„55 Steps“, Deutschland/Belgien, 2017
Regie: Bille August; Drehbuch: Mark Bruce Rosin; Musik: Annette Focks
Darsteller: Helena Bonham Carter, Hilary Swank, Jeffrey Tambor

Eleanor und Colette

„Eleanor & Colette“ läuft ab 3. Mai 2018 im Kino

Als Anwältin ist Colette Hughes (Hilary Swank) so einiges gewöhnt. Doch eine Klientin wie Eleanor Riese (Helena Bonham Carter), die hat auch sie nicht alle Tage. Schon seit einer ganzen Weile leidet Eleanor unter Schizophrenie. Dass es ihr nicht gut geht, das weiß sie selbst, sie hat auch kein grundsätzliches Problem damit, sich behandeln zu lassen. Doch es ist die Art und Weise, wie mit ihr in Kliniken umgegangen wird, gerade auch bei der Festlegung von der Medikamentendosierung, die sie nicht akzeptieren will. Mithilfe von Colette tritt sie daher gegen alle an, gegen die Kliniken und Ärzte, scheut sich auch nicht davor zurück, vors Oberste Gericht zu ziehen, um ihre Rechte einzuklagen. Aber der Kampf ist hart, denn anfangs niemand will den beiden beistehen.

Im Grundsatz würden wohl die meisten der Aussage zustimmen, dass ein Mensch nicht ohne Rechte ist, nur weil er psychisch krank ist. Aber wie soll jemand in einen Entscheidungsprozess eingebunden werden, dem man genau das nicht zutraut? Das ist ein schwieriger Drahtseilakt, für die Betroffenen, aber auch die Behandelnden. Die Balance zu finden aus berechtigter Bevormundung und einer unberechtigten, aus wohlmeinender Ignoranz und notwendigem Einfühlungsvermögen.

Chronologische Aufarbeitung einer wichtigen Geschichte
Eleanor & Colette nimmt uns mit zurück in eine Zeit, in der man sich noch nicht ganz so viele Gedanken darum machen musste. Eine Zeit, die uns näher ist, als man es vielleicht wahrhaben mag: Rund 30 Jahre ist es her, dass sich Eleanor Riese vor Gericht das Recht erkämpfte, bei der Frage nach der richtigen Dosierung involviert zu sein. Der Film zeichnet die einzelnen Schritte nach, brav chronologisch geordnet, von der ersten Begegnung der beiden Frauen über die diversen Kämpfe im Gericht und hinter den Kulissen bis hin zu dem bedeutenden Urteil.

Die Geschichte von Eleanor ist damit auch die Geschichte einer zumindest partiellen Würdigung psychisch kranker Menschen. Das alleine verleiht Eleanor & Colette bereits eine gewisse Relevanz. Denn auch wenn sich in den vergangenen 30 Jahren einiges getan hat, Vorurteile und Respektlosigkeit gegenüber Betroffenen sind nach wie vor weit verbreitet. Ebenso das Gefühl der Scham. Das Gefühl, nicht über psychische Probleme reden zu dürfen.

Eine entfesselte Hauptdarstellerin
Eleanor ist da anders. Wirkliche Scham zeigt sie selten, Zurückhaltung noch weniger. Für Helena Bonham Carter (Die Karte meiner TräumeAlice im Wunderland) ist das natürlich eine Steilvorlage, die sie auch wirklich zu nutzen weiß. Hemmungslos stürzt sie sich in ihre Rolle, schimpft und schreit, wirkt selbst in den ruhigen Momenten so, als wäre sie nicht von diesem Planeten. Das ist zwar nicht weit vom Overacting entfernt. Es irritiert auch ein wenig, wenn Eleanor später – passend zur Annäherung an Colette – so gar nicht mehr ihre Ausbrüche zeigt. Aber es macht doch Spaß, der Engländerin zuzusehen, ihrer lustvollen Zurschaustellung von Exzentrizität.

Der restliche Film ist im Vergleich doch deutlich gewöhnlicher. Colette etwa wird versucht noch ein bisschen Substanz zu verleihen, indem sowohl Motivation für den Fall wie auch die Auswirkung auf ihr Leben gezeigt werden. Es reicht aber nicht, um daraus eine wirklich interessante Figur zu machen, trotz der Bemühung von Hilary Swank. Noch viel schlimmer hat es aber den Rest erwischt, der nie mehr als eine akute Funktion sein darf. Die Schwarzweiß-Zeichnung bei den Ärzten mag nachvollziehbar sein, spannend ist sie nicht. Und auch sonst fehlt es an Einfällen, um den Stoff doch noch ein wenig mehr in Szene zu setzen. Das ist alles solide und vernünftig, tut, was es soll. Angesichts des Themas und der Hauptfigur ist das für ein derartiges Biopic aber doch etwas wenig.

Eleanor & Colette
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Eleanor & Colette
Sollen psychisch kranke Menschen ein Mitspracherecht bei der Medikamentenwahl und -dosierung haben? „Eleanor & Colette“ erzählt die Geschichte einer Frau, die den Kampf gegen Kliniken, Ärzte und die Pharmaindustrie aufnahm und damit viel für den Umgang mit Patienten getan hat. Trotz einer entfesselt auftretenden Helena Bonham Carter ist der Film aber nur solide, hält sich zu strikt an die Biopicregeln und hat auch über die Figuren nicht viel zu sagen.
6von 10

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