„Tinta Bruta“, Brasilien, 2018
Regie: Marcio Reolon, Filipe Matzembacher; Drehbuch: Marcio Reolon, Filipe Matzembacher; Musik: Felipe Puperi
Darsteller: Shico Menegat, Bruno Fernandes

„Hard Paint“ // Deutschland-Start: 15. November 2018 (Kino)

Langsam lässt er seine Finger über seinen halbnackten Körper gleiten, hüllt ihn in die verschiedensten Farben, die im Dunklen leuchten. Wenn sich Pedro (Shico Menegat) nachts in NeonBoy verwandelt, um im Chatroom für Geld zu tanzen und sich dabei immer wieder auszuziehen, dann sind ihm die anonymen Blicke vieler Männer sicher. Oder sie waren es zumindest bis vor Kurzem. Ein Nachahmer macht ihm in der letzten Zeit seine Besucher abspenstig. Und das ist nicht das einzige Problem, dass der junge Brasilianer hat. Seine Schwester, zu der er seit dem Tod seiner Eltern ein sehr enges Verhältnis hat, hat beschlossen, aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen. Außerdem wartet da noch die Anklage, weil er jemand tätlich angegriffen haben soll. Da kann er nicht noch mehr Ärger gebrauchen. Also beschließt er, sich mit seinem Konkurrenten zu treffen und lernt dabei Leo (Bruno Fernandes) kennen – was seine Situation aber nicht unbedingt einfacher macht.

Lebensfroh, farbenfroh, ein Land, das weiß, wie man es sich gutgehen lässt, wie man es auch andere gutgehen lässt. So kennen wir Brasilien. Vom Fußball. Vom berauschenden Karneval, dessen Bilder uns immer ein klein wenig neidisch werden lassen, wenn man sie in die Nähe von Fastnacht und dem hiesigen Karneval rückt. Schöne Bilder. Aber keine unbedingt wahren Bilder, zumindest nicht vollständig. Wenn Marcio Reolon und Filipe Matzembacher, die gemeinsam hier Regie führten und das Drehbuch schrieben, uns mit in das südliche Porto Alegre nehmen, dann zeichnet sich unterwegs ein anderes, sehr viel düsteres, sehr viel weniger schönes Bild.

Düster vom Anfang bis zum Schluss
Gleich zu Beginn erzählt uns das Duo, dass Pedro etwas Schlimmes getan haben muss, wenn es sogar für eine richtige Anklage reicht. Doch was genau dahintersteckt, was er getan hat, wer das Opfer ist, das wird erst relativ spät klar. Und es ist nicht das einzige Beispiel dafür, dass in dem südamerikanischen Land etwas schiefgeht. Gewalt. Homophobie. Eine Begegnung zum Ende hin rückt Hard Paint plötzlich sogar in eine Thrillerreichweite, unheimliche Musik inklusive.

Musik spielt auch während der Performances eine Rolle. In Verbindung mit den leuchtenden Farben und dem schummrigen Licht von Pedros abgedunkeltem Zimmer, entsteht hier eine ganz eigene, hypnotische Atmosphäre. Eine Atmosphäre jedoch, die nur eine begrenzte Haltbarkeit hat. Immer wieder funkt dem Brasilianer etwas dazwischen. Die Menschen da draußen. Ein Router, der plötzlich abschmiert. Das schillernde Wunderland, in das er sich nachts zurückzieht, es wird dann doch immer wieder von der Realität eingeholt. Auch die schönsten Farben verblassen einmal, geben schließlich das wieder, was sich dahinter verbirgt.

Vom Verstecken und Finden
Doch was genau ist da? Ist da überhaupt etwas? Hard Paint handelt eben nicht ausschließlich über einen etwas kuriosen Nebenverdienst. Ebenso wenig von einer erkaltenden Gesellschaft, in der jeder sein Heil in der Flucht sucht – physisch wie virtuell. Das Drama, welches seine Weltpremiere auf der Berlinale 2018 feierte, handelt in erster Linie von einem jungen Menschen, der sich selbst so sehr hinter Farben versteckt hat, dass er gar nicht mehr weiß, wer er eigentlich ist. Es ist keine originelle Geschichte, höchstens originell verpackt. Und sie ist einfühlsam erzählt. Pedro mag nicht der sympathischste Protagonist sein, den wir in seinem solchen Coming-of-Age-Film gesehen haben. Aber er fühlt sich trotz seiner Verkleidung real an. Die Sehnsucht nach Anerkennung, Nähe und Identität, die ist so universell, dass sie durch jede Farbe hindurchschimmert, soll sie noch so Neon leuchten wie hier.

Hard Paint
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Hard Paint
Ein junger Brasilianer verdient sein Geld, indem er halbnackt im Videochat tanzt und sich dabei mit leuchtenden Neonfarben einschmiert. „Hard Paint“ will aber gar nicht über diese Verbindung von Sex und Kunst sprechen. Viel wichtiger ist dem Drama, einen jungen Menschen zu zeigen, der sich hinter diesen Farben versteckt und der in einer erkaltenden Gesellschaft seinen Platz noch sucht.
7von 10

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