbeißen nochmal anders überlegt, verwundert nicht wirklich. Stattdessen wird die chinesische Leibspeise für sie zu einer Art Ersatzkind, das sie überall hin begleitet, kontinuierlich anwächst und menschliche Züge übernimmt – inklusive aufmüpfigen Verhaltens während der Pubertät.

Das ist gleichermaßen süß wie seltsam. Gerade weil Shi den kleinen teigigen Wonneproppen so auftreten lässt, als wäre er ein ganz normales Kind, entstehen jede Menge komischer Situation, in mehr als einer Hinsicht. Bao bleibt jedoch ein recht harmloser Kurzfilm, der sich – wie Piper vor zwei Jahren – darauf verlässt, dass die Kombination aus Niedlichkeit und emotionaler Message ausreicht. Das tut es dann auch, mehr aber nicht. Pixar schickt einen weiteren netten Kurzfilm ins Rennen, der allein schon aufgrund der technischen Klasse bei den Oscars 2019 mitmischen dürfte, auch wenn er im Gesamtwerk der Amerikaner irgendwo im unscheinbaren Mittelfeld verschwindet.

Bao
4.18 (83.59%) 39 Artikel bewerten

Bao
Wenn Teigtaschen zum Kinderersatz werden: „Bao“ nimmt ein skurriles Szenario, um etwas über die Einsamkeit einer älteren Frau zu sagen. Das ist recht süß, etwas seltsam und wie immer bei Pixar technisch brillant. Mehr als eine nette Harmlosigkeit ist der Kurzfilm jedoch kaum.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

3 Responses

  1. Henning

    Technisch brillant, darüber kann es keine zwei Meinungen geben. So harmlos aber, wie „Bao“ hier gemacht wird, ist er nicht. Vor allem in der Szene, wo die Verlustangst der älteren Dame sie dazu treibt, ihren Teigtaschensohn zu verschlingen, als er dabei ist, auszuziehen. Zwar stellt sich das als Traum heraus und der Film hat ein Happy End, trotzdem ist er ein ziemlicher Seelencrasher. Hier gucken Kinder ab 6 zu!!! Das ist wirklich noch kein Thema für Kinder in dem Alter… und auch keine Art und Weise, dies so zu verarbeiten. Ein singender Schneemann wie erwähnt ist vielleicht doof und langweilig aber immerhin abgehakt, wenn es vorbei ist. Meine Tochter (9) konnte den Hauptfilm nur bedingt genießen, weil sie über „Bao“ soviel nachdenken musste. Ich bin stinksauer!!

    Antworten
  2. Lyra

    Dieser Meinung kann ich nur beipflichten! Warum müssen sich Kinder überhaupt mit dem Thema „Empty Nest Syndrom“ auseinandersetzen? Sie identifizieren sich doch eher mit dem „Kind“ (alias der Teigtasche) und diese wird von der Mutter mit Macht festgehalten und … verschluckt?! Für Kinder eine nicht nachzuvollziehende, gruselige und auch für Erwachsene zumindest merkwürdige oder gar abstoßende Szene, die das wohlige „Süßsein“ des Kurzfilms ganz schnell vertreibt. Und die Vorfreude auf den Hauptfilm nicht nur unnötig hinauszögert, sondern teilweise kaputt macht. Eine sehr schlechte Leistung. Das lässt sich mit technischer Brillanz auch nicht mehr schönreden.

    Antworten
  3. Lara

    Auch ich bin der Meinung, dass dieser Kurzfilm für Kinder im Grundschulalter nicht geeignet ist. Meine Kinder waren ziemlich verstört, als die Frau ihren vermeintlichen Sohn einfach verschluckt.
    Eine Familie konnte sich denn Hauptfilm „Die Unglaublichen 2“ gar nicht mehr ansehen, weil ihre Tochter so sehr weinte, dass sie das Kino verlassen mussten.

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.