„Gifted“, USA, 2017
Regie: Marc Webb; Drehbuch: Tom Flynn; Musik: Rob Simonsen
Darsteller: Chris Evans, Mckenna Grace, Octavia Spencer, Jenny Slate, Lindsay Duncan

Begabt DVDWas für andere in ihrem Alter Süßigkeiten oder Cartoons sind, ist für die siebenjährige Mary (Mckenna Grace) das Spiel mit den Zahlen. Ob zum Frühstück, Mittag- oder Abendessen, verschlingt sie Fachbücher und beschäftigt sich mit Materien, an denen selbst etablierte Professoren verzweifeln. Sie ist ein Genie, wie man es nur selten zu Gesicht bekommt. Anstatt ihr Potential an einer Schule für Hochbegabte auszuschöpfen, schickt ihr Onkel Frank (Chris Evans) sie allerdings an eine normale – um einfach Kind sein zu können. Die Klassenlehrerin Ms. Stevenson (Jenny Slate) bekommt schnell mit, dass Mary anders als die anderen Kinder ist und wendet sich schließlich an die Rektorin, die ihre Chance auf staatliche Förderungsgelder wittert. Während Frank unnachgiebig bleibt, wird am anderen Ende des Geduldsfaden eine vermeintliche Vertrauensperson auf den Plan gerufen – Marys Oma Evelyn Adler (Lindsay Duncan), seine Mutter. Die spielte im Leben ihrer Enkelin bislang keine Rolle. Bei dem hätte es, wenn es nach Frank ginge, auch bleiben können. Eine Zukunft in mathematischen Lerngruppen oder ein Leben als Kind? Es entbrennt ein heftiger Sorgerechtsstreit.

Ein Held des Alltags
Chris Evans (The First Avenger: Civil War) Spaziergänge außerhalb der kunterbunten Marvel-Welt werden mit dem Erfolg des Franchises immer seltener. Es scheint ja zu laufen, aber nimmt er sich eines dem fernen Filmprojekts an, kommt man nicht drum herum, den Schild schwingenden Schwerenöter in jede seiner Bewegungen zu projizieren. Die kritischen Filmwindmühlen stehen also gegen ihn, denen er nichtsdestotrotz entgegen prescht. Aus einem genmanipulierten Muckimann wird ein geerdeter Onkel, der nach dem Selbstmord seiner Schwester deren Tochter bei sich aufnimmt und als sein eigenes Kind aufzieht. Er bringt ihr alles bei, was er weiß, bis sie endlich alt genug ist, um mit Gleichaltrigen die Schulbank zu drücken und das Leben auf ihre Art und Weise zu erfahren. Ein Wunsch seiner Schwester, die in ihrer Kindheit unter dem herrischen Lehrregime der Mutter litt.

Wenn Frank und Mary im verbalen Schlagabtausch einander die Hörner zeigen, dann kommt man nicht drumherum zu schmunzeln. Mit gerade einmal sieben Jahren lässt sich der kleine Freigeist noch längst nicht den Mund verbieten und bringt ihn nicht selten an seine argumentativen Grenzen. Zusammen mit ihrem einäugigen Kater Fred und ihrer gläubigen Nachbarin Roberta (Octavia Spencer) haben sie sich eine kleine, skurrile Familie aufgebaut. Ob Karaoke-Abend oder Ausflug zum Strand, sie genießen den Moment, der nur temporär von der eminenten Zukunft ablenkt. Mary ist besonders, umso größer ist das Missverständnis der Außenstehenden, die Frank in seiner Entscheidung nicht nachvollziehen können. Er erinnert sich an die erzwungenen Lernübungen in seiner Kindheit, die Depression seiner Schwester, die als Genie ihrer Zeit kurz vor dem mathematischen Durchbruch stand, und die Erfahrungen, die sie als Kinder niemals sammeln durften. Sein Entschluss steht fest, wäre da nicht seine Mutter, die in Mary die Nachfolgerin sieht, die das zu Ende bringen kann, wofür ihr Sohn zu kleingeistig und ihre verstorbene Tochter zu labil war.

Toll gespielt, vorhersehbar versöhnlich
Eine zerreißende Familientragödie, die vor allem die kleine Mckenna Grace (Mr. Church) als absoluten Triumph und Hoffnungsträger für kommende Schauspielergenerationen hervorträgt. Gepaart mit einem einfühlsamen Chris Evans, der ungewohnt unpatriotisch daherkommt, und einer kecken Octavia Spencer (Shape of Water). Leider werden die zu Beginn noch familiären Momente im weiteren Verlauf weniger, der Sorgerechtsstreit rückt in den Vordergrund. Doch anstatt die Situation aus Marys Perspektive zu porträtieren, verheddert man sich in bürokratischen Belangen, die zwischen Anwälten und Beschlüssen ihre Emotionalität verlieren. Ein vorhersehbarer Drahtseilakt, bei dem für das Kind auf beiden Seite keine optimale Lösung in Sicht scheint. Natürlich findet sich zuletzt der goldene Mittelweg, der keineswegs überraschend daherkommt, für alle aber ein versöhnliches Ende bildet.

Begabt – Die Gleichung eines Lebens
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Begabt – Die Gleichung eines Lebens
Vorhersehbar und beinahe manipulativ wird an den nötigen Reglern für ein herzergreifendes Vater-Tochter-Drama gedreht. Trotz bekannter Werkzeuge entwickelt sich durch die individuelle Stärke der Cast eine eigene Dynamik, die zwar über längere Strecken auf Eis gelegt wird, zum Finale aber versöhnend zurückkehrt. Besonders, aber nicht einzigartig.
7von 10

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