„12 Jours“, Frankreich, 2017
Regie: Raymond Depardon; Musik: Alexandre Desplat

12 Tage

„12 Tage“ läuft seit 14. Juni 2018 im Kino

In einer langen Kamerafahrt schleichen wir die Gänge entlang. Unwirklich ist die Atmosphäre, etwas unheimlich sogar. Menschen sind keine zu sehen, allenfalls versteckt im Hintergrund, regungslos, sprachlos. Dabei wird in 12 Tage durchaus gesprochen. Sehr viel sogar. Fast ausschließlich. Und es geht auch um Menschen, selbst wenn diese sich nicht wie solche fühlen. Man an manchen Stellen den Eindruck hat, dass niemand mehr einen solchen in ihnen sieht. Es ist kein Horrorfilm, den Raymond Depardon trotz des beklemmenden Einstiegs hier gedreht hat. Der Dokumentarfilm konfrontiert uns aber mit Horror. Mit Abgründen. Und mit viel Traurigkeit.

Der Titel seines Films bezieht sich auf eine rechtliche Regelung in Frankreich: Wer gegen seinen Willen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird, hat das Recht, innerhalb von 12 Tagen einem Richter vorgeführt zu werden. Der soll nun entscheiden, ob auch über diese Frist hinaus ein Aufenthalt angemessen ist, ob das bisherige Verfahren nach den Vorschriften verlief. Diese Verfahren sind sehr standardisiert, wie sich bald herausstellen wird. Jeder Fall beginnt hier damit, dass die Richter den Patienten die Situation erklären. Danach kommen die jeweiligen Anwälte und die Patienten selbst zu Wort.

Der alte Trott, traurige Geschichten
Abwechslungsreich ist 12 Tage daher nicht wirklich. Nur selten verlassen wir den einen Raum in der Klinik in Lyon, in dem über das Schicksal der Menschen entschieden wird. Dann sehen wir wieder Gänge, werfen vielleicht auch einen Blick aus dem Fenster, während leise, unauffällige Musik von Oscarpreisträger Alexandre Desplat (Grand Budapest Hotel, Shape of Water – Das Flüstern des Meeres) ertönt. Aber es sind nicht mehr als kleine Verschnaufpausen, bevor es zurück geht. Zurück in den Raum. Zurück zu den traurigen Geschichten.

Denn traurig ist fast alles, was wir in dem für einen César nominierten Dokumentarfilm zu hören bekommen. Eine Frau, die ihr junges Kind schmerzlich vermisst, aber aus Schutz vor sich selbst in der Klinik bleiben soll. Eine andere Frau, die in einem Unternehmen dem Druck nicht mehr standhielt. Ein Druck, bei dem offen bleibt, ob es ihn wirklich gibt oder er nur eingebildet ist. So wie bei so manchem hier die Grenzen zwischen der Realität und Fantasien fließend sind, man entsprechend auch nicht immer sagen kann, ob die Menschen nun zurecht an dem Ort sind oder nicht. Nur selten wird es so klar wie bei einem Fall, den Depardon sich für den Schluss aufhob und der furchteinflößender ist als so mancher Horrorfilm.

Die Geschichte der Sprachlosen
An anderen Stellen hingegen werden Erinnerungen an Filme wie Unsane – Ausgeliefert wach oder auch Eleanor & Colette. Die Regelung, dass ein Richter über den Verbleib eines mutmaßlich psychisch kranken Menschen zu entscheiden hat, die verkommt hier oft zu einer Routine. In nur wenigen Minuten sollen sie feststellen, ob alles seine Richtigkeit hat, ohne aber in der Materie drinzustecken. Und so verlassen sie sich zum Schluss dann doch auf die Ärzte und deren Empfehlungen. Eine Kontrollinstanz, die sich wirklich mit den Einzelfällen auseinandersetzt, die fehlt.

Es ist daher erstaunlich, dass Depardon überhaupt solche Einblicke gestattet wurden. Denn als Zuschauer ist man bei dem Beitrag vom DOK.fest München 2018 schnell hin und her gerissen zwischen dem Entsetzen über so manche Geschichte und dem, dass es keinen echten Unterschied zu machen scheint, wer denn hier auftritt und was er zu sagen hat. Am Ende wird dann doch über den Kopf der Betroffenen hinweg entschieden. Man muss dies nicht gleich Machtmissbrauch nennen, wie es einer der Patienten tut. Zumindest aber stellen sich doch Zweifel ein, ob ein standardisiertes System den Menschen gerecht werden kann. Und so verlässt man bei 12 Tage den Kinosaal mit jeder Menge Gefühlen, trotz der spartanischen Aufmachung, die von Trauer und Anteilnahme über Wut bis zu Entsetzen reichen, und einen mit diversen Fragen zurücklassen.



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12 Tage
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12 Tage
Daueraufenthalt in einer psychiatrischen Klinik, ja oder nein? „12 Tage“ wirft einen Blick hinter die Kulissen, wenn wir Richtern zusehen, die eben diese Frage zu beantworten haben. Das ist rein formal wenig abwechslungsreich, lässt einen aber doch mit jeder Menge Fragen und Gefühlen zurück, tragischen bis furchteinflößenden Einzelschicksalen.
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