(OT: „Dieses bescheuerte Herz“, Regie: Marc Rothemund, Deutschland, 2017)

Dieses bescheuerte Herz

„Dieses bescheuerte Herz“ läuft ab 21. Dezember 2017 im Kino

Partys, Frauen, schnelle Autos, Drogen – Lenny (Elyas M’Barek) weiß zwar nicht viel mit seinem Leben anzufangen, dafür aber wie er es genießt. Bis zu dem Tag, an dem er seinen Sportwagen im Pool versenkt. Da reicht es seinem Vater (Uwe Preuss), ein angesehener wie aufopferungsbereiter Herzspezialist. Wenn der Sohnemann nicht bald etwas Sinnvolles mit seinem Leben anfängt, dann ist der Geldhahn zu. Eine Idee hat er dabei schon: Lenny soll sich um den herzkranken 15-jährigen David (Philip Noah Schwarz) kümmern und damit auch dessen Mutter (Nadine Wrietz) entlasten. Große Lust darauf hat er natürlich nicht, aber was tut man nicht des lieben Geldes wegen? Zumal er bald feststellen muss, dass er den Jungen doch ganz gerne hat.

Marc Rothemund scheint zuletzt ja seine Nische gefunden zu haben: die Verfilmung von realen Schicksalen, die irgendeine schwere Krankheit haben. Nachdem er 2013 von der harten Krebsgeschichte Heute bin ich blond erzählte und Anfang dieses Jahres die charmante Quasi-Blind-Tragikomödie Mein Blind Date mit dem Leben in die Kinos kam, folgt nun mit Dieses bescheuerte Herz der dritte Streich. Hierfür schnappte er sich den gleichnamigen Roman von Lars Amend und Daniel Meyer, in dem die zwei von ihrer ungewöhnlichen Freundschaft erzählen. Ein Mann will einem schwerkranken Jugendlichen vor dessen Tod seine größten Träume ermöglichen, das ist natürlich emotionaler Stoff für die besinnlichen Jahresendtage. Was kann da noch schiefgehen? Leider eine ganze Menge.

Größer als die Wahrheit
Das Problem dabei ist wie so oft, dass die Filmemacher dem tatsächlichen Stoff nicht wirklich vertrauten. Die Geschichte sei in Teilen fiktionalisiert worden, um den Gesetzen eines Filmes zu folgen, heißt es so schön in dem Presseheft. Im Klartext heißt das, dass Teile begradigt wurden, die nicht reinpassten, andere wurden dafür aufgebauscht. Im Original heißt Lenny eigentlich Lars, arbeitete als Journalist und fand seinen Weg zu Daniel (hier David), weil er auch eine innere Leere in sich spürte. Das war für einen Film wohl nicht genug und so verwandelte man den Mann, der sich intensiv mit anderen Menschen auseinandersetzte in einen, der sich für andere Menschen überhaupt nicht interessiert. Die Geschichte einer Freundschaft soll so auch zu einer Geschichte der Läuterung werden, das sind gleich zwei Herzthemen auf einmal!

Und damit das dann auch ja an den Kinokassen funktioniert, engagierte man eben noch Elyas M’Barek für die Hauptrolle. Der darf hier seine in Fack ju Göhte etablierte Paraderolle spielen. Nur dass hier kein selbstsüchtiger Straßenproll sein Herz entdeckt, sondern ein selbstsüchtiger Arztsohnproll. Die Klamotten sind schicker geworden, das Umfeld ebenfalls. Ansonsten ist sein Lenny aber ohne große Inspiration hinüberkopiert worden. Und auch sonst zeigte man sich bei Dieses bescheuerte Herz völlig frei von künstlerischen Ambitionen. Da werden Dialoge lieblos und unnatürlich aneinanderklatscht, die altersschwachen Witze haben eine geringere Lebenserwartung als David, das Verhältnis der beiden bekommt gar nicht die Zeit, sich zu entwickeln. David, der laut seiner Betreuerin sehr verschlossen ist und niemanden an sich heranlässt, ist Minuten später schon Feuer und Flamme für Lenny – ohne dass dieser oder auch der Film irgendetwas dafür getan hätte.

Wenn Geld die Gefühle bestimmt
Das ist dann auch eines der größten Probleme von Dieses bescheuerte Herz: Der Film mag auf einer wahren Geschichte basieren, fühlt sich aber nie wahr an. Da gibt es viel zu viele Klischees und Konventionen, darunter die, dass hier nicht mal ein paar Minuten vergehen dürfen, ohne dass Musik alles zukleistert. Es wird an zahlreichen Stellen zu dick aufgetragen, wo es ein bisschen Raum zum Atmen gebraucht hätte. Hinzu kommen die üblichen Ärgerlichkeiten wie äußerst opportune Zufallsbegegnungen und Davids Schwächeanfälle, die immer genau im richtigen Moment stattfinden. Und das ist schon sehr schade, die eigentlich schöne Geschichte um eine besondere Freundschaft wird hier ihrer Besonderheit beraubt, der Film selbst so austauschbar, dass ihn keiner wirklich braucht. Gerade weil das Drama sich so stark um ein Herz dreht, ist es enttäuschend, wie wenig Herz es selbst hat. Anstatt es dem Publikum zu überlassen, ob es mit den beiden mitfühlt, wird hier auf zynische Weise Kasse gemacht. Da hätten die beiden Vorbilder nun wirklich etwas Besseres verdient.

Dieses bescheuerte Herz
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Dieses bescheuerte Herz
Ein Mann um die 30 lernt einen herzkranken Jugendlichen kennen und will ihm seine größten Wünsche erfüllen, das ist eigentlich eine schöne Geschichte. Leider traute man sich bei „Dieses bescheuerte Herz“ aber nicht, beim realen Vorbild zu bleiben und wandte lieber die „Gesetze des Films“ an. Heraus kommt ein Werk, das völlig austauschbar ist, zu keiner Zeit natürlich wirkt und pünktlich zu Weihnachten auf zynische Weise Kasse machen will.
4von 10

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