„Der sechste Kontinent“, Deutschland/Italien, 2017
Regie: Andreas Pichler

Der sechste Kontinent

„Der sechste Kontinent“ läuft ab 7. Juni 2018 im Kino

Fünf Kontinente gibt es auf der Erde, so hieß es einmal: Amerika, Europa, Afrika, Asien und Australien. Inzwischen wurde das mehrfach revidiert. Je nach Modell schwankt die Zahl zwischen vier und sieben: Amerika in Süd- und Nordamerika unterteilt, Australien wurde um Ozeanien erweitert, die Antarktis kam neu hinzu. Und um die Verwirrung komplett zu machen, steht der Vorschlag noch im Raum, aus Neuseeland und Neukaledonien doch noch einen achten Kontinent zu machen. Zu dieser Debatte hat Der sechste Kontinent nicht wirklich etwas beizutragen, trotz des Titels hat der Dokumentarfilm mit Geografie nichts am Hut.

Stattdessen geht Regisseur Andreas Pichler wie zuletzt in Das System Milch lieber ein gesellschaftliches Thema an. Dieses Mal reist er nach Brixen, eine Kleinstadt in Südtirol. Genauer ist es ein ganz spezielles Haus, das sein Interesse geweckt hat: das Haus der Solidarität. Das klingt schön, gerade in einer Zeit, in der Solidarität nicht mehr ganz so weit oben auf der Agenda vieler Menschen steht. Gerade die Flüchtlingsproblematik offenbart ein zuweilen erschreckendes Defizit an Empathie oder Mitmenschlichkeit – in der Bevölkerung wie auch in der Politik.

Alle Abgründe führen nach Brixen
Um Flüchtlinge geht es hier jedoch nur am Rande. Auch wenn der Gedanke naheliegt, das Haus ist nicht speziell für die Leute, die ihre Heimat zurücklassen mussten. Vielmehr soll es eine Heimat für all die sein, die nichts mehr haben. Die Gestrandeten, für die auf den fünf regulären Kontinenten kein Platz mehr ist. Die Gründe dafür sind so vielfältig wie das Leben, sind oft so grausam wie das Leben. Da treffen Vertriebene auf misshandelte Frauen, die nicht mehr bei ihren Männern bleiben konnten. Andere sind vielleicht wegen Alkohol- oder Drogensucht aus der Gesellschaft gefallen. Wieder andere hatten auch einfach nur Pech, verloren ihre Arbeit und damit die Perspektive.

Das Haus der Solidarität soll ihnen eben diese wiedergeben. Eine Handvoll Angestellte plus zahlreiche Freiwillige helfen den Menschen dort, wieder auf die Beine zu kommen. Das kann mal bedeuten, gemeinsam nach einer Arbeit zu suchen oder bei Behördengängen zu unterstützen. Manchmal reicht es aber auch einfach, wenn jemand da ist, der dir zuhört. Der dir das Gefühl gibt, immer noch Teil einer Gemeinschaft zu sein, nachdem die Gesellschaft dich verstoßen hat. Das Haus, es ist für die 50 Bewohner ein Ort der Begegnung, ein Ort des Friedens.

Die dunklen Seiten des Hauses
Der sechste Kontinent, der noch vor Kinostart während des DOK.fest Münchens im Mai 2018 gezeigt wird, scheut sich aber auch nicht davor zurück, die düsteren Elemente des Hauses aufzuzeigen. Wo viele Menschen zusammenkommen, da kann es schon einmal knirschen. Nur weil jemand ein Opfer ist, heißt das nicht, dass er nicht auch Tätertendenzen in sich trägt. Das Haus der Solidarität, es trägt seinen Titel nicht immer zurecht, wenn einzelne aufeinander losgehen, hinter deren Rücken, auch die Betreuer bekommen den Frust ihrer Schützlinge zu spüren.

Aber das ist eben auch die Stärke des Dokumentarfilms: Der sechste Kontinent tut nicht so, als wäre das eine heile Welt, in der sich alle liebhaben. Als wären Menschen von Natur aus gut. Er erinnert jedoch daran, dass der Kampf sich lohnt, selbst wenn man ihn verlieren sollte. Wenn man nichts dafür zurückbekommt. Dass jeder, aus welchen Gründen er auch gestrandet sein mag, eine zweite Chance verdient, einen zweiten Blick. Wenn Pichler eines gelingt, dann ist es mithilfe vieler persönlicher Geschichten diesen Blick zu schärfen und die Zuschauer zu mehr Gemeinsamkeit zu ermuntern, unabhängig von Herkunft und Sprache, unabhängig vom bisherigen Lebensweg. Denn am Ende kann es jeden treffen, jeder von uns wird vielleicht einmal stranden, in einem Kontinent, der nicht der unsere ist.

Der sechste Kontinent
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Der sechste Kontinent
„Der sechste Kontinent“ nimmt das Publikum mit in ein Haus in Südtirol, in dem gesellschaftliche Verlierer eine vorübergehende Heimat finden: Alkoholiker, Kriminelle, Flüchtlinge, Arbeitslose und Opfer. Das ist nicht immer so schön, wie es alle Beteiligten gern hätten. Doch genau dadurch ermuntert der Dokumentarfilm zu mehr Gemeinschaft und mehr Solidarität, selbst wenn der Versuch am Ende scheitern sollte.
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